Der Mann im Rohzustand

von Alexis Jenni

Une Grande Nation (Ausgabe IV/2017)


Den ersten Fremdenlegionär meines Lebens sah ich Ende der 1970er-Jahre auf Korsika in der Gemeinde Corte. Er stand Wache vor einem Gebäude und seine rot-grünen Epauletten, seine weite beige Hose und seine weiße Schirmmütze fielen mir sofort ins Auge. Ich war damals 17 Jahre alt und überzeugter Linker. Ich versuchte, aus der Kinnlinie meines Gegenübers faschistische Züge herauszulesen, ich stellte mir die Brutalität vor, die ich hinter seiner stoischem Äußeren vermutete. Doch der Legionär sah hauptsächlich aus wie ein junger Soldat, wie ein Dummkopf eben, mit seiner tief in die Stirn gezogenen Mütze und seiner steifen militärischen Haltung.

In den Jahren meiner Jugend hatte der Antimilitarismus in Frankreich gerade seinen Höhepunkt erreicht. In der unteren Mittelschicht, der meine Familie angehörte, galt er als Haltung des gesunden Menschenverstands. Wir lasen Charlie Hebdo und tapezierten unsere Wände mit den Postern des Cartoonisten Jean Cabut. Auf einem stand in großen Lettern: »Die Militärjustiz verhält sich zur Justiz wie die Militärmusik zur Musik«. Über diesem Satz prangte die Visage eines alkoholabhängigen Adjutanten, der in Cabuts Werk den Inbegriff der Armee darstellte.

Ich weiß nicht, was die Streitkräfte meinen Altersgenossen und mir getan hatten, aber sie erschienen uns verachtenswert. Die Eliteeinheiten und die Fallschirmjäger waren selbstverständlich Faschisten – und die Gebirgsjäger entgingen unserer Ächtung nur, weil sie in schicken weißen Klamotten Ski fuhren. Die einzige Einheit, die einen noch schlechteren Ruf hatte als der Rest, war die Fremdenlegion. Von ihr hörten wir Geschichten, die gleichzeitig faszinierend und haarsträubend waren, ja, beinahe verboten. Der Fremdenlegionär war die Inkarnation des Bösen, der in menschliche Form gegossene Gegensatz zu den Werten des Humanismus und der Gewaltlosigkeit, die man uns gelehrt hatte.

Tatsächlich ist die Fremdenlegion bis heute ein offizieller Bestandteil des französischen Militärs, ein Elite-Armeekorps, das sich ausschließlich aus Nicht-Franzosen zusammensetzt und auf Geheiß des Staates in alle Welt ausrückt, zuletzt etwa nach Mali, um die Drecksarbeit zu erledigen. Gegründet wurde das Korps im Jahr 1831, zum Zeitpunkt der Eroberung Algeriens. Es sollte die fremdländischen Truppen aufnehmen, die seit Jahrhunderten in den Reihen der französischen Armee gedient hatten.

Über diese geschichtlichen Hintergründe wusste ich damals wenig. Für mich war die Fremdenlegion ein mysteriöses Militärkorps wie die Sardaukar aus dem Science-Fiction-Roman »Dune«, in dem Männer ohne Glauben und Gesetze dienten, die keine andere Heimat hatten als die Befehle, die man ihnen gab. Das Wort »Legionär« hatte für mich den gleichen Klang wie »Scherge«, in meinem Kopf rief es brutale Handlanger rechtsextremer Gruppen auf den Plan.

Dieses Halbwissen war jedoch nicht gänzlich eigenverschuldet. Es entsprang der langen französischen Tradition, nichts über die Machenschaften ihrer Legion wissen zu wollen. Schon in der Kolonialzeit war die Verbindung zwischen der Fremdenlegion und dem Staat, der sie aussandte, von Unausgesprochenem und von Verdrängung geprägt. Die Eroberung neuer Territorien in Übersee, bei der die Fremdenlegion eine entscheidende Rolle spielte, war so brutal (»Es gibt keine Schweinerei, die nicht begangen wurde«, schrieb der französische General Berthézène damals), dass sie sämtlichen republikanischen Prinzipen zuwiderlief. Das Land der Menschenrechte vermochte es nicht, daran zu denken, was die Eroberungszüge und die Aufrechterhaltung des Kolonialreichs es kostete.

Die Fremdenlegion bot einen einfachen Ausweg aus dieser moralischen Zwickmühle – und bietet ihn bis heute: In ihr kämpfen Männer ohne Namen, ohne Herkunft, ohne Zukunft. Es sind »die Anderen«, denen man die dunkle Seite der französischen Geschichte ohne Gewissensbisse aufbürden kann. Ihnen schuldet man nichts und sie schulden Frankreich alles; sie werden tun, was man ihnen befiehlt; und sie werden ihren Mund halten. Man will nichts wissen über die, die sich in der Fremdenlegion verpflichten. Ihren Namen und selbst ihre Nationalität können sie frei erfinden: Sie treten ein mit einer »angegebenen Identität«, sie werden bei dem Namen gerufen, den sie sich selbst gegeben haben. Es ist egal, ob er echt oder unecht ist.

Unter diesem Mantel des Schweigens reifte die Fremdenlegion im französischen Bewusstsein über die Jahrzehnte mehr und mehr zu einem phantastischen Konstrukt, zu einer sozialen, politischen, gar romantischen Vorstellung, die – je nachdem welcher politischen Denkrichtung man sich zuordnete – faszinierte oder, so wie mein siebzehnjähriges Ich, anekelte. In der Realität verankert blieb die Legion nur für diejenigen, die sich ihr verpflichteten. Und auch die sahen in ihr mehr als eine bloße Armee. Die Legion wurde zu einer Art und Weise, sich selbst zu träumen.

Nach 1945 traten viele Wehmachtssoldaten und Angehörige der Waffen-SS in die Fremdenlegion ein. Sie waren in den französischen Kriegsgefangenenlagern rekrutiert wurden. Die jungen Deutschen, die vom Krieg geformt worden waren, zogen es vor, ihr Kriegsabenteuer fortzusetzen, anstatt in das zerstörte und besetzte Deutschland zurückzukehren. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des französischen Expeditionskorps im Fernen Osten war deutscher Herkunft. Zeitweise schaltete der Vietminh, die »Liga für die Unabhängigkeit Vietnams«, deshalb sogar deutschsprachige Propaganda.

Für die deutschen Soldaten war die Fremdenlegion ein Ort, an dem sie ihre Identität abstreifen konnten. Für die meisten Neurekruten ist sie es bis heute. Wer sich der Fremdenlegion verpflichtet, der lässt sein altes Leben hinter sich und fängt neu an, der ist frei von sozialen Bindungen, der verdankt niemandem etwas und ist nur für sich selbst verantwortlich. Mut, körperliche Kraft, sexuelle Potenz – der Legionär ist der Mann im Rohzustand; er kann alles tun, ohne Gewissensbisse, das Beste und das Schlimmste.

Nach dem Ende des französischen Kolonialreiches wurde die Daseinsberechtigung der Fremdenlegion infrage gestellt. 1961 erwog Präsident Charles de Gaulle, sie aufzulösen, schaffte im Endeffekt jedoch nur das Erste Fremdenregiment der Fallschirmjäger ab. So besteht die Legion als bewaffneter Arm der französischen Überseepolitik weiter – und gewinnt im modernen Frankreich mittlerweile wieder an Akzeptanz. Das liegt vor allem daran, dass ihre düstere Geschichte mehr und mehr verblasst.

Die Last des kolonialen Traumas, deretwegen man die Legion jahrzehntelang verachtete, rückt in immer weitere Ferne. Gleichzeitig  arbeitet die Fremdenlegion am Imagewandel. Sie gibt sich professionalisiert, rekrutiert neue Mitglieder per TV-Werbespot und stellt sich auf Plakaten als vielversprechender Karriereweg für junge Männer dar. Mal vermarktet sie sich als Spielplatz für Abenteuerlustige, mal als moderne Eliteeinheit mit Spitzentechnologie. So eine offensive öffentliche Präsentation der Einheit wäre in den 1970er-Jahren undenkbar gewesen.

In der gesellschaftlichen Wahrnehmung haftet der Legion im 21. Jahrhundert kein Gruselfaktor mehr an. Ein Militärcoup, der sich auf diese Phalanx von Söldnern stützt und vor dem man sich in früheren Tagen fürchtete, erscheint heutzutage absurd. Der junge Fremdenlegionär wird nicht länger als Faschist wahrgenommen, sondern als im Werden begriffener Franzose. Denn sosehr die Fremdenlegion den vermeintlichen französischen Werten in der Vergangenheit auch zuwiderlief, sie kann dennoch auch zur republikanischen Utopie umgedeutet werden. Im Kleinen ist sie das, was Frankreich gerne wäre: ein Raum, in dem Identität und Zugehörigkeit keine Frage der Ethnie oder der Herkunft sind, sondern einzig davon abhängen, ob man eine Reihe von vorgegebenen Werten akzeptiert. Nach zwei Jahren hat jeder Fremdenlegionär ein Anrecht auf die französische Staatsbürgerschaft. Jeder im Einsatz verletzte Legionär erhält dieses Recht automatisch. Das nennt man innerhalb der Legion das »Gesetz des vergossenen Blutes«.

Die Legion ist im Endeffekt also gar nicht so fremd. Vielmehr ist sie ein Teil der militärischen, heroischen und imperialen Vorstellungswelt Frankreichs, einer gewalttätigen, düsteren und romantischen Vorstellungswelt, der man als Franzose mehr oder weniger abgewinnen, sich jedoch nicht entziehen kann. Die Legion ist wie ein Spiegel, von dem man glaubt, er sei außerhalb unserer selbst, und der in Wirklichkeit doch nur unsere Vorstellung dessen auf uns zurückwirft, wie wir uns als Franzosen träumen.

Aus dem Französischen von Caroline Härdter



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