Der Ersthelfer

von Pietro Bartolo

Une Grande Nation (Ausgabe IV/2017)


Als Kind Lampedusas bin ich mit dem Meer aufgewachsen. Sobald ich groß genug war, etwa acht oder neun, nahm mein Vater mich mit auf die »Kennedy«. Diesen Namen trug das Boot unserer Familie, weil es 1963, im Jahr des Attentats auf den US-Präsidenten John F. Kennedy, vom Stapel gelaufen war. Ich verbrachte Tage und Nächte auf See und half meinem Vater, der sein ganzes Leben lang als Fischer arbeitete, um mich und meine sechs Geschwister zu ernähren.

Das Meer wurde damals zu meinem Zuhause – und trotzdem wusste ich schon in jungen Jahren, dass ich nicht in die Fußstapfen meines Vaters treten wollte. Ich war besessen von dem Wunsch, Arzt zu werden. Das hatte einen ganz einfachen Grund: Auf Lampedusa war die Gesundheitsversorgung damals sehr prekär. Es fehlte auf der Insel an allem, aber in erster Linie an Ärzten. Für ganz Lampedusa gab es nur einen Arzt. Wenn jemand schwer krank wurde, musste ein Flugzeug vom Festland gerufen werden. So dauerte es sechs oder sieben Stunden, bis ein Patient endlich im Krankenhaus von Palermo ankam und behandelt werden konnte. Für viele kam die Hilfe zu spät. Ich wollte das ändern.

Meine Famili unterstützte mich sehr und schickte mich auf das wissenschaftliche Gymnasium in Trapani, einer Stadt im Westen Siziliens. Ich war 13 Jahre alt und die ersten Schuljahre waren eine Qual, weil mich unglaubliches Heimweh plagte. Ich lenkte mich ab, indem ich Schulbücher wälzte. Wirklich besser ging es mir aber erst, als ich nach drei Jahren zu meiner Schwester Enza und ihrem Mann nach Syrakus zog. Vielleicht lag das auch daran, dass ich in meiner neuen Klasse meine heutige Frau Rita kennenlernte.

Nachdem ich die Schule beendet hatte, studierte ich Medizin an der Universität von Catania. Später machte ich dort meinen Facharzt in Gynäkologie. 1986 kehrte ich dann nach Lampedusa zurück, zusammen mit Rita und meiner kleinen Tochter Grazia. Ich eröffnete eine Praxis, wurde Mitglied des Stadtrats und stellvertretender Bürgermeister. Jetzt konnte ich für meine Heimat kämpfen. Ich erstritt ein Ambulanzflugzeug und einen Rettungshubschrauber für Lampedusa und stellte mir vor, dass wir nun in eine sorgenfreie Zukunft steuerten. Doch das Meer hatte andere Pläne.

Die ersten Bootsflüchtlinge kamen 1991. Es waren drei junge Männer, die in einem kleinen Boot, einer echten Nussschale, aus Nordafrika übergesetzt waren. Dann wurden die Boote immer größer – und voller. Anfangs quartierten wir die Menschen in den Kasernen ein, wo ich sie in Ruhe untersuchen konnte. Spätestens Mitte der 1990er-Jahre reichte das aber nicht mehr aus. Also richteten wir eine zentrale Anlaufstelle ein, schufen eine Erste-Hilfe-Station und sorgten für Übernachtungsmöglichkeiten auf der Insel. Die anfängliche Ausnahmesituation wurde zum Alltag.

Heute bin ich auf der Welt wahrscheinlich einer der Ärzte, der die meisten Leichen zu sehen bekommen hat. Jeden Tag sterben vor unseren Küsten unzählige Menschen, junge Frauen, kleine Kinder. Das macht mir am meisten zu schaffen. Viele Menschen denken, dass ich mich über die Jahre an das Leid der Geflüchteten gewohnt haben müsste, aber jeder Tote hat seine eigene Geschichte, jeder hatte Hoffnungen, Träume und eine Leidensgeschichte. Viele Menschen kommen mit schwersten Verbrennungen bei mir an, weil die Mischung aus Benzin und Salzwasser in den Schlepperbooten ihre Haut verätzt hat, andere halten tote Neugeborene in den Armen oder haben draußen auf der See ihre komplette Familie ertrinken sehen. Wie soll ich der Welt verständlich machen, was ich seit Jahrzehnten jeden Tag zu sehen bekomme?

Als in mir der Wunsch reifte, Arzt zu werden, hätte ich mir nicht vorstellen können, was die Zukunft für mich bereithielt. Doch jetzt ist es meine erste und einzige Pflicht, zu helfen. Als ich noch klein war, zerschellte ein Kutter in einem schweren Sturm an den Klippen vor dem Hafen von Lampedusa. Alle sagten, man könne nicht helfen, aber mein Vater und seine Freunde schwangen sich sofort auf die Kennedy und fuhren hinaus. Sie folgten dem Gesetz der Fischer, das meinem Schwur als Arzt gar nicht so unähnlich ist: Es ist nicht zulässig, ja, nicht einmal denkbar, einen Menschen der Gewalt der Wellen zu überlassen. In dieser Hinsicht muss Europa wohl noch von den Fischern lernen. 

Protokolliert von Kai Schnier



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