Gefiedertes Volk

von Leelo Tungal

Une Grande Nation (Ausgabe IV/2017)

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Einst zierten sie die 500-Kronen-Scheine: Rauchschwalben. Illustration: ilbusca / Stockphoto.com


Rauchschwalben waren die Vögel meiner Kindheitssommer. An fast jedem Bauernhaus klebten ihre Nester unterm Dach. Ihr Zwitschern und Piepen war schon früh am Morgen zu hören. Rauchschwalben waren es auch, die 1979 meinen Mann, den Komponisten Raimond Kangro, in Schwierigkeiten brachten. 

1979 organisierte er das Festival »Estnische Musiktage« und bestellte dafür bei einem Künstler ein Farbposter. Der Hintergrund war ein blauer Himmel, im Vordergrund saßen die schwarz-weißen Vögel auf Telefondrähten. Mit ihren langen Schwänzen erinnerten sie an Viertelnoten. Doch die Kommunistische Partei, die Estland während der sowjetischen Besatzung regierte, ließ das Poster einstampfen. Laut der Funktionäre kam es einem Dissidentenakt gleich, weil es in Blau, Schwarz und Weiß, den estländischen Nationalfarben gedruckt war. Es war nichts zu machen: Ein neues Poster musste her, ohne schwarz-weiße Schwalben und ohne blauen Himmel. Auf der neuen Version prangten finstere, bleiern graue Wolken.

Auch das war auf gewisse Art und Weise symbolisch. Aufhalten ließen sich auf lange Sicht allerdings weder die Farben, noch die Vögel. Als Estland 1988 unabhängig wurde, feierten Schwarz, Weiß und Blau ihr Comeback als Nationalfarben – und auch die Rauchschwalbe kehrte zurück. Sie wurde auf den 500-Kronen-Schein gedruckt, die größte Banknote, die es vor der Einführung des Euro in Estland gab.



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