Kampf um den Wortschatz

von Clemens Knobloch

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Nach dem Versailler Vertrag herrschte in Europa eine Art Sprachendarwinismus: Die Sprachpolitik der so genannten Zivilisationssprachen war imperial ausgerichtet und wollte eine Sprache durch die andere verdrängen oder schwächen. Es herrschte der Glauben, dass durch eine gemeinsame Muttersprache ein in sich geschlossenes Weltbild sowie natürliche Grenzen gegenüber den Sprechern anderer Muttersprachen vermittelt werden könnte. Kurz, man glaubte, durch Sprache könnte Einheit entstehen.

Im Deutschland der Weimarer Republik war „Volk“ das überragende Fahnenwort. Alle Konflikte erklärte man sich als Konflikte zwischen Völkern, den eigentlichen Subjekten der Geschichte, der Kultur, der Politik. Die „innere Einheit“ etwa des russischen Volkes sollte durch die Schaffung besonderer Schriftsprachen zerstört werden. Auf diese Weise wurden im österreichischen Vielvölkerstaat die slowenische und weißrussische Schriftsprache planmäßig abgespalten und erzeugt, um die slawische Volkseinheit durch Zersplitterung in mehrere Hochsprachen mit eigenem Alphabet, eigener Formenlehre und eigenem Wortschatz zu schwächen. Die gleiche Strategie haben in jüngster Gegenwart Sprachpolitiker im zerschlagenen Jugoslawien verfolgt.

Reste solcher „Sprachkämpfe“ finden sich heute noch: Katalanisch versus Spanisch oder Kurdisch versus Türkisch, aber hinter diesen Konflikten werden moderne Techniken der rhetorischen und semantischen Enteignung von Gegenmacht deutlich, die von der einzelnen „Nationalsprache“ völlig unabhängig sind.

Während alles Sprachliche auf Zustimmung und Anerkennung setzt und somit der „Gewalt“ entgegengesetzt ist, hat umgekehrt „Gewalt“ umso eher Aussicht auf Erfolg, je mehr sie durch einen hegemonialen Konsens diskursiv „gedeckt“ ist. Die These lautet: Gemeinsame Sprache ist die Basis für Macht und Gegenmacht, für politische Öffentlichkeit und Demokratie. In der Massen- und Mediendemokratie ist die herrschende Form der Gewalt durch Sprache, der Opposition die Möglichkeit zu nehmen, sich auszudrücken und Sinn zu schaffen. Diese Strategie dient dazu, dass die Beherrschten ihre Sprache nicht dazu nutzen können, eine Gegenmacht aufzubauen.

Die NSDAP verhielt sich vor diesem Hintergrund wie ein semantischer Lumpensammler, der mangels eigener weltanschaulicher Substanz sozialistische, religiöse, kunst- und kulturreligiöse wie jugendbewegte semantische Formen übernahm und besetzte, diese zu einem Amalgam einschmolz, so dass alle Diskurse, durch die sich eine Opposition hätte artikulieren können, bereits durch das Regime reguliert waren. Eine derartige Monopolisierung erzeugt einen Zustand, in dem zwar formell jeder die Chance hat, in den öffentlichen Angelegenheiten mitzureden, in dem aber die Sinnerzeugung weitgehend zentral verwaltet wird.

Wer heute über Anglizismen spricht, der spricht immer auch über das Verhältnis zwischen den Sprechern des Deutschen und des Angelsächsischen und – ob er es will oder nicht – über Monopolisierung. Denn im Verhältnis von „Sprache“ und „Macht“ geht es immer darum, wie Weltdeutung organisiert wird. Es gibt Grund zur Annahme, dass die Regierungen auch moderner Nationalstaaten insofern noch praktizierende Anhänger der ethnodarwinistischen Sprachauffassung sind, als sie gegenüber sprachlich nicht assimilierten Minderheiten notorisch Illoyalität argwöhnen. Solche Gruppen sind administrativ schwerer zu erreichen und zu kontrollieren, weil eben die „Teilhabe“ an der Staatssprache auch die Voraussetzung dafür ist, dass der hegemoniale Diskurs seine Wirkungen entfaltet.

Wir leben auch heute noch in einer diskursiven Welt, in der die vorgegebenen Sprach-Formeln, die wir benutzen und in die wir uns einfügen, zugleich erfolgreich den Eindruck vermitteln, dass wir selbst das Wort haben und unsere Erfahrungen aussprechen. Das Regiment der „Globalisierung“ vereinheitlicht Bedeutungen über die nationale Ebene hinaus und nimmt politisch Handelnden scheinbar die Verantwortung, in einer eigenen Sprache Normen zu setzen. Auf diese Weise wird uns suggeriert, wir müssten sie geradezu wollen, die einheitliche globale Welt jenseits der Partikularismen und Nationalismen.

So sehen heute die vorgefertigten Machtformeln aus, die, end- und alternativlos wiederholt, im Namen der Gleichheit die Ungleichheit rasant befördern.

Auszug aus dem Vortrag „Sprache als Gewalt“ von Clemens Knobloch. Den vollständigen Text finden Sie unter: www.goethe.de/mmo/priv/1510982-STANDARD.pdf



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