Liebe ist für alle da!

von Gundula Haage

Helden (Ausgabe II/2018)


»Das einzige körperliche Merkmal, das Männern an mir auffällt, ist meine Handprothese«, schreibt Parvathy Gopakumar. »Mein Witz, mein Intellekt, selbst mein hübsches Gesicht – all das spielt plötzlich keine Rolle mehr.« Sie erzählt von einer langen und enttäuschenden Suche nach Liebe in Bangalore, wo alle romantischen Hoffnungen an ihrer künstlichen Hand zu zerschellen scheinen. In einem Land, in dem selbst grundlegende Sexualaufklärung vielerorts verboten ist, kommen Menschen mit Behinderung schlichtweg nicht vor, sobald es um Liebe und Sex geht. Als befänden sie sich im blinden Fleck der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, beschreibt Shreya Ila Anasuya: Die Redakteurin betreut seit zwei Jahren das Onlinemagazin Skin Stories der Frauenrechtsorganisation Point of View, um genau diese Leerstelle zu füllen. In persönlichen Essays erzählen Frauen wie Parvathy, was es bedeutet, sich als Mensch mit sichtbarer oder unsichtbarer Behinderung mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen.

»Es gibt eine ganze Menge an Vorannahmen, wie Menschen mit Behinderungen sind oder zu sein haben. Dass sie sexuelle Bedürfnisse haben, gehört nie dazu«, erzählt Shreya. Viele Vorurteile über Menschen mit Handicap halten sich demnach hartnäckig: Dass eine Behinderung alle anderen Aspekte des Lebens überlagere. Dass geistig behinderte Menschen hypersexuell seien. Oder dass es moralisch verwerflich sei, wenn Menschen mit Behinderung eine Familie gründen wollen. »In Indien ist man besessen von der heterosexuellen Ehe, sie gilt als Mekka aller Beziehungen. Wenn man als nicht geeignet für die Ehe angesehen wird, ist man aus diesem ganzen Kosmos ausgeschlossen«, erklärt Nidhi Goyal, die als Autorin für Skin Stories schreibt. Wöchentlich erscheint dort ein neuer Essay. Manchmal über schmerzvolle Erfahrungen, aber auch oft voller Lebensfreude. Zusammen erzeugen sie ein komplexes und menschliches Bild, fern aller Vorurteile. Das kommt an: Die Essays werden weltweit gelesen. Kürzlich nutzte sogar Amnesty International einige Geschichten, um Lehrer in England für diese Themen zu sensibilisieren.

Neben dem literarischen Engagement organisieren die Aktivistinnen  auch Sexualkunde explizit für Kinder mit Behinderung und stellen frei zugängliches Informationsmaterial ins Netz. Dort finden sich Antworten auf viele praktische Fragen: Wie sollten Eltern eines behinderten Kindes damit umgehen, wenn es seine Sexualität  entdeckt? Was kann Selbstliebe sein, wenn man querschnittgelähmt ist? Wie spricht man über die eigenen sexuellen Bedürfnisse? »Wir dachten uns: Wenn schon, dann richtig«, sagt Shreya. Denn: »Sexualität ist mehr als nur Sex. Es umfasst deine Geschlechtsidentität, deine Erotik, dein Begehren. Jemandem Sex zu verwehren, spricht dem Betroffenen einen riesigen Anteil des Menschseins ab.« Um das zu ändern, leistet Skin Stories weit über die Landesgrenzen hinaus Pionierarbeit.



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