Traumfabrik Nollywood

Azubuike Erinugha

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Herr Erinugha, Schätzungen zufolge werden in Nigeria bis zu 2.000 Filme pro Jahr gedreht. Wie unterscheiden sich Dreharbeiten dort von jenen in Europa?
In Nigeria sind Dreharbeiten flexibler, spontaner und experimenteller als die streng durchorganisierten Drehs in Europa. Ein perfektes Management mag zwar hilfreich für die Produktion sein, aber unsere Filme entstehen intuitiver. Die Geschichten, die wir erzählen, kreisen um alltägliche Belange. Deshalb können sich alle Beteiligten mit ihnen identifizieren und ihre Rolle am Set auch ohne minutiöse Planung ausfüllen. Das deutsche Pub-likum will technische Präzision. In Nigeria kommt auch ein Nollywoodfilm mit schlechtem Ton an, weil alle wissen wollen, wie die Geschichte ausgeht. Deutsche dagegen würden einen Film mit lauten Hintergrundgeräuschen niemals bis zum Ende anschauen.

Nigeria wurde in sehr kurzer Zeit neben Indien und den USA zu einer der größten Filmnationen der Welt. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Nollywood scheint mir mehr eine kollektive Erfahrung als ein Phänomen zu sein. Das radikale Ankommen im Hightech- und Computer-Zeitalter bedeutet für Kulturen, in denen die mündliche Überlieferung von Volksgeschichten eine bedeutende Tradition darstellt, eine regelrechte Explosion. Dank der Technik könnte heute theoretisch jeder Nigerianer eine Geschichte erzählen – und viele versuchen es. Es gibt geschäftstüchtige Filmemacher, die erfolgreiche Firmen aufbauen, und jede Menge willige Zuschauer.
Von einem durchschnittlichen Nollywoodfilm werden rund 50.000 DVD-Kopien verkauft, die in die entlegensten Landstriche gelangen. Wie hat Nollywood das nigerianische Kino verändert?
Die meisten Kinos in Nigeria wurden aus politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gründen in den 1980er-Jahren geschlossen. Interessant ist, dass Nollywood gerade dadurch erst möglich wurde. Es begeisterte die Zuschauer, statt ausländischer Produktionen die eigenen Leute im Kino zu sehen. Der nigerianische Film boomt nun schon seit 20 Jahren. Heute entstehen wieder moderne Kinos.

Produziert Nollywood auch für das Ausland?
Ursprünglich waren die Filme nur für den nigerianischen Markt bestimmt. Inzwischen werden die Filme in ganz Afrika, in den karibischen Staaten und in Ländern mit ähnlicher Kultur vertrieben. Afrikanische Gemeinschaften sind heute in ganz Europa und Amerika zu finden. Es gibt Afro-Shops, Telecafés und afrikanische Restaurants, in denen Kunden nigerianische Filme kaufen können. Es entwickeln sich gerade erste Vertriebsstrukturen in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und in anderen Teilen Europas.

Vor allem Komödien sind sehr beliebt.
Wir verpacken in der Komödie eine bittere Pille, die am Ende auch eine Erkenntnis bringt. In meinem nigerianisch-deutschen Film „The Champion Sportsman“ etwa schildern wir auf humorvolle Weise das Schicksal eines Afrikaners, der in einer deutschen Telefonzelle haust, in Gesprächen mit seiner Familie aber vorgibt, in Saus und Braus zu leben. Damit wollen wir in Nigeria Aufklärungsarbeit leis-ten. Alle von Migration betroffenen Kulturen werden unsere Botschaft verstehen.

Ihr Film feiert im Februar 2010 in Berlin Premiere. Glauben Sie, das deutsche Publikum wird ihn mögen?
„The Champion Sportsman“ überschreitet kulturelle Grenzen und betrachtet Migration aus europäischer wie afrikanischer Perspektive. Der Film wird auch das deutsche Publikum begeistern.

Das Interview führte Katrin Czerwinka



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