Zwischen Aprikosen- und Mandelbäumen

von SAID

Helden (Ausgabe II/2018)


Die Schule war 1891 von protestantischen US-Missionaren gegründet worden. Howard Baskerville lehrte Geschichte, Englisch und Geometrie in den gemischten Klassen, wo Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet wurden. Der junge Amerikaner unterstützte bald die konstitutionelle Revolution, die für eine parlamentarische Demokratie kämpfte. Da er in Amerika Wehrdienst geleistet und eine militärische Ausbildung genossen hatte, bot er sich als Ausbilder für die Freiheitskämpfer an und gründete mit 150 Mann die Befreiungsgruppe Foudsch-e Nedschat. Eines Tages besuchte ihn der amerikanische Konsul: »Ich bin verpflichtet, Ihnen mitzuteilen, dass Sie als amerikanischer Bürger nicht das Recht haben, sich in die inneren Angelegenheiten des Irans einzumischen. Sie sind als Lehrer hier und nicht als Revolutionär.« Baskerville soll ihm geantwortet haben: »Der einzige Unterschied zwischen diesen Menschen und mir ist unser Geburtsort , und das ist kein großer Unterschied.«

Als russische Kosaken, vom König angeheuert, Tabris belagerten und sie aushungerten, spitzte sich die Lage zu. Sattar Chan, der Führer der Revolution, rief aus: »Wir fressen Gras, aber wir ergeben uns nicht.« Baskerville konnte nicht mehr tatenlos zusehen und griff die russische Kosakenbrigade an. Am 19. April 1909, neun Tage nach seinem 24 . Geburtstag, wurde er im Kampf von einer Kugel getroffen. Er kämpfte unter dem direkten Befehl von Sattar Chan, dem Nationalhelden, der in Iran ebenso viel Ansehen genießt wie General Washington in Amerika. Tausende säumten trauernd die Straßen, als Baskervilles Sarg zum armenischen Friedhof getragen wurde. Sein einfaches Grab liegt in einem kleinen Hof zwischen Aprikosen- und Mandelbäumen. Hier sprach Hassan Taghizadeh, einer der Führer der Revolution: »Das junge Amerika, der junge Baskerville, hat für die junge iranische Verfassung ein Opfer gebracht.« Die Frauen von Tabris webten einen Teppich mit seinem Konter fei und schickten ihn an seine Mutter in die USA – mitsamt seinem Gewehr, das in eine iranische Fahne eingewickelt war. Fünf Tage nach Baskervilles Begräbnis bekamen seine Eltern in Minnesota ein Telegramm von Sattar Chan: »Iran trauert um den Verlust ihres Sohnes, der für die Freiheit gestorben ist. Wir schwören, dass sein Andenken in Iran zukünftig geehrt und bewahrt wird.«

Professor Thomas M. Ricks diente in den 1980er-Jahren als Freiwilliger des Friedenskorps in Iran. Er besuchte oft das Grab Baskervilles in Tabris, zu einer Zeit, als der Antiamerikanismus dort auf dem Höhepunkt war. Er bezeugte: »Das Grab war immer von gelben Rosen bedeckt. Aufgrund des politischen Klimas gaben natürlich alle vor, keine Ahnung zu haben, wer die Blumen dort hingelegt hatte.« 



Ähnliche Artikel

Helden (Ich bin dafür, dass ...)

… wir die UNESCO politisch effizienter machen

von Roland Bernecker

Die USA haben im Oktober 2017 ihren Austritt aus der UNESCO, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, angekündigt

mehr


Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen (Thema: Wachstum)

Das gefälschte Ich

von Farnaz Seifi

Wie eine iranische Bloggerin bedroht und ihrer Identität beraubt wird

mehr


Das Deutsche in der Welt (Bücher)

Public Diplomacy der USA

von Renate Heugel

Befürworter einer US-amerikanischen Public Diplomacy haben es oft schwer, sich Gehör zu verschaffen. Im Zweifelsfall vertrauen die USA eher ihrer militärischen ...

mehr


Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Bücher)

Der 11. September und die Folgen

Gudrun Czekalla

Eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Anschlägen des 11. September 2001 fand in den Vereinigten Staaten zunächst nicht statt. Erst seit 2005 lässt sich ... mehr


Das neue Italien (In Europa)

Ein Anwalt stirbt in Dachau

von Elissa Frankle

Was wussten die Amerikaner zwischen 1933 und 1945 über die Judenverfolgung? Das Holocaust-Gedenkmuseum in Washington schickt Privatleute auf die Spurensuche in Lokalzeitungen

mehr


Geht doch! Ein Männerheft (Thema: Männer)

„Viele Aussteiger sehnen sich nach Liebe“

ein Gespräch mit Alec Soth

Der Fotograf Alec Soth ist durch die USA gereist und hat Männer getroffen, die in der Wildnis leben

mehr