Sich für Europa einschreiben

von Stephan Kudert

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)


» Ein europäischer Studentenausweis kann vor dem Hintergrund zunehmender Freizügigkeit dazu beitragen, den damit verbundenen Aufwand und die Kosten für Studenten und Bildungseinrichtungen zu senken. Dabei werden die Verwaltungsprozesse vor, während und nach einer Periode der Mobilität entbürokratisiert. Zudem dient ein solcher Ausweis als ein sichtbares Symbol der europäischen Identität von Studierenden.

Von Vorteil wäre auch, dass Studenten sich bei jeder Hochschulinstitution innerhalb der Europäischen Union zuverlässig ausweisen könnten. Das würde einen sicheren elektronischen Austausch bildungsbezogener Daten (zu denen auch benotete Scheine und Studiennachweise gehören können) gewährleisten, wobei der Schutz persönlicher Daten respektiert und keine zusätzliche Infrastruktur für Informationstechnologie benötigt würde.

Der Studentenausweis würde Studierenden ermöglichen, Zugang zu vielfältigen Diensten zu erhalten (Bibliothek, Beförderung, Unterbringung), noch bevor sie bei der Institution im Ausland angekommen sind. Das könnte ein entscheidender Schritt sein, Freizügigkeit für alle zu realisieren, weil Institutionen so in die Lage versetzt werden, reibungsloser mehr Austauschstudenten zu entsenden und aufzunehmen und die Qualität der Bewegungsfreiheit der Studenten zu verbessern.

Auf der Grundlage der von der EU geförderten Pilotprojekte, die 2019 ausgeweitet werden sollen, sowie weiterer Analysen und Rücksprachen mit Interessenvertretern beabsichtigt die Kommission, den Einsatz des europäischen Studentenausweises bis 2021 schrittweise auszubauen. (...)

Europa verfügt über eine lange und stolze Tradition von Universitäten, die grenzüberschreitend kooperieren. Die neuen »Europäischen Universitäten«, die sich aus von unten nach oben gebildeten Netzwerken von Universitäten zusammensetzen, sollen diese grenzübergreifende Kooperation als strategische Zielsetzung verfolgen. Dabei geht es darum, dass Hochschulinstitutionen, die die gleichen Visionen und Werte teilen, gemeinsame langfristige Strategien für erstklassige Bildung, Forschung und Innovation entwickeln. Europäische Universitäten sollten den Ausbau hoch integrierter und offener Studienprogramme vorantreiben, die Lehreinheiten in verschiedenen Ländern kombinieren. Mobilität sollte als Standardmerkmal in Bachelor-, Master-, und Promotionsstudiengänge eingebettet werden und so dazu beitragen, dass ›europäische Abschlüsse‹ entstehen, die überall in Europa anerkannt werden. Eine Reihe grundlegender Richtlinien wird diese Europäischen Universitäten stärken: So könnte jede Art von Hochschulinstitution in jedem Mitgliedsland anhand fairer und ausgewogener Kriterien daran teilhaben.

Die Netzwerke sollten geografisch ausgewogen und sozial integrativ ein. Es wird keine Ausführung nach einem Schema F geben. Institutionen können die Ausführung, die ihren Bedürfnissen entspricht, im Zuge einer von unten nach oben verlaufenden offenen und transparenten Vorgehensweise einbringen und die Zielsetzung schrittweise entwickeln. Damit die Finanzierung nachhaltig ist, sollten Europäische Universitäten über eine Kombination von Einnahmen aus Mitteln der EU und nationalen Mitteln verfügen. Europäische Universitäten sollten zu Hauptbestandteilen des europäischen Hochschulwesens werden, da sie Exzellenz fördern und anderen Hochschulinstitutionen als Leitbild bewährter Verfahrensweisen dienen. Dabei geht es auch darum, die internationale Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität europäischer Hochschulbildung zu erhöhen. Sie sollten auf der Basis multidisziplinärer Konzepte arbeiten, bei denen Studenten, Innovation gemeinsam schaffen und miteinander teilen. So könnten sie dabei helfen, den großen gesellschaftlichen Veränderungen und dem Fachkräftemangel in Europa zu begegnen.

Auf diese Weise könnte auch der Beitrag erhöht werden, den Hochschulinstitutionen insbesondere durch ihre Beteiligung an der Entwicklung und Umsetzung von Strategien intelligenter Spezialisierung in ihren Regionen leisten. Die Kommission beabsichtigt, bis 2024 die Entstehung von mindestens zwanzig Europäischen Universitäten zu fördern. Eine derart ambitionierte Idee in die Praxis umzusetzen, bedarf allerdings der Zeit für eine gründliche Vorbereitung und die Bereitstellung ausreichender Ressourcen. In der Anfangsphase arbeitet die Kommission bereits eng mit Mitgliedsstaaten und Interessenvertretern zusammen, um das Konzept zu entwickeln. Dabei wird die Einführung von Pilotprojekten empfohlen, die 2019 und 2020 im Rahmen des Erasmus+-Programms beginnen und ab 2021 umfassend umgesetzt werden sollen. Auf der Grundlage dieser Pilotprojekte und der Erfassung bestehender Netzwerke wird die Kommission unter Rücksprache mit den Interessenvertretern die Möglichkeit prüfen, bis 2025 ein diesen Sachverhalten gewidmetes rechtskräftiges Gesetz für Europäische Universitäten zu schaffen.«

Kommentar von Stephan Kudert:

Wäre ein europäischer Studentenausweis sinnvoll? 

Zu diesem Vorschlag stellt sich eigentlich nur eine Frage: Warum gibt es ihn nicht bereits? Er verursacht kaum Zusatzkosten. Dem stehen aber vielfältige Zusatznutzen gegenüber, zum Beispiel Mensaessen und Museumsbesuche zum Studententarif. Der Europäische Studentenausweis ist technisch ein kleiner Schritt, der schnell und kostengünstig gegangen werden kann.

Die Kommission will transnationale Netzwerke aufbauen, reicht das? 

Transnationale Netzwerke in Forschung und Lehre sind zwar wünschenswert, können aber lediglich Zwischenschritte sein. Spannend sind die Gründungen echter Europäischer Hochschulen mit gemeinsamen Fakultäten. Gemeinsam mit der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen planen wir die Gründung einer deutsch-polnischen Fakultät

 Wie realistisch sind die Pläne?

Neben den inhaltlichen Herausforderungen gibt es hochschul-, gesellschafts-, steuer- und sozialversicherungsrechtliche Probleme. Solche Projekte brauchen politische Unterstützung und langen Atem. Daher ist es gut, wenn die Kommission auch den zweiten Schritt mitdenkt, bis 2025 ein Gesetz für Europäische

Auszug aus »Building a stronger Europe: the role of youth, education and culture policies« Zum Download: ec.europa.eu/education/ sites/education/files/combuildingastrongereurope_ en_act_part1_v7.pdf

Aus dem Englischen von Tanja Busch



Ähnliche Artikel

Une Grande Nation (Thema: Frankreich)

„Macron will Lehrer in die Vororte schicken“

ein Gespräch mit Alfred Grosser

Der Politologe über die französische Jugend und ihre Bildungschancen. Ein Gespräch 

mehr


Das neue Italien (In Europa)

Einseitiges Türkeibild auflösen

von Zeynep Kuban

Nach dem vereitelten Militärputsch werden viele Künstler und Wissenschaftler in der Türkei verfolgt. Was bedeutet das für den Kulturdialog zwischen Europa und dem Land am Bosporus?

mehr


Eine Geschichte geht um die Welt (Praxis)

In eigenen Händen

von Leonie Düngefeld

Die NGO Ketaaketi geht neue Wege in der Entwicklungszusammenarbeit. Sie setzt auf Autonomie und Eigeninitiative der Menschen in den Partnerländern

mehr


Das neue Italien (Thema: Italien )

„Die Italiener haben eine sehr eigenartige Beziehung zur EU“

ein Gespräch mit Antonio Negri

Der Philosoph Antonio Negri über die Politik Renzis, die Flüchtlingskrise und die Rolle Italiens in der Welt

mehr


e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert (Pressespiegel)

Unbezahlbares Europa

Die Krise des Euro wird zur Bewährungsprobe für die ganze Europäische Union

mehr


Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Weltreport)

Die große Leere

von Rutendo Mars

In Simbabwe können sich Schüler und Studenten ihre Ausbildung nicht mehr leisten. Viele ihrer Lehrer haben das Land bereits verlassen

mehr