Ein heller Nachmittag in Zeiten von Finsternis

von Stephanie von Hayek

Une Grande Nation (Ausgabe IV/2017)


In guten wie in schlechten Zeiten? Der 1988 in Colombo geborene Philosoph Anuk Arudpragasam hat kein Buch über ein Eheleben geschrieben. Vielmehr erzählt er von dem Versuch, vor dem Hintergrund des letzten Bürgerkriegsjahres in Sri Lanka (2009) den Faden zum Menschsein nicht abreißen zu lassen. Er beschreibt das hilflose Bemühen, einem verwaisten Baby durch Wiegen eine Regung zu entlocken, ebenso detailgetreu wie die Idee eines Vaters, sich inmitten des Zusammenbruchs den Gedanken an eine friedliche Zukunft zu bewahren – durch das Ritual der Ehe. Die Folgen von Krieg und Gewalt, die Verletzungen in Körper und Seele sind in jeder Zeile dieser kurzen Geschichte spürbar.

Der Bürgerkrieg zwischen den singhalesischen Regierungstruppen und tamilischen Rebellen, den Tamil Tigers, dauerte 25 Jahre und endete mit einem Sieg der Regierungstruppen und etwa 100.000 toten Zivilisten. Noch heute liegen im Norden der Insel ungeräumte Landminen und Zehntausende Menschen werden vermisst.

Die Erzählung beginnt mit einem Schnitt. Dinesh, ein junger Flüchtling tamilischer Herkunft, bringt einen Sechsjährigen zum Arzt. Er wird operiert – ohne Operationsinstrumente und ohne Narkose: Arudpragasam beschreibt die Bewegung der Säge an  dem, was vormals ein Arm gewesen ist, ebenso wie das Gesicht des Arztes so anschaulich, dass der Leser innehalten muss, bevor er weiterlesen kann. Allein diese Szene müsste genügen, um jeden gewaltsamen Konflikt in Zukunft ein für allemal zu verhindern. Und sie genügt einem fast, um das Buch zur Seite zu legen, wären da nicht Dineshs kluge Überlegungen und Erkenntnisse über fundamentale Daseinsformen – Essen, Schlafen, Weinen, Scham – und ein leiser, sprachlich eleganter Ton, der den Leser weiterträgt. »Wie genau es passiert war und aus welchen Gründen, wenn überhaupt, wusste er nicht, aber in irgendeinem verborgenen Teil seines Inneren war die Frage der Heirat wohl schon ohne sein Zutun beantwortet worden. Vielleicht fällt man so Entscheidungen ...«

Die Geschichte, die in der Tradition Musils steht und die nicht mehr als diese Nachmittagsstunden im Leben von Dinesh umfasst, wobei Erzählzeit mit erzählter Zeit verschmilzt, wird von der Bitte eines Vaters in Gang gesetzt. Inmitten von Chaos fragt dieser, der wie die meisten im Lager Angehörige verloren hat, Dinesh, ob er seine Tochter Ganga heiraten möchte. Ein Iyer, Priester der Brahmanen, könne die Zeremonie vollziehen. Dinesh geht auf das Angebot ein, er begegnet Ganga und ihrer Sehnsucht nach Intimität und Geborgenheit. Für wenige Stunden erhellen sich zwei von Traumata geprägte Leben, unsicher gehen sie aufeinander zu. Zuvor bricht Dinesh auf zu einem Ort im Flüchtlingslager, wo er sich erinnert, was ihm und seiner Familie widerfahren ist. Mit einer rostigen Schere schneidet er sein Haar, wäscht sich mit einem Stück Seife, das er in Gangas Tasche gefunden hat, und kehrt zu seiner schlafenden Frau zurück. Es folgt eine der schönsten Szenen des Buchs, ein zartes Liebesspiel frisch Vermählter.

Was wie eine Hoffnung wirkt, zerschlägt sich schnell, leider auf erwartbare Weise. Der Schluss ist vielleicht die einzige Schwäche des Buches. Bemerkenswert ist die Beobachtungsgabe des Autors: Fliegen, die sich auf das nackte Fleisch setzen und »in ihrem Ritual Tempelgängern ähnelten«; Weinen »wie Krankenwagensirenen«; das Bedürfnis von Gangas Vater »im Stillen über sein Versagen als Mann zu reflektieren«. Arudpragasam, der an der Columbia Universität in New York in Philosophie promoviert und auf Englisch schreibt, führt einmal mehr vor, was Literatur vermag. Anders als etwa ein politisches Sachbuch über den Bürgerkrieg hinterlässt »Die Geschichte einer kurzen Ehe« in der Erinnerung des Lesers eine melancholische Spur und ein Wissen über das menschliche Leid im Krieg, mit deren Erzählintensität und Eindringlichkeit Zeitungsberichte nie werden mithalten können. 

Geschichte einer kurzen Ehe. Von Anuk Arudpragasam. Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Hanser, Berlin, 2017. 



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