Die Kraft der Seekuh

von Edem Archibong Eniang

Helden (Ausgabe II/2018)

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Ein Manati. Illustration: racto/iStockphoto


Die Afrikanische Seekuh oder Manati gehört zu den am meisten missverstandenen Säugetieren Nigerias. Unter den Völkern entlang der Flussufer kursieren unheimliche Geschichten und Lieder über diese in Wirklichkeit sanften Riesen der Gewässer. Ihnen werden mystische Kräfte zugeschrieben. Als »Mama Wasser« oder Meerjungfrauen mit voluminösen Brüsten, so erzählt man, kitzeln sie Schwimmer mit ihren Brustwarzen an den Achselhöhlen, bis sie vor Lachen ertrinken. In manchen Dörfern ist es Frauen verboten, in das Gesicht eines Manati zu blicken, sogar beim Schlachten werden die Köpfe der erlegten Tiere bedeckt.

Wegen dieser Geschichten werden ihren Körperteilen starke Kräfte zugesprochen, sie sind eine begehrte Jagdbeute. Aus den Knochen stellen die Medizinmänner ein Pulver zur Wundpflege her. Sie kaufen den Jägern auch den Darminhalt ab und stellen Heiltränke oder Einläufe daraus her. Getrocknet und verbrannt soll der Dung gegen Albträume helfen. Der Penis erzielt als vermeintliches Aphrodisiakum einen hohen Preis, die Haut wird gegessen, um Lungenentzündung oder Asthma zu heilen. Aus den Ohr- und Kieferknochen (jeder ist 20.000 Naira, umgerechnet 45 Euro, wert) werden Zauberamulette gemacht. Glücklicherweise gibt es auch Gegenden, etwa am Nigerdelta, wo Manatis als heilige Totemtiere gelten. Wer dort ein Tier jagt, muss es zum Verkauf in eine andere Region schmuggeln. 



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