Der Onkel und die Physikerin

von Cem Sey

Helden (Ausgabe II/2018)


»Kabadayı?«, ein Begriff, der im Deutschen mit »strenger Onkel« übersetzt werden kann, beschreibt eine Kultur, die in den letzten Jahren des Osmanischen Reiches entstand. »Onkel« waren demnach Männer, die mit ihrer Meinung im gesellschaftlichen Leben des Osmanischen Reiches den Ton angaben. Sie galten als Fürsprecher der Armen und Schwachen und als ehrlich. Sie stellten klar, dass der Kampf für die Unterdrückten nicht ohne »gerechte Gewalt« vonstatten gehe.

Das Sujet des populären Helden, der hemdsärmelig gegen die blinde Ungerechtigkeit der Privilegierten kämpft, erlebt am Bosporus gerade seine Renaissance. Ohne Frage, der bekannteste Kabadayı in der Türkei ist heute der Staatspräsident. Recep Tayyip Erdoğan hat sein Image als jemand, der Tacheles redet, perfektioniert und ist zum Helden aller avanciert, die eine postmoderne Kultur der Unterkomplexität ersehnen. Erdoğans vergleichsweise arme Familie stammt von der Schwarzmeerküste. Er wächst in Kasımpaşa auf, einem Istanbuler Stadtteil kleiner Leute. Als Kind verkauft Erdoğan Sesamkringel, um das magere Einkommen der Familie aufzubessern. Aufgeweckt und früh politisiert, schließt sich Erdoğan keiner etablierten Partei an, sondern wird Chef der Jugendorganisation der islamistischen Partei des Nationalen Heils. »Akıncılar« werden sie genannt und machen gerne mit den faschistischen Grauen Wölfen gemeinsame Sache gegen linke Jugendorganisationen. Ihre Gegner, die Linken, liebäugeln ihrerseits mit der schnauzbärtigen Kabadayı?-Kultur. Bei ihnen verkörpert der Onkel jedoch den Sozialrevolutionär, der gegen die besitzenden Eliten vorgeht. Die kurdische Bewegung liebt den rauhen Charme des Kabadayı? ebenfalls.

Ihr bis heute unbestrittener Führer Abdullah Öcalan verkörpert ihn mindestens so authentisch wie Erdoğan. Im Vergleich zu seinen Konkurrenten hat Erdoğan allerdings ein Ass im Ärmel: Er ist gläubiger Muslim. Seinen Glauben und mit ihm das sich in der Atatürk-Republik unterdrückt fühlende Milieu nutzt er geschickt, um seine politische Karriere voranzutreiben. Sein Selbstbild und sein Auftreten ist das eines Mannes, der sein Wort hält. Wer mit ihm zu tun hat, begreift schnell, dass Erdoğan stets meint und tut, was er sagt. Das kommt gut an. Ja, er ist dabei brutal, aber das Leben ist schließlich hart. Beim »Kabadayı? 2.0« geht es aber nicht mehr um Volksnähe.

Die einst populäre Stadtteilfigur des Onkels ist längst zum Terminator im vermeintlichen Kulturkampf gegen eine westlich orientierte Elite gereift. Tatsächlich hat Erdoğans nunmehr 15 Jahre währende Regentschaft soziale Umwälzungen bewirkt, die ihm seine Wähler danken: Kopftuchtragende Frauen werden nicht mehr diskriminiert. Anatoliens Bauern geht es besser als je zuvor. Die Allmacht des Istanbuler Kapitals ist gebrochen, so wie die des westlich geprägten Militärs. Gleichzeitig sind die Zeiten längst vorbei, in denen Erdoğan und seine Gefolgschaft gegen »die da oben« opponieren können. Im Gegenteil: »Da oben« sind jetzt nur noch er und seine Leute. In seinem großen Präsidentenpalast degeneriert Erdoğans Kabadayı?-Verhalten zu sinnloser, menschenverachtender Brutalität. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als die ganze Türkei zu seinem Heimatviertel Kasımpaşa umzudeuten.

Unermüdlich stilisiert er daher sich selbst und das ganze Land zum Opfer einer rücksichtslosen Welt. »Die Welt ist größer als fünf« ist ein Lieblingsspruch Erdoğans, womit er auf die ungerechten Machtverhältnisse im UNO-Sicherheitsrat anspielt. Den USA unterstellt er, Terroristen zu unterstützen. Über die EU sagt er, deren Worte gingen zum einen Ohr rein und zum anderen wieder hinaus. In guter Kabadayı?-Manier ging Erdoğan bis vor Kurzem keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Doch in Wladimir Putin hat er seinen Lehrmeister gefunden. Nachdem die Türkei Ende 2015 einen russischen Kampfjet abgeschossen hatte, stoppte Putin den Strom russischer Touristen nach Antalya, verbat türkische Importe und Aufträge an Baufirmen. Wenige Monate später gab Erdoğan auf.

Die anatolische Volksweisheit empfiehlt: »Bükemediğin eli öp«, Küsse die Hand, die du nicht bezwingen kannst. Wenn impulsive, aus dem Bauch heraus agierende Populisten wie Recep Tayyip Erdoğan bei ihren Fans Heldenverehrungshormone freisetzen, was ist dann Angela Merkel? Eine Antiheldin? Oder ist sie, hinter der landpomeranzenhaften Freundlichkeit, die sie ausstrahlt, die Superwoman der deutschen Interessen?

Merkel passt in keine Schublade. Als Frau in der damals durch und durch von Helmut Kohl geprägten Christlichen Demokratischen Union musste sich Angela Merkel zweifelsohne schweren Aufgaben stellen: dem anfänglichen gnadenlosen Machtkampf mit Bayerns Edmund Stoiber, dem taktischen Abservieren ihres innerparteilichen Gegners Friedrich Merz. Allerdings wirkte Merkel dabei so, als habe sie damit kaum etwas zu schaffen. Die deutsche Kanzlerin, nun in ihrer vierten Legislaturperiode, hat nach Meinung der meisten Kommentatoren bisher auch keine ungewöhnliche Tat vollbracht. Zwar mag sie die »Heldin der Flüchtlinge « genannt worden sein, doch eine Heldin der Deutschen ist sie deswegen nicht geworden. Das Bild einer Physikerin, die als Beobachterin eine soziale Vektorgleichung betrachtet, beschreibt Merkel am besten. Die erfolgreiche Naturwissenschaftlerin weiß: sich an die Seite bestimmter sozialer Gruppen zu stellen bedeutet, einzelne Vektoren in der Gleichung zu stärken. Das ändert das Gleichgewicht. Die Folgen eines solchen Schrittes lassen sich allerdings nur schlecht kontrollieren.

Die Folge ist: Die Kanzlerin stellt sich hinter niemanden. Das ist keinesfalls unsympathisch, aber auch nicht herzerwärmend. Es fällt leicht sich vorzustellen, wie Merkel sich, am Fenster des Kanzleramtes stehend, physikalischen Ableitungen gleich logische Strategien für ihre nächsten politischen Schritte zurechtlegt. Merkel ist für ihre »ruhige Hand« in der Politik bekannt. Nicht wenige halten Angela Merkel gerade deshalb sogar für eine passive Politikerin, die jede Krise einfach aussitzt. Doch vielleicht ist sie eher ein Mastermind, das mit den gesellschaftlichen Vektoren perfekt umzugehen weiß. Nur, wir bemerken es nicht.

Merkel kann auch irritieren. Vor allem die Frauen. Als seit Jahren mächtigste Frau der Welt haben Frauen von ihr immer mehr erwartet. Sie ist keine Ikone des Kampfes für Gleichberechtigung und der Emanzipation junger Millenials geworden. Merkel, die erste Frau in der deutschen Geschichte, der es gelang, nach ganz oben zu klettern, ist nicht einmal der Typ, um nach ihrer Kanzlerschaft einen Bestseller mit dem Titel »Die Kunst des Regierens« zu schreiben. Merkel, das ist bei allen Superlativen schlicht Alltag. Für junge Menschen ist es ganz normal, dass in Deutschland eine Kanzlerin regiert. Die Männern auch mal sagt, wo es langgeht, die Wahlen gewinnt, auch mal Fehler macht und gerne Kartoff eleintopf kocht. Nur einmal ließ die nordostdeutsche Physikerin ihren Gefühlen freien Lauf und damit ihrer protestantischen Ethik die Vorfahrt vor politischem Kalkül.

Im Sommer 2015, als Hunderttausende Flüchtlinge sich auf den Weg nach Europa machten, ließ Merkel ihre Mitmenschlichkeit sprechen: »Wir schaffen das!« Mit diesem leisen, fast trotzigen Satz stieg Merkel in den globalen Heldinnen- Olymp auf. Von Kabul bis Toronto prasselte Lob auf die deutsche Kanzlerin. Doch Merkels Absturz im Laufe der Flüchtlingsdebatte war umgekehrt proportional. Inzwischen korrigierte sie ihre Haltung zu den Flüchtlingen. In ihrer jüngsten Regierungserklärung formulierte sie selbstkritisch, ihre Hoffnung sei »falsch und naiv« gewesen. Merkel, die Ostdeutsche Nummer eins, fiel schon in ihrer früheren Heimat, in der DDR, als schlechte Ideologin auf. In ihrer Promotion erreichte sie in Physik ein »sehr gut«. Im Fach Marxismus- Leninismus reichte es für ein »genügend«. Merkel ist keine Heldin wie Jeanne D’Arc, die für ihre Überzeugung und ihren Glauben starb. Merkel ist vielleicht eine ganz postmoderne Art von Heldin – eine, die sich einer schweren und unlösbaren Gleichung stellt und dabei so halbwegs alle Kräfte und Vektoren in Schach hält, damit das Koordinatensystem der Republik trotz gewaltiger Plattentektonik und Druckwellen nicht groß aus der Balance gerät. 



Ähnliche Artikel

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Themenschwerpunkt)

Ankara für Anfänger...

Dilek Zaptçio?lu

Jeder kennt Istanbul. Aber was ist eigentlich in Ankara los?

mehr


Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Themenschwerpunkt)

Was die Türken gerne … ... sehen, hören und lesen

Kemal Çalik

„Städte aus Frauen“

mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Themenschwerpunkt)

Kleine Deutsche basteln

Simone de Beauvoir

Simone de Beauvoir floh 1940 vor dem Einmarsch der deutschen Truppen aus Paris in die französische Provinz. In ihrem Tagebuch beschreibt sie die ersten Begegnungen zwischen deutschen Wehrmachtssoldaten und Franzosen:

mehr


Frauen, wie geht's? (Kulturprogramme)

Anstiftungen zur Demokratie

Christine Müller

Ideologische Grenzen zählen nicht: In der Auslandsarbeit wollen alle politischen Stiftungen dasselbe – Demokratie fördern

mehr


Une Grande Nation (Das Dokument)

Ein bisschen mehr Frieden

Christiane Lammers

Die Bundesregierung hat Leitlinien zur Konfliktbewältigung vorgelegt. Ein Kommentar von der Friedensforscherin Christiane Lammers

mehr


Körper (Bücher)

Wie über Karikaturen gestritten wird

„Meinungsfreiheit“, „Respekt“ oder „das Heilige“ sind umstrittene Begriffe. Der Streit um die dänischen Mohammedkarikaturen führte ­dies exemplarisch vor. Doch ... mehr