„Mich schützt die Entfernung“

ein Interview mit Chinelo Okparanta

Das ärmste Land, das reichste Land (Ausgabe III+IV/2018)


Frau Okparanta, der Anfang Ihres Romans »Unter den Udala Bäumen« erzählt von der Kindheit der Protagonistin Ijeoma, die während des nigerianischen Biafra-Krieges aufwächst. Wie kamen Sie dazu, sich mit dieser düsteren Vergangenheit zu befassen?

Ich bin mit den Geschichten meiner Mutter über ihre Kindheit während des Biafra-Krieges groß geworden. Sie hat ihren Vater früh verloren, als sein Haus von Bomben getroffen wurde, genauso wie der Vater von Ijeoma früh im Buch stirbt. Schon von klein auf wurde mir erzählt, wie sehr unsere Familie nach seinem Tod gelitten hat. Sie haben all ihren Besitz verloren und meine Mutter musste als Hausmädchen arbeiten. Anders als Ijeoma, die anständige Arbeitgeber hat und keine besondere Misshandlung erfahren muss, musste meine Mutter als Hausmädchen manchmal Hunger leiden.

Im Roman vermischen Sie Igbo, Englisch und Pidginsprache. Warum?

In meiner Kindheit in Nigeria haben die Leute Igbo und andere einheimische Sprachen gesprochen und haben sie, genauso wie Pidgin, mit Englisch vermischt. Manchmal überwiegt Pidgin – etwa auf Märkten, da es die Handelssprache ist. In der Schule haben wir Englisch gesprochen, außer wir hatten Pause und haben mit Freunden derselben Muttersprache gespielt. Zu Hause hat das Hausmädchen Pidgin gesprochen und wir sollten förmliches Englisch sprechen, aber meine Mutter hat immer Igbo benutzt. Das Wechseln zwischen den Sprachen hatte einen angenehmen Fluss, der, denke ich, auch im Roman sehr natürlich rüberkommt.

Manche Igbo-Sätze werden im Roman gar nicht übersetzt ...

Wenn meine Mutter mit uns schimpfte, schrie sie uns erst auf Igbo an und dann noch mal auf Englisch. Das ist in den Roman eingegangen. Manchmal habe ich das Igbo auch übersetzt, nämlich dort, wo Literatur uns helfen kann, Geschichten der Igbo zu bewahren. Ich habe sie so aufgeschrieben, wie ich mich an sie erinnere. Es sind die Märchen, die meine Mutter meinen Geschwistern und mir erzählt hat. Oft gehören auch Lieder dazu. In einer Welt, in der viel kulturelles Erbe vom Aussterben bedroht ist, habe ich mich bewusst dazu entschieden, diese Sagen in meinem Roman festzuhalten.

Sie leben in den USA. Gibt Ihnen diese Entfernung die Freiheit, über für Nigeria potenziell brisante Themen zu schreiben – wie die lesbische Liebesgeschichte im Zentrum ihres Romans?

In gewisser Weise beschützt mich die Entfernung. Doch als ich in Nigeria auf Werbetour für mein erstes Buch »Happiness, Like Water« war, haben einige Leute in den sozialen Medien gedroht, mich zu überfallen. Und einmal wurde ich von einem Radiosender interviewt und in letzter Minute sagte die Interviewerin, sie könne doch nicht über mein Buch reden, weil sie sonst wegen der LGBT-Thematik eine Geldstrafe zahlen müsste.

Kann die Literatur in Nigeria etwas daran ändern, wie die Homosexuellen wahrgenommen werden?

Ich habe tatsächlich einen Einstellungswandel feststellen können. Seit dem Erscheinen meines zweiten Buches bekomme ich Briefe von Nigerianern, die mir mitteilen, wie dankbar sie sind, meine Bücher gelesen zu haben, weil sie so ein neues Verständnis für die menschliche Natur erlangen konnten und jetzt viel mehr Respekt vor Menschen haben, die anders leben als sie. Ich bekomme auch Briefe von Mitgliedern der LGBT-Community in Nigeria, die total glücklich sind, meinen Roman entdeckt zu haben, weil sie sich darin endlich »gesehen« fühlen.

Unter den Udala Bäumen. Wunderhorn, Heidelberg, 2018.

Das Interview führte Jess Smee
Aus dem Englischen von Ulla Grefe



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