Michael Müller-Verweyen über Sonntage in Hongkong

Michael Müller-Verweyen

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Der Augenschein trügt nicht, Hongkong mit seinen Wolkenkratzern ist eine Stadt der Vertikale. Vergeblich sucht man hier Stadtteile wie „Little Italy“ in New York, Yokohamas Chinatown „Yokohama chuka-gai“ oder „Little India“ in Singapur. Hongkongs südostasiatische ethnische Minderheiten leben nicht in festen räumlichen Bezirken der Stadt. Man findet sie überall, wenn auch nur zu bestimmten Zeiten.
Es ist der Sonntag, an dem die fast eine Viertel Million „foreign domestic helpers“, die vor allem von den Philippinen und aus Indonesien stammen, das Bild von Hongkong Island bestimmen – denn dann haben sie ihren freien Tag. Wo während der Woche noch Hunderte von Büroangestellten in Anzügen und Kostümen in gedeckten Farben das Bild prägen, entstehen am Sonntag flüchtige Orte der Zusammenkunft. Es sind die weiblichen Hausangestellten, die sich zu Tausenden in Gruppen von acht bis zwölf Personen treffen, gemeinsam essen, singen, tanzen, sich die Haare flechten oder einfach den Tag verbringen. Wenn man vor ihnen steht, ist man verblüfft, wie leise das Ganze stattfindet. Das sonntägliche Treffen im öffentlichen Raum ist der Wohnsituation geschuldet, private Treffen in den Wohnungen der Arbeitgeber gelten als unangemessen, der dort zugestandene Raum ließe auch nicht viel zu. So drängt die Intimität der heimischen Wohnung in den öffentlichen Raum.
Die Filipinas treffen sich vor allem vor dem Legislative Council, im überdachten und öffentlich zugänglichen Bereich der HSBC Bank. Die Indonesierinnen, gekleidet in Sarong und Kopftuch, im Victoria Park, der während der Woche die Sportstätte gestresster Büroangestellter ist. Hongkongs öffentliche Plätze werden im geselligen Zusammensein der ethnischen Minderheiten, der Haushaltshilfen und Kinderfrauen aus Südostasien, an Sonntagen zu Orten der Verbindung mit den Heimatkulturen.
In einer Stadt, die sich einer auf Wirtschaftswachstum und technische Effizienz beschränkten Moderne verschrieben hat, überrascht dies. Sind wir es in Europa gewohnt – ob nun gläubig oder nicht –, Kirchenarchitektur profan als Kunstwerk zu betrachten, so werden hier in Hongkong die säkularen und kunstvoll gestalteten Areale einer Finanz-, Shopping- und Fitnesswelt an den businessfreien Tagen zu „Tempeln“ einer gelebten Kultur.
Es gibt also eine ästhetische Teilhabe der „foreign domestic helpers“ an der Stadt. Wenn die öffentlichen Plätze in Hongkong an den Sonntagen für die philippinische und indonesische Diaspora so etwas wie ein „nach außen gestülptes Wohnzimmer“ sind, wo bleibt dann aber für sie der öffentliche Raum, in dem sie ihre Belange artikulieren können?



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