Metropole ohne Zukunft

von Philippe Pujol

Une Grande Nation (Ausgabe IV/2017)


Eine Stadt aus tausend Dörfern. Ein Zusammenschluss ehemals ländlicher Gebiete, die jetzt verstädtert sind, früherer Handwerkerviertel, die jetzt deindustrialisiert sind, von Straßen, ehemals bevölkert von leichten Mädchen und durchreisenden Besatzungen kolonialer Handelsschiffe, die jetzt als Revier ebenfalls schnell durchreisender Kreuzfahrttouristen dienen, ehemaliger Elendsviertel der Arbeiter, jetzt Arbeitslosensiedlungen, früherer Handelskontore, die jetzt Urlaubsdomiziele der Reichen sind, früherer Elendsviertel für Arbeiter, die jetzt Arbeitslosensiedlungen sind, früherer kleiner Fischereihäfen, jetzt in Beschlag genommen von Freizeitseglern. Arme des französischen Südens leben hier, denen andere Arme folgten, ehemalige Italiener, Spanier, Armenier, Maghrebiner, Komorer ... jetzt sind sie alle Marseiller.

Marseille ist keine Franchisenehmerin, kopiert keine andere Stadt, steht den Standards der großen Städte anderswo auf der Welt gleichgültig gegenüber. Sie ist eine Metropole ohne Vorstädte und Skyline, mit einem Stadtzentrum, das nicht gentrifiziert ist und bitterarm, geprägt von einem Elend, das zu sich selbst steht und sich nicht versteckt, ein Elend, das überlebt, wie es das Elend so an sich hat. Eine Stadt, in der man von morgens bis abends miteinander spricht, ganz gleich, ob man sich kennt oder nicht, eine friedliche  Koexistenz in der Anonymität. Marseille ist eine Stadt ohne Ausländer, obwohl sie einen hohen Ausländeranteil hat, ein Mischling, obgleich diese Durchmischung, wie überall, kompliziert ist. Fehlender Bürgersinn ist hier eine Strategie, um unsinnige Anordnungen einer Stadtverwaltung zu umgehen, die man schon lange nicht mehr ernst nehmen kann.

Marseille wirkt in gleichem Maße anziehend wie abstoßend. Hier funktioniert, was zum Scheitern verurteilt schien, während scheinbar unfehlbare Vorhaben misslingen. In einer Zeit, in der Algorithmen transnationaler Giganten des digitalen Zeitalters alles beherrschen, existiert hier eine menschliche Irrationalität. Marseille ist der Spiegel, in dem Frankreich sich ungekünstelt betrachtet, man erscheint schön oder hässlich, immer aber ungeschminkt, man akzeptiert sich oder läuft vor sich selbst davon. Die tiefen Falten einer vergangenen Intrigenpolitik durchziehen das Antlitz des alten Rathauses, lebendes Fossil und Garant für einen Klientelismus, der dazu dient, die Macht der Stadtspitze zu sichern, nicht, die Stadt zu regieren.

Ein Beispiel für Klientilismus ist, wie die Politik mit den ärmeren Vierteln umgeht, Gebiete, die mitten in Marseille liegen, nicht in den Vorstädten. Diese »Viertel im Norden«, eine Bezeichnung, die für viele gleichbedeutend ist mit Abstieg und Verfall, sind nicht sich selbst überlassen. Sie werden ausgebeutet. Kein Bus bedient sie, keine Pläne existieren, um die Jugend in den Arbeitsmarkt einzubinden, und niemand hat sich jemals für die Belange der 300 Personen starkgemacht, die in den vergangenen zwanzig Jahren Opfer krimineller Auseinandersetzungen geworden sind. Das Überleben der Bevölkerung in den ärmeren Gegenden ist nur möglich, weil die Politiker einem pragmatischen Zynismus freien Lauf lassen.

Die, die nicht viel haben, sind leichter käuflich. Die Methode ist einfach: Man verschärft den Mangel, die Frustration, man verkompliziert alles, sät Zwietracht, dann präsentiert man die Lösung, die aber nur eine Teillösung ist. Schon ist man politischer Held der Begünstigten und Hoffnungsträger für den Rest. So sichert man sich auf billigste Art Wählerstimmen, ohne konkrete Programme auszuarbeiten. Ein Beispiel: Organisationen, deren Aktivitäten die Misere etwas weniger spürbar machen, werden oftmals übersubventioniert, obwohl ihre Aktionen nutzlos sind. Im Gegenzug engagieren sich diejenigen, die davon profitieren, für die Wiederwahl derer, denen sie diese Vorteile verdanken. Klientelismus für Arme, den alle Parteien in Marseille praktizieren. Es gibt Stadterneuerungsprojekte, die gewisse Mandatsträger durch obskure Manöver zum Scheitern bringen, um dann plötzlich medienwirksam die Lösung einer Situation zu präsentieren, die sie selbst heimlich durch Maßnahmen der »starken Männer« aus diesem oder jenem Viertel herbeigeführt haben – die im Gegenzug eine Belohnung erwarten. Die starken Männer sind heutzutage oftmals die Dealer: Sie verfügen über eine komfortable finanzielle Basis, über mehr oder weniger schwer bewaffnete Soldaten, verdeckt arbeitende Sicherheitsunternehmen, Leutnants in Schlüsselpositionen.

Öffentliche Aufträge werden im Rahmen eines gehobeneren Klientelismus vergeben, zum Beispiel: Ein Komplize, der Architekt ist, hat illegalen Einblick in das Lastenheft eines öffentlichen Projektes. Ein großer Bauträger stellt ihn in seine Dienste. Der Architekt arbeitet einen Entwurf aus, der mit unfehlbarer Sicherheit von der Vergabekommission ausgewählt wird, wodurch der Anschein von Legalität entsteht. Der Bauträger verpflichtet Firmen mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität (nicht so sehr aus echter Komplizenschaft heraus, sondern um sich Ärger zu ersparen), diese Unternehmen beschäftigen Subunternehmer, von denen sie Schmiergelder kassieren. Ergebnis: Viele Personen haben ein Interesse am Fortbestand des Klientelismus. Bei jeder Wahl sorgen sie aufs Neue dafür, dass alles beim Alten bleibt, allen voran die Reichsten, die Wohltätigkeitskampagnen unterstützen. Wie effizient dieses System ist, hat sich in den vergangenen vier Amtszeiten des Bürgermeisters von Marseille gezeigt, der den Spitznamen »der Betonierer« trägt. Er verkauft die Stadt scheibchenweise, bietet Bauträgern Bauland an, die diese Gefälligkeit entsprechend honorieren. Es gibt keine Generalplanung für Marseille, keinerlei Zukunftsvision, nur einen Mechanismus des Machterhalts.

Ein metaphorisch anmutendes Beispiel, leider real: In einem der heruntergekommensten Viertel der Stadt sammelten Kinder Kakerlaken, um sie an Kleinkriminelle zu verkaufen. Diese ließen das Ungeziefer in einem Mietshaus frei, dessen (arme) Bewohner sich geweigert hatten, ihre Wohnungen wegen einer anstehenden Sanierung zu räumen. Aufgrund des Kakerlakenbefalls wurde das Gebäude vom Wohnungsamt für unbewohnbar erklärt. Das entmietete Gebäude konnte kostspielig saniert werden. Die Sanierungskosten wurden an einen amerikanischen Pensionsfonds gezahlt, ein Finanzprodukt für Milliardäre.

Gleichwohl gibt es keine Mafia in Marseille, Banditen treten nicht an die Stelle von Politikern, wie das in manchen Regionen Italiens der Fall ist. In Marseille bleibt jeder an seinem angestammten Platz, die Unterwelt zweigt ihren Anteil ab, der Politiker arrangiert sich, die Lobbygruppen bereichern sich und der Bürger bekommt das, was übrig bleibt. Man hat sich eingerichtet in Vetternwirtschaft, Korruption und Gewalt. Was das Bandenwesen angeht, ist Marseille seiner Zeit voraus. Auf allen übrigen Gebieten hinkt es aufgrund seiner Fortschrittsfeindlichkeit vierzig Jahre hinterher, darin liegt die größte Stärke der Stadt. Marseille hatte keine Zeit, dieselben Fehler zu machen wie andere europäische Metropolen, und bietet daher ein Experimentierfeld für viele Bereiche. Marseille ist ein gigantisches Laboratorium. Einige Eliteunternehmen haben sich in Marseille niedergelassen – Start-ups aus dem Bereich der Bio- und Informationstechnologie, auch die Filmindustrie hat begriffen, dass der bedrohliche Ruf der Stadt einen Standortvorteil darstellt, zusätzlich zum angenehmen Klima und der günstigen geostrategischen Lage. Die Einwohner Marseilles nehmen diese Vorzüge selbst nicht wahr, so sehr sind sie Gefangene des uralten Klientelismus. Viele gehen nicht zu den Wahlen, die traditionell kommunistische Protesthaltung hat durch die 2016 gegründete Partei La France Insoumise einen kleinen Aufschwung erfahren, die Enttäuschung hat dem Front National hier nicht viel Zulauf beschert und Macron hat keine Wählermassen mobilisiert; die Stimmen reichten gerade, um ein paar lebende Fossilien zu beerdigen, langjährige Amtsinhaber, die endlich eliminiert werden konnten.

Aus dem Französischen von Caroline Härdter



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