Der Krisenprophet

von Karl-Heinz Meier-Braun

Raum für Experimente (Ausgabe III/2017)


Bereits im Jahr 2000 schrieb Klaus J. Bade der Politik Folgendes ins Stammbuch: »Solange das Pendant der Abwehr von Flüchtlingen aus der ›Dritten Welt‹, die Bekämpfung der Fluchtursachen in den Ausgangsräumen, fehlt, bleibt diese Abwehr ein historischer Skandal, an dem künftige Generationen das Humanitätsverständnis Europas [...] bemessen werden.« Es sind Sätze wie dieser, die den Migrationsforscher Bade rückblickend fast schon prophetisch wirken lassen –  und das Buch »Migration – Flucht – Integration«, in dem seine wichtigsten Beiträge zu Themen wie der Gastarbeiterfrage bis hin zur Flüchtlingskrise gesammelt sind, zur Pflichtlektüre machen.

Eindrücklich erinnern Bades Mahnungen an die Politik daran, dass er die Themen Migration und Integration schon in den 1980er-Jahren als »Zentralbereiche der Gesellschaftspolitik« beschrieb. Früh kritisierte er, dass das Ignorieren dringlicher Fragen zu Protestpotenzial und inneren Spannungen führen könne. Rechtzeitige Integrationsförderung sei bei Weitem effektiver als eine verspätete Reparaturpolitik, gab Bade zu bedenken – und auch das Problem des krisenbedingten Migrationsdrucks erkannte er früher als andere. Dieser könne in Gestalt von Fluchtwanderungen auch Europa erreichen und die völlig unzureichende nationale und europäische asylpolitische Agenda auf eine harte Probe stellen.

Anfangs war der Migrationsforscher von Politikern, denen er eine »defensive Erkenntnisverweigerung« vorhielt, als »Krisenprophet« verlacht worden. Spätestens unter der rot-grünen Bundesregierung Gerhard Schröders wurde er jedoch zu einem gefragten Berater. Er leistete seinen Beitrag zum Zuwanderungsgesetz und prägte das Konzept für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit, das nach seinem Entwurf »Bundesamt für Migration und Integration« hätte heißen sollen. Außerdem lancierte Bade über den Integrationsbeirat der Bundesregierung immer wieder wichtige Denkanstöße zu muffig klingenden, aber heute wieder aktuellen Themen wie »Zusammenhalt« und »Heimat«.

Bei der Lektüre von Bades neuem Buch wird deutlich, warum seinem Wort in der öffentlichen Debatte bald enormes Gewicht beigemessen wurde: Er verstand es, fundierte Einsichten in menschenfreundlicher Prosa publik zu machen. Und gerade weil er sich seit 2016 zugunsten  jüngerer Kollegen aus der Tagesdebatte um Migrationsfragen zurückgezogen hat, scheint es umso wichtiger, seinen Mahnungen auch heute Gehör zu verschaffen. Das Buch ist dabei keine reine Sammlung alter Diskussionsbeiträge, sondern enthält auch aktuelle Texte. Die deutsche Haltung in der Flüchtlingskrise kommentiert Bade kritisch.

Natürlich habe niemand absehen können, wie sich die weltweiten Migrationsströme im Detail entwickeln würden – die Zunahme des globalen Migrationsdrucks habe man aber erwarten können. Und auch die Wirkung der mutigen drei Worte von Angela Merkel (»Wir schaffen das!«) sei nicht gänzlich unvorhersehbar gewesen. Zudem gibt Bade scharfsinnig zu bedenken, »schaffen« beinhalte ja auch die Flüchtlingsabwehr: »Wir schaffen es, die Flüchtlinge fernzuhalten, [...] in einer Mischung von Zuckerbrot und Peitsche.« Und er fügt hinzu: »Bei der Flüchtlingsabwehr gibt es eine Art legitimatorischen Schaukeleffekt: Je unsicherer die Bevölkerung wird, desto leichter lassen sich inhumane Abwehrkonzepte legitimieren. Das gilt zum Beispiel für Verträge mit selbst Flucht verursachenden brutalen Diktaturen wie in Eritrea und im Sudan.«

Alles in allem ist Bades Buch gerade in diesen Tagen von äußerster Relevanz. Es stellt nicht nur die Geschichte der Debatte zu Integrations- und Einwanderungsfragen dar, sondern liefert auch neue Einsichten. Das weiß wohl auch der Autor, denn er hat sein migrationspolitisches Gesamtwissen nicht nur in gedruckter Form veröffentlicht, sondern auch frei zugänglich auf der Website der Universität Osnabrück.

Migration – Flucht – Integration. Kritische Politikbegleitung von der »Gastarbeiterfrage« bis zur »Flüchtlingskrise«. Erinnerungen und Beiträge. Von Klaus J. Bade. Loeper Literaturverlag, Karlsruhe, 2017.



Ähnliche Artikel

Unterwegs. Wie wir reisen (Kulturprogramme)

Mein erster Deutschkurs

Gülten Dogdu

Das Zuwanderungsgesetz schreibt seit dem 1. Januar 2005 Integrationskurse für
Migranten vor. Wie ihr Alltag sich durch den Deutschkurs verändert hat, berichtet eine Türkin aus Berlin-Kreuzberg

mehr


Une Grande Nation (Worüber spricht man in ...)

... Sarawak?

von Aisar Chan

Sarawak liegt im Nordwesten der Insel Borneo und ist der größte Bundesstaat Malaysias. Zurzeit werden die Schlagzeilen hier von einem explosiven Thema dominiert: der vermeintlichen Ungleichbehandlung Sarawaks. 

mehr


Neuland (Thema: Flucht und Heimat )

„Ich dachte, ich sei ein Schweizer Bub“

ein Gespräch mit Samir

Der irakische Regisseur spricht übers Dazugehören

mehr


Das ärmste Land, das reichste Land (Anruf bei ...)

einer Comedienne: Geht es bei #MeTwo nur um Einzelfälle?

es antwortet Idil Baydar

Nein, diese sogenannten Einzelfälle ergeben eine Struktur und man erkennt, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist.

mehr


Toleranz und ihre Grenzen (Wählen in)

Wählen in: Kiribati

Taberannang Korauaba

Kiribati ist eine mikronesische Nation, die insgesamt 33 Atolle umfasst. Sie dehnen sich fast 4.000 Kilometer von Ost nach West und 2.000 Kilometer von Nord nac... mehr


Neuland

Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

Unsere Chefredakteurin wirft einen Blick in das aktuelle Heft 

mehr