Die Geometrie des Lichts

von Carmen Eller

Erde, wie geht's? (Ausgabe I/2018)


»Don’t judge a book by its cover«, heißt es. Oder: Es sei nicht alles Gold, was glänzt. Im Falle von Alexander Ilitschewskis Buch »Jerusalem« kann man getrost eine Ausnahme machen. »Stadt der untergehenden Sonne« lautet der Untertitel dieses Werks, das hält, was sein golden schimmernder Einband verspricht.

Der 1970 in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku geborene Autor hat sich in Deutschland bereits mit den Romanen »Matisse« und »Die Perser « einen Namen gemacht. Im aktuellen Band beschäftigt er sich nun mit Jerusalem, das Donald Trump vor Kurzem als Hauptstadt Israels anerkannt hat. Bei Ilitschewski ist Jerusalem »eine Figur der Intuition«. Seine Aufzeichnungen sieht er nicht als Reisenotizen: »Sie betreffen eher die fiktionale als die bestehende Wirklichkeit«, schreibt er. »Jerusalem« ist kein Reiseführer, kein politisches Sachbuch, kein Memoire – und doch hat der Band ein bisschen von allem. Der Autor springt zwischen verschiedenen Schauplätzen, Themen und Zeiten. Seine gedanklichen Exkurse führen vom griechischen Polytheismus über die Wiederbelebung der hebräischen Sprache bis hin zu furchterregenden Begegnungen mit Raubkatzen im israelischen Ödland bei Nes Ziona. Das Leben der Bienen, das Sterben Gaddafis, die Sehnsucht nach der Ewigkeit – das alles packt Ilitschewski in sein Israel-Buch.

Es ist ein von Jennie Seitz und Friederike Meltendorf elegant übersetztes Mosaik aus 65 Kapiteln und daran angeschlossenen autobiografischen Geschichten. Ilitschewski verliert den Faden nie völlig und versteht es, verdichtet zu schreiben. So dicht, dass man sich wünscht, es gäbe noch mehr Seiten über dieses Land, in dem der Schutz diplomati- scher Objekte nicht selten in die Hände von »mit echten M-16-Gewehren bewaffneten Blondinen gelegt« wird.

Wie eine Webcam zeichnet der Autor Szenen des Alltags auf. An der Klagemauer staunt er »über zwei junge Männer, die wimmernd auf Portugiesisch beten. Daneben einer, der unter seinem Tallit verborgen eine traurige Melodie summt und plötzlich anfängt zu weinen.« Auch in den Tierpark nimmt er seine Leser mit. »Der Zoo von Jerusalem ist ein Weltwunder «, schwärmt Ilitschewski. Die Affen »springen und streiten« in unsichtbaren Gehegen. »Manche meditieren auf den kleinen Inseln.«

Ilitschewskis nuancierte und bilderreiche Sprache macht das Buch zu einem literarischen Erlebnis. An der Seite des Autors bestaunt der Leser Eukalyptusbäume am See Genezareth, »deren warme raue Stämme an Elefantenbeine erinnern«. In der Oase En Gedi befreit sich der Autor »unter den rostigen Sonnenblumen der Strandduschen « vom Salzwasser. Manche Sätze sind so schön, dass man sie sich merken möchte. Beispielsweise über »die Geometrie des Lichts«, wie er die Kunst der Fotografie nennt: »Das Interessanteste auf Fotografien ist das Unsichtbare. « Immer wieder spricht der Schriftsteller über das Licht: »Wer durch Jerusalem wandert, erblindet nach und nach durch die Sonne.« Man laufe in dieser Stadt mit »überbelichteten Augen« umher. Einmal – auf einem Hügel am Rande von Rechovot stehend – spricht der Autor von der »Symphonie des Sonnenuntergangs«. Und das jordanische Ufer sieht er begraben »unter einer Lawine aus Sonnenlicht«.

»Jerusalem ist weniger ein Werk der Kunst, wie andere Städte, als vielmehr ein Werk der Hoffnung«, schreibt der Kosmopolit Ilitschewski, der in Moskau an der Lomonossow-Universität Mathematik und Physik studierte, zeitweise in Israel und Kalifornien lebte und 1998 nach Russland zurückkehrte. 2013 wanderte er nach Israel aus.

Seine Streifzüge durch das Land bereichert Ilitschewski mit der Geschichte seiner jüdischen Familie. »Die Taten deiner Vorfahren sind entweder ein Vorbild für dein eigenes Verhalten, oder aber ein vererbtes Problem, das du zu lösen hast«, bemerkt er. Wieder so ein Satz, der haften bleibt.

Die Urgroßmutter pilgerte nach Jerusalem und starb dort an Typhus. Und der 1888 in Baku geborene Urgroßvater erreichte 1920 San Francisco. Auf seinem Einreiseformular stand: »Polygam? – Nein. Anarchist? – Nein. Ziel der Einreise in den USA – Leben.« In Ilitschewskis Familiengeschichte spiegeln sich die Schrecken von Verfolgung und Krieg: »1946, als mein Vater in die Schule kam, fragte die Lehrerin in der allerersten Stunde: ›Kinder, wer von euch hat einen Vater? Hebt die Hand.‹ Es meldeten sich drei von vierzig.«

Politik ist in diesem Buch kein Schwerpunkt, doch der Autor wirft einzelne Schlaglichter, um Zusammenhänge aufzuzeigen. So schreibt er über das »islamische Projekt« des Dritten Reiches und die Sympathien der Nazis für Regierungsführer im Nahen Osten, die zum Kampf gegen Briten und Juden aufriefen. Per Sondererlass erklärte die deutsche Führung die Iraner zu »reinrassischen Ariern« und die deutsche Propaganda verbreitete Gerüchte, Hitler wäre zum Islam konvertiert. So könne man verstehen, erklärt Ilitschewski, warum die erste Restaurierung der muslimischen Heiligtümer auf dem Tempelberg zwischen 1938 und 1942 mit hauptsächlich deutschen Mitteln erfolgte.

Im Nachwort resümiert der Autor, Jerusalem sei »voller ›Teleporte‹: Fallen im Raum, die dich, wenn du einmal hineingerätst, plötzlich kopfüber stürzen lassen, in eine andere kulturelle und zeitliche Schicht der Wirklichkeit«. So ist es auch mit diesem Buch. Es ist eine Falle, in die man gerne gerät. Man entdeckt Neues, tritt Zeitreisen an, tankt Sonne. Das ist Gold wert.

Jerusalem. Stadt der untergehenden Sonne. Von Alexander Ilitschewski. Au dem Russischen und mit Anmerkungen von Jennie Seitz und Friederike Meltendorf. Matthes & Seitz, Berlin, 2017.



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