„Bildung ermöglicht kulturellen Austausch“

von Mario Fortunato

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Kulturelle Bildung trägt dazu bei, einen Menschen zu verstehen, der anders ist als man selbst. Auf einer Reise durch die Vereinigten Staaten von Amerika erfahre ich wesentlich mehr, wenn ich die Landessprache beherrsche, wenn ich Kenntnisse über die Geschichte und die gegenwärtige politische Lage besitze, wenn ich den einen oder anderen Roman großer amerikanischer Schriftsteller gelesen habe und wenn ich wenigstens ein paar der Abertausenden von Filmen gesehen habe, die zwischen Los Angeles und New York gedreht wurden.

Mit einem solchen kulturellen Gepäck kann ich die nordamerikanische Wirklichkeit leichter entziffern. Dabei spielt es meines Erachtens keine Rolle, ob es durch die schulische und universitäre Ausbildung geschnürt wurde oder vielmehr das Ergebnis privater Nachforschungen, Neigungen oder einfach einer Neugier ist.

Ich will ein konkretes Beispiel nennen. Vor gut zwanzig Jahren begann ich Romane und Erzählungen nordafrikanischer Autoren zu lesen – von Marokkanern, Tunesiern und Algeriern. In Italien kannte man diese Literaturen damals so gut wie gar nicht. Die Verleger, die Texte aus diesen Ländern veröffentlichten, konnte man an den Fingern einer Hand abzählen. Übersetzungen waren äußerst selten und stammten zumeist aus der französischen Sprache. In dieser Zeit gewann Tahar Ben Jelloun in Frankreich den Prix Goncourt mit seinem Roman „L´enfant de sable“ (Sohn ihres Vaters). Ich verliebte mich in diese Geschichte.

Als Reporter des Wochenmagazins L’espresso schlug ich meiner Redaktion damals eine Recherche über nordafrikanische Literatur vor. Ich reiste also nach Marokko, traf Autoren, Intellektuelle und Verleger dieses Landes an der Südküste des Mittelmeers. Bei dieser Gelegenheit lernte ich auch den US-amerikanischen Schriftsteller Paul Bowles kennen, Autor von „The Sheltering Sky“ (Himmel über der Wüste), der bis zu seinem Tod gut vierzig Jahre in Tanger lebte. Zwischen uns entstand eine außerordentliche Freundschaft.

Dank dieser Reise und der Artikel, die ich darüber schrieb, wurde ich unbeabsichtigt zum Mittler zwischen Bowles und Bernardo Bertolucci, der kurze Zeit später seinen berühmten Film über ebendieses Buch des amerikanischen Autors drehte. Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende, denn in Tanger lernte ich auch einen von Bowles’ Schützlingen kennen, den Autor Mohamed Choukri. Von ihm las ich in einer einzigen Nacht „Le pain nu“ (Das nackte Brot), eine autobiografische Geschichte, die in Frankreich und in Großbritannien einen ungewöhnlichen Erfolg hatte, in Italien jedoch unbekannt geblieben war. Ich schlug einem Verlegerfreund vor, die Rechte an diesem Buch zu erwerben, das ich dann selbst übersetzte. Choukris Roman hatte einen glänzenden Erfolg bei Kritik und Leserschaft. Meine anfängliche Neugier auf nordafrikanische Literatur hatte also zu persönlichen Bindungen, zu übersetzten Büchern und zu einem Film geführt und damit auch dazu, dass die nordafrikanische Wirklichkeit in Italien besser verstanden wurde, als es bis dahin der Fall war.

Allerdings bin ich keineswegs sicher, ob die kulturelle Bildung eines Menschen immer dazu beiträgt, ihn seine Wurzeln besser verstehen zu lassen oder ihn auch nur an sie heranzuführen. Jede kulturelle Bildung bringt eine Öffnung der Sichtweisen mit sich, eine Erweiterung des Horizonts und eine Form von Kosmopolitismus. Das alles aber kann in einem gewissen Maß auch von den eigenen Wurzeln wegführen.

Denken wir doch einmal daran, was die durchschnittliche Erfahrung eines jungen Europäers von heute ist. Dank des Internets und der Austauschprogramme zwischen den verschiedenen Universitäten kann ein Jugendlicher heute eine Menge darüber wissen, was außerhalb seines eigenen Landes vor sich geht. Ganz fraglos ist er in der Lage, auf Englisch zu kommunizieren und mit einem Computer umzugehen. Doch sind wir auch sicher, ob er den Dialekt seiner Heimat sprechen oder lesen kann? Er wird wissen, was ein Big Mac und eine Coca-Cola sind, aber ich bin mir nicht sicher, ob er mit den traditionellen Speisen seiner Stadt oder seines Dorfes ebenso vertraut ist. Er trinkt Bier, wesentlich seltener Wein – und das nicht nur, weil es billiger ist.

Die Erweiterung des eigenen Bildungsgepäcks ermöglicht kulturellen Austausch und ein besseres gegenseitiges Kennenlernen. Es ist jedoch nicht gesagt, dass es einen auch näher zu sich selbst bringt. Im Gegenteil, es führt zu einer Form der Entfernung von der Gruppe, der man ursprünglich angehört hatte, nämlich der Familie, und am Ende auch von sich selbst. Doch meiner Meinung 
 nach ist die Entfernung von sich selbst bis zu dem Punkt, an dem man seine Wurzeln aus dem Blick verliert, der einzig wahre und nicht rassistische Weg, sich in einer Dimension innerer Freiheit wiederzufinden.

Aus dem Italienischen von Moshe Kahn



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