Gedichtregen

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Es ist der Moment, in dem Abertausende Gedichte vom Himmel fallen, der Cristobal Bianchi fasziniert. Wenn die Menschen auf den Straßen loslaufen und sich recken, um die Gedichte aus der Luft zu fangen, und Wildfremde anfangen, miteinander zu sprechen und die bedruckten Kartonagen untereinander zu tauschen. Mit der Gruppe „Casagrande“ führt der studierte Psychologe seine Kunstaktion an Orten durch, die von Krieg und Diktatur gezeichnet sind. 10.000 Gedichte regnen dabei aus Flugzeugen und Hubschraubern auf die Zuschauer herab. „Es geht darum, einem schrecklichen Ereignis aus der Vergangenheit ein positives Ereignis entgegenzusetzen“, erklärt Bianchi.

Die Idee zum „Rain of Poems“ entstand Ende der 1990er-Jahre in seiner Heimat Chile. Nach Jahren der Pinochet-Diktatur wurde dort die „Transición“, der Übergang zur Demokratie, eingeleitet. Die Künstlerinitiative „Casagrande“ suchte nach eigenen Mitteln, mit dieser Situation umzugehen. Mit dem Bombardement des Regierungspalastes in Santiago de Chile war dort 1973 die Diktatur über das Land hereingebrochen. „Wir wollten ein Bild erzeugen, das in die Zukunft weist. So wie man ein neues Kapitel in einem Buch aufschlägt.“ Also entschloss sich „Casagrande“, den Palast erneut zu „bombardieren“ – diesmal mit Gedichten. „Viele nahmen dies sehr emotional auf.

Alle Gedichte wurden von den Bürgern aufgelesen, keines blieb auf dem Boden liegen“, freut sich Bianchi, der inzwischen in London lebt.
Den Gedichtregen hat er mit nach Europa gebracht. In Guernika, Dubrovnik und zuletzt im Sommer vergangenen Jahres in Warschau haben „Casagrande“ den „Rain of Poems“ zelebriert. In Spanien wurde die Aktion zur Freude des Machers bereits von einer anderen Stadt im Baskenland übernommen. Sein Traum? „Das Poesiebombardement in Deutschland durchzuführen. Am liebsten in Dresden oder Berlin“, erklärt Bianchi.



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