„Es wird den Leuten weisgemacht, dass Schwarze an ihren Problemen schuld sind“

ein Interview mit Ibram X. Kendi

Erde, wie geht's? (Ausgabe I/2018)


Herr Kendi, Sie haben den Rassismus in der Geschichte der USA untersucht. Wie definieren Sie Rassismus?

Rassismus ist sicherlich ein sehr umstrittener Begriff. Ich wollte es so einfach und klar wie möglich machen und habe Rassismus als eine Geisteshaltung definiert, die davon ausgeht, dass eine ethnische Gruppe einer anderen in irgendeiner Weise überlegen oder unterlegen ist.

In Ihrem Buch »Gebrandmarkt« erzählen Sie anhand historischer  Persönlichkeiten die Geschichte des Rassismus in den USA. Wie haben Sie diese ausgewählt?

Es galt Personen zu finden, deren Leben interessant waren und anhand derer ich die größere Geschichte erzählen konnte. Wie der puritanische Geistliche Cotton Mather, der Schwarze dazu gedrängt hat, sich taufen zu lassen, weil er glaubte, dass Menschen, die den christlichen Glauben annehmen, eine weiße Seele bekommen. Oder Thomas Jefferson, der gegen die Sklaverei, aber auch gegen die Gegner der Sklaverei war. Oder William Lloyd Garrison, ein Aktivist für die Abschaffung der Sklaverei, der daran glaubte, dass die Sklaverei schwarze Menschen zu Untermenschen macht, Unmenschen, die zivilisiert werden müssten.

Hat es Sie überrascht, welche Geschichten Sie vorfanden?

Ich war überrascht, wie vehement meine Protagonisten an diskriminierenden Praktiken festhielten und wie sie rassistisches Gedankengut dafür benutzten. Das Erstaunliche an diesen mächtigen Persönlichkeiten ist ja, dass sie rassistische Vorstellungen nicht deshalb in die Welt setzten, weil sie unwissend und hasserfüllt waren, sondern dass sie mit ihnen diskriminierende Praktiken verteidigten, von denen sie auf gewisse Weise profitierten.

Wie geschah das?

1837 erklärte zum Beispiel John C. Calhoun aus South Carolina seinen Kollege im US-Senat, dass Sklaverei eine »gute, positive Sache« sei. Sie sei gut für Amerika und auch gut für die Schwarzen, die es in der zivilisierende amerikanischen Sklaverei besser hätten als in der barbarischen Freiheit Afrikas. Als führender Denker der Sklavereibefürworter bot Senator Calhoun so eine neue rassistische Idee an, um die alte rassistische Politik der Sklaverei zu verteidigen. Davon profitierten die Sklavenhalter South Carolinas, die er im Senat repräsentierte.

Haben Sie durch Ihre Forschungen auch Ihre eigenen Einstellungen hinterfragt?

Rassistisches Gedankengut ist in der amerikanischen Gesellschaft allgegenwärtig und weit verbreitet. Es findet seine Anhänger, egal welche Hautfarbe sie haben. Selbst schwarze Menschen sind empfänglich für rassistisches Denken, das Schwarze diskriminiert. Diese Ideologie ist verführerisch und weit verbreitet. Bevor ich beim Recherchieren und Schreiben dieses Buches die rassistische Gedankenwelt anderer herausarbeiten und beschreiben konnte, musste ich mich mit meinen eigenen rassistischen Vorstellungen befassen.

Können Sie uns ein Beispiel dafür geben?

Eine in Amerika allgegenwärtige rassistische Vorstellung ist, dass die Viertel, in denen Schwarze wohnen, gefährlicher wären als weiße Wohngegenden. Auch ich bin nicht frei von dieser Idee. Als ich mir aber die Statistiken der US-Gemeinden mit hohen Kriminalitätsraten ansah, stellte ich fest, dass ihnen die Zahlen von Festnahmen und Inhaftierungen zugrunde liegen. Dabei wissen wir, dass nicht alle Menschen, die Verbrechen begehen, auch gefasst werden. Es macht also schlicht keinen Sinn anzunehmen, dass in einer Gegend mehr  Verbrechen geschehen würden, nur weil dort mehr Menschen verhaftet werden als andernorts. Das ist besonders dann fragwürdig, wenn Schwarze ohnehin als krimineller gelten und schon deshalb öfter verdächtigt und festgenommen werden. In Nachbarschaften mit hohen Raten an Gewaltverbrechen wird oft vermutet, das hätte etwas mit der Hautfarbe der Bewohner zu tun, obwohl wir wissen, dass zwischen Hautfarbe und Gewaltverbrechen kein Zusammenhang besteht. Darum gibt es in den USA schwarze Mittelschichtsviertel, die viel niedrigere Raten an Gewaltverbrechen aufweisen als arme schwarze Gegenden. Anstatt also ein Viertel als gefährlich anzusehen, wenn es von Schwarzen bewohnt wird, sollten wir es lieber als gefährlich wahrnehmen, wenn es von hoher Arbeitslosigkeit betroffen ist.

Nur sehr wenige Menschen geben zu, Rassisten zu sein. Wie gelingt es Rassisten, ihre Vorurteile zu verschleiern?

Die Geschichte der USA  ist durchzogen von einer rassistischen Ideologie, die besagt, dass die gesellschaftlichen Probleme nicht durch diskriminierende Praktiken hervorgerufen werden, sondern dass die Menschen, die ausgegrenzt werden, selbst das Problem sind. Genau das erleben wir gerade. Es wird den Leuten weisgemacht, dass an ihren Problemen wie etwa der wirtschaftlichen Unsicherheit oder ihren Ängste schwarze Menschen schuld sind – oder andere Gruppen wie Einwanderer oder Muslime.

Zwischen 2010 und 2012 lag die Wahrscheinlichkeit für einen schwarzen Mann, von der Polizei erschossen zu werden, 21-mal höher als für einen weißen. Was sagt diese Rate über die heutigen Beziehungen zwischen den Volksgruppen aus?

Für die US-Regierung existiert keine Rassendiskriminierung. Aus der Sicht Trumps und seiner Anhänger leben wir in einer »postethnischen« Zeit. Die Rassenungleichheit muss demnach eine Folge der Unterlegenheit schwarzer Menschen sein. Auf der anderen Seite stehen Aktivisten, etwa von der Bewegung Black Lives Matter, welche die These von der postethnischen Gesellschaft ablehnen und damit auch die Unterlegenheit der schwarzen Bevölkerung zurückweisen. Sie sagen, dass die Ungleichheit und die Jagd auf schwarze Menschen, vor allem durch die Polizei, eine Folge der Diskriminierung sei.

Nutzt die jetzige US-Regierung rassistische Überzeugungen, um ihre politischen Positionen zu rechtfertigen?

Sicher, aber das war auch vorher so in diesem Land, seit schwarze Menschen in der Phase der Reconstruction (1863-77) das Wahlrecht bekamen. Dieses Recht wurde nicht nur vom Ku-Klux-Klan in den 1870er- und 1880er-Jahren bekämpft, sondern auch von der Behauptung ausgehöhlt, schwarze Wähler würden Politiker wählen, die genauso arglistig und verdorben wären wie sie selbst. Heute taucht die Idee vom verdorbenen schwarzen Wähler wieder auf und führt erneut zu Unterdrückung. In den letzten Jahren haben republikanische Politiker eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die von Wählern verlangen, sich bei der Abstimmung auszuweisen. Studien zufolge führt diese Ausweispflicht aber dazu, dass die Wahlbeteiligung von Minderheiten sinkt. Vorgeblich wollen die republikanischen Politiker damit Wahlbetrug unterbinden. Auch der Hinweis, dass es so gut wie keinen Wahlbetrug gegeben hat, hält sie nicht davon ab, das Gegenteil zu behaupten. Mit den Wahlgesetzen sollen Stimmen unterdrückt werden. Denn die Republikaner haben erkannt, dass die Demografie gegen sie arbeitet. Der Anteil der Amerikaner, die einer Minderheit angehören (die oft den Demokraten nahestehen, Anm. d. Red.), nimmt zu.

Was können wir tun, um antirassistisches Denken zu verbreiten?

Wir sollten endlich anerkennen, dass alle Bevölkerungsgruppen gleich sind. Es gibt an keiner etwas auszusetzen.

Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika. Von Ibram X. Kendi. c. h. beck, München, 2017.

Das Interview führte Jess Smee
Aus dem Englischen von Karola Klatt

 



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