Die Rechte und die Frauenrechte

Jule Govrin

Une Grande Nation (Ausgabe IV/2017)


2012 bekam die Homophobie in Frankreich ein neues Gesicht: durch die »Manif pour tous«, die Demo für alle. Als François Hollandes Regierung die gleichgeschlechtliche Ehe anbahnte, formierte sich das Bündnis aus erzkatholischen und nationalistischen Gruppen und organisierte Massenproteste. Unter dem Deckmantel des Familismus wurde ein patriarchales Familienbild propagiert. Man sei nicht homophob, hieß es, man wolle das natürliche Recht des Kindes auf Mutter und Vater schützen. Resistent gegenüber Ergebnissen wissenschaftlicher Studien unterstellt das Bündnis Regenbogenfamilien seither sexuellen Missbrauch. Ähnlich wird in Deutschland mit dem Schlagwort »Frühsexualisierung« gegen Aufklärungsprogramme über sexuelle Vielfalt agitiert.

In Frankreich stehen die Ideen der 68er-Bewegung und die Ideale der Libertinage und der Gleichberechtigung im Fokus rechter Kritik. Der Schriftsteller Renaud Camus publizierte eine Theorie, nach der die französische Bevölkerung unterwandert werde, weil muslimische Familien mehr Nachwuchs bekämen. Michel Houellebecq, ein weiterer prominenter Vertreter des antifeministischen Ressentiments, überspitzte diese These sogar, indem er die Gleichberechtigung für den Nachwuchsmangel verantwortlich machte. Der wahre Schutzraum vor neoliberaler Prekarisierung sei die patriarchale Familie, tönt es aus der rechten Ecke.

Bei der Manif Pour Tous, die solche Äußerungen erst salonfähig gemacht hat, werden feministische Ansätze als totalitäre »Gender-Theorien« pauschalisiert. Diese Verbindung aus Kritik an neoliberaler Unsicherheit und liberalen Sexualverhältnissen ist überaus effektiv. In Zeiten ökonomischer Panik ist »Sicherheit« ein wirksames Reizwort und die Sehnsucht nach stabilen Lebensformen groß. Die Rückkehr zum Ernährermodell zu versprechen, wirkt nostalgisch verklärt. Doch die Manif Pour Tous konnte sich mithilfe dieser Rhetorik als Anti-Establishment-Bewegung inszenieren.

Geht es um den Islam, bedient sich die Neue Rechte jedoch mitunter profeministischer Argumente. So monierte Marine Le Pen, in manchen Großstadtvierteln seien keine Frau, kein Schwuler und kein jüdischer Mitbürger sicher. Worte, die man aus dem Mund der Vorsitzenden einer Partei, die sich gegen die Homoehe stellt, Gleichstellungsmaßnahmen ablehnt und durch offenen Antisemitismus auffällt, nicht erwarten würde. Dahinter verbirgt sich jedoch eine Agenda: Das Bild des arabischen Sexualstraftäters wird aufgerufen und sexualisierte Gewalt als Bedrohung von außen dargestellt.

In Deutschland setzte die AfD neben Frauke Petry mit Alice Weidel eine lesbisch lebende Frau an die Parteispitze. Ebenfalls geschickt wirbt die Identitäre Bewegung mit ihren weiblichen Mitgliedern: Melanie Schmitz ist ein Postergirl des Rechtsextremismus, die in sozialen Medien mal verrucht-divenhaft, mal kokett einem Baseballschläger schwingend, ihre Heimatliebe besingt. In Frankreich präsentiert sich Marine Le Pen als Gesicht der Modernisierung des Front National.

»The future is female« – so lautet ein populäres Motto. Die Rechten haben die Botschaft verstanden: Das Konzept der Selbstermächtigung wird als Recht, Hausfrau und Mutter zu sein, übersetzt, während Feminismus als Zensurapparat diffamiert wird. Der stiefeltragende Nazi-Skinhead wird durch die hippe Vorzeigenationalistin ersetzt und Parteipositionen werden von Frauen bekleidet, die Gleichstellung ablehnen, aber feministische Argumente für rassistische Hetze nutzen. Diese Widersprüche stärken die neoreaktionären Kräfte sogar, weil sie eine breite Wählerschaft ansprechen. In dem wohlkalkulierten Wissen, dass man Menschen mit Fragen nach Sex und Geschlecht in emotionalen Aufruhr bringen kann, wird Sexualität als politischer Schauplatz instrumentalisiert. Die daraus folgenden Ressentiments projiziert man daraufhin mutwillig auf alle, die vermeintlich anders sind, ob sexuell oder religiös.  



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