Der Fotograf: Cyrus Cornut

Cyrus Cornut

Une Grande Nation (Ausgabe IV/2017)


Herr Cornut, für die Fotostrecke »Reise an die Peripherie« sind Sie in französische Vorstädte gereist. Warum?

Mich haben diese Orte fasziniert, weil man nicht den geringsten Grund hat, dorthin zu fahren, wenn man nicht dort wohnt. Ich wollte diese Siedlungen als Bauwerke betrachten, so wie es ein Tourist tun würde.

Was genau hat Sie dort so fasziniert?

Ich habe mich gefragt, wie man damals glauben konnte, dass in solchen Formen eine Lösung für die demografischen Probleme der Zeit liegt. Die Pablo-Picasso-Siedlung in Nanterre mit dem Spitznamen »die Wolkentürme« etwa: Man kann sich leicht die Idee hinter diesem Ensemble aus Türmen vorstellen, deren Spitzen bis in die Wolken reichen und deren Fassaden so angemalt sind, dass sie mit ihren Bullaugenfenstern wie Wolken aussehen. Aber die Realität ist anders: Türme aus Beton mit Fenstern in absurden Formen, die man wohl besser nicht kaputt macht, damit man dem Glaser nicht die Form erklären muss; verwaschene Fassaden, die mehr an Tarnfarben als an Himmel erinnern.

Wie waren Ihre Begegnungen mit den Bewohnern?

Überall musste ich mich Jugendlichen, die draußen trainierten, erst einmal vorstellen. Kameras sind besonders wegen der illegalen Geschäfte, die dort gemacht werden, nicht gern gesehen. Es ist fast ein Leben unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weil so wenige Leute von außerhalb dorthin kommen. Nur wenige Bewohner sind zufrieden mit ihren Lebensverhältnissen, dem Verfall, der Betonwüste. Man trifft vor allem Ärmere. Glücklicherweise haben sich die Umstände, seitdem ich dort zwischen 2007 und 2010 fotografiert habe, durch die Politik der vergangenen Jahre oft zum Besseren verändert. Die allergrößten Gebäude wurden abgerissen oder verkleinert, man hat Häuser nach menschlicherem Maßstab gebaut, schöne Grünflächen – eine Architektur, die mehr soziale Durchmischung erlauben könnte. 

Das Interview führte Rosa Gosch



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