„Männer fürchten den Machtverlust“

ein Gespräch mit Jack Urwin

Raum für Experimente (Ausgabe III/2017)


Herr Urwin, in Ihrem Buch »Boys don’t cry« geht es um die Männlichkeit und ihre Kehrseiten. Warum ist das für Sie ein wichtiges Thema?

Das hat viel mit dem Tod meines Vaters zu tun. Er starb kurz vor meinem zehnten Geburtstag an einem Herzinfarkt, die Familie war damals in einem absoluten Schockzustand. Später fand meine Mutter Schmerzmittel in seiner Jackentasche und bei der Untersuchung des Leichnams wurde Narbengewebe am Herzen entdeckt. Da war klar, dass mein Vater bereits lange zuvor einen Herzinfarkt erlitten, aber niemandem davon erzählt hatte. Überspitzt könnte man sagen: Bevor er Schwäche zeigte, starb er lieber.

Eine Denkweise, die Ihrer Meinung nach auf viele Männer zutrifft ...

Ich merkte erst später, dass das Verhalten meines Vaters keine Ausnahme war und viel damit zu tun hatte, welchen Rollenbildern Männer sich unterwerfen. Als Jugendlicher und junger Erwachsener kämpfte ich mit Depressionen. Ich stellte damals fest, wie schwer es auch mir fiel, einzugestehen, dass es mir schlecht ging. Bis dahin hatte ich mich immer für einen aufgeklärten jungen Querdenker gehalten – und plötzlich wurde mir bewusst: Du verhältst dich im Endeffekt genauso wie dein Vater. Als ich es irgendwann schaffte, mich gegenüber meinen engsten Freunden zu öffnen, bekam ich dann unglaublich viel Zuspruch. Ein Großteil von ihnen hatte ähnliche Probleme wie ich, Panikattacken und Depressionen waren niemandem fremd. Und trotzdem hatten wir nie darüber gesprochen.

Weil sich niemand verwundbar machen wollte?

Genau. Irgendwann haben Männer angefangen zu glauben, dass es falsch sei, Schmerz oder Leid zu äußern. Dieses Verständnis des Mannes als Wesen, das seine Emotionen gefälligst zu unterdrücken hat, gab es sicher nicht immer. Selbst in der Antike, bei den Griechen etwa, schlossen sich Männlichkeit und Empfindsamkeit nicht kategorisch aus. Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg ist diese Annahme aber zur Norm geworden – vielleicht aus ganz praktischen Gründen. Mein Großvater und seine Generation gingen im Krieg vor die Hunde, kamen mitunter traumatisiert nach Hause zurück und litten sicher nicht selten an Posttraumatischen Belastungsstörungen, die damals noch unerforscht waren. Viele ertränkten ihre Sorgen in Alkohol, behandelt wurden sie allerdings nicht. Mein Großvater schaffte es zum Beispiel nie, meinem Vater echte Zuneigung zu zeigen, was wiederum dessen Verständnis von Vater-Sohn-Beziehungen prägte. Nur wenigen Männern wurde beigebracht, dass man sich seinen Problemen auch anders stellen kann als durch Abgeklärtheit und Härte.

In diesem Zusammenhang führen Sie in Ihrem Buch das Konzept der »toxischen Männlichkeit« ein. Was ist das?

Ich benutze diesen Begriff, um zu beschreiben, wie sich Männer verhalten, um als »männlich« wahrgenommen zu werden – und welch verheerende Folgen das hat. Es gibt verschiedene Ausprägungen der toxischen Männlichkeit: Gewalttätigkeit, die Übersteigerung von Werten wie Stärke und Tapferkeit, Frauenhass. Es sind pervertierte Verhaltens- und Ausdrucksformen, die Männer wählen, um andere, aber auch sich selbst von ihrer Männlichkeit zu überzeugen. Im Endeffekt schaden diese Verhaltensformen nicht nur dem Umfeld der betroffenen Männer, sondern auch ihnen selbst. Sie wirken wie Gift. Ich halte das nicht für ein übertriebenes Bild. Es ist meiner Meinung nach etwa kein Zufall, dass Männer rund dreimal so häufig Selbstmord begehen wie Frauen. Die Unfähigkeit, über den eigenen Seelenzustand zu reden, führt letztendlich in eine Sackgasse.

Warum wird das »traditionelle« Verständnis dessen, was es bedeutet Mann zu sein, denn gerade heutzutage zum Problem? Im Feuilleton liest man immer öfter von einer »Krise der Männlichkeit«.

Weil sich die Welt in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten grundlegend gewandelt hat, die vorherrschende Definition von Männlichkeit aber unverändert geblieben ist. Früher war der Mann der Geldverdiener, das vermeintliche Familienoberhaupt – und auch heute wird uns noch suggeriert, dass wir stark sein und über den Dingen stehen sollen. Die Realität hat uns aber längst überholt. Wir leben in Gesellschaften, in denen es nicht mehr undenkbar ist, dass Frauen die Familie ernähren und mehr Geld verdienen. Wer in seinem Selbstverständnis noch an das vorherrschende Narrativ des Mannseins gebunden ist, hat automatisch ein Problem. Viele Männer glauben immer noch fest daran, dass ihr Umfeld nichts von ihnen hält, wenn sie wenig Geld verdienen. Kein Wunder, dass die aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen sie in ihrer Eigenwahrnehmung stark verunsichern. Die Angst vor dem Abstieg, vor dem Macht- und Kontrollverlust wiegt schwer.

Ist das einer der Gründe dafür, warum zurzeit vielerorts eine von wütenden Männern angeführte »Gegenrevolution« gegen emanzipatorische Errungenschaften stattfindet?

Ich glaube, man kann das sehr wohl so verstehen. Nehmen wir die USA. Donald Trump ist ja nichts anderes als die fleischgewordene toxische Männlichkeit. Vermeintlich steht er für alles, was Männer sein sollen: reich, mächtig, willensstark, unbeugsam. Gerade deshalb wählten ihn diejenigen Männer ins Amt, die nicht wollen, dass sich das Konzept dessen, was Mannsein bedeutet, nachhaltig wandelt. Die eigene Verunsicherung wird unterdessen gerne dem Feminismus in die Schuhe geschoben. Dabei sollten wir eher darüber diskutieren, wie sich Rollenbilder verändern müssten, damit sich Männer in ihrer Haut wieder wohler fühlen könnten.

In Ihrem Buch fordern Sie einen Kulturwandel. Wie könnte der aussehen?

So ein Wandel müsste zuerst einmal von uns Männern selbst angeschoben werden. Wir müssen eine größerer Sensibilität dafür entwickeln, was uns guttut und was nicht. Wie schaffen wir es, uns gegenüber Familie und Freunden zu öffnen? Warum heulen wir uns nicht bei ihnen aus? Noch wichtiger ist jedoch die Frage: Wie positionieren wir uns gegenüber Männern, die toxischer Männlichkeit Vorschub leisten? Es kommt viel zu oft vor, dass Männer die unsensiblen, frauenfeindlichen und teils übergriffigen Verhaltensmuster ihres Umfelds tolerieren. So reproduziert sich das herkömmliche und ungesunde Männlichkeitsdogma ständig weiter. Wir müssen also wehrhafter werden und uns klarer positionieren, wenn es darum geht, unsere männliche Identität neu zu denken. Mit »Boys don’t cry« wollte ich einen ersten Anstoß dazu geben.

Boys don’t cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit. Von Jack Urwin. Aus dem Englischen von Elvira Willems. Edition Nautilus, Hamburg, 2017

Das Interview führte Kai Schnier



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