Fingerbillard in Ostberlin

von Arif Naqvi

Erde, wie geht's? (Ausgabe I/2018)


Ich komme aus Lucknow, einer Stadt im Norden Indiens, etwa 500 Kilometer östlich von Delhi. Ähnlich wie Weimar in Deutschland ist Lucknow in Indien als Kulturstadt bekannt, besonders stolz ist man dort auf die Sprachkultur, da Hindi und Urdu gleichermaßen zu hören sind.Nach der Schule habe ich an der Universität in Lucknow Literatur studiert und nebenher an Hörspielen für das Radio und Bühnenadaptionen für ein Theater gearbeitet, bevor ich nach meinem Abschluss zwei Jahre lang an ein Theater in Delhi ging.

Doch ich suchte eine tiefere Auseinandersetzung mit der Theorie des Dramas, wobei mich besonders Bertolt Brecht faszinierte, der damals in Indien viel gespielt wurde. Im Herbst 1961 bekam ich das Angebot, für eine Dissertation nach Deutschland zu gehen. Aufgrund der intensiven Beziehungen zwischen Indien und der DDR gab es in dieser Zeit einen regen kulturellen Austausch. Kurz nach dem Bau der Berliner Mauer kam ich in Leipzig an, meiner ersten Station in Deutschland. Ich besuchte dort ein halbes Jahr lang einen Deutschkurs. Man hatte mir einen einjährigen Kurs nahegelegt, aber auf drei Jahre Aufenthalt gerechnet schien mir das unverhältnismäßig.

1962 zog ich weiter an Brechts Wirkungsstätte, nach Ostberlin. Ich beschäftigte mich mit dem epischen Theater, doch nach etwa einem Jahr bot man mir an, als Sprachlehrer für Hindi und Urdu an der Humboldt-Universität sowie als Auslandskorrespondent für die indische Nachrichtenagentur PTI zu arbeiten. Diese Jobs füllten mich so sehr aus, dass ich von Brecht und dem Promotionsvorhaben abkam. Seit meiner Jugend hatte ich geschrieben, doch erst damals begann ich, Gedichte und Geschichten auf Urdu und Hindi zu veröffentlichen. So bin ich in Indien als Schriftsteller bekannt geworden. Bei meinen Reisen in die Heimat habe ich dann nicht nur meine Familie besucht, sondern auch meine Bücher vorgestellt und viele Persönlichkeiten kennengelernt. Mit dem indischen Schauspieler Sunil Dutt etwa verband mich über die Distanz eine lange Freundschaft.

Obwohl mir bewusst war, dass ich in eine frisch geteilte Stadt gezogen war, hatte die Mauer wenig Einfluss auf mein Leben. Als Journalist aus dem Ausland konnte ich mich frei bewegen und Termine auf beiden Seiten der Grenze wahrnehmen. Auch waren da die Teilung Koreas und die Grenzziehung zwischen Indien und Pakistan 1947, sodass mir die innerdeutsche Grenze weniger als Einzelfall, sondern als Teil einer weltweiten Dynamik erschien. Ich hatte nie Probleme, mich in das neue Land und die neue Kultur einzufinden. Obwohl ich persönlich keine Diskriminierung erfahren habe, spürte ich dennoch, dass Indien vielen als kulturlos galt. Ich war damals Vorsitzender eines indischen Vereins und habe mich gefragt, was ich tun kann, um die indische Kultur bekannter zu machen. Ich dachte an die traditionellen Drachen, mit denen in Indien Wettbewerbe und Kämpfe ausgetragen werden. Die brauchen aber ein bestimmtes Klima, um gut zu fliegen. Dann kam mir ein in Indien weitverbreitetes Brettspiel in den Sinn, das ich als Kind oft gespielt hatte und das in Europa kaum bekannt war: Carrom. Dabei versenken die Spieler billardartig kleine Holzscheiben in die vier Ecktaschen. Die »weiße Kugel« ist eine etwas größere Scheibe, die mit dem Finger geschnipst wird.

Seit der Gründung unseres Vereins in Berlin haben wir es geschafft, viele Menschen von dem Spiel zu begeistern und es in Europa zu etablieren. 1986 gründete sich der Deutsche Carrom Verband, 1988 der Weltverband ICF. So bekamen wir einigen Zulauf. In Deutschland finden jährlich vier Meisterschaftsturniere statt, auf internationaler Ebene eine Europa- und eine Weltmeisterschaft.

Wenn ich heute nach Indien reise, fühle ich mich dort fast mehr wie ein deutscher Gast, vieles funktioniert für mich in Berlin selbstverständlicher als in Delhi. Seit 57 Jahren habe ich in Deutschland meinen Lebensmittelpunkt und ich muss mittlerweile zugeben, dass sich der längere Sprachkurs gelohnt hätte.

Protokolliert von Henning Schneider



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