Die Smolensk-Lüge

von Kai Schnier

Rausch (Ausgabe I/2017)


Am Morgen des 10. April 2010 hing schwerer Nebel über dem russischen Militärflugplatz Smolensk-Nord. Um 7:22 Uhr brach eine Passagiermaschine ihren Landeanflug aufgrund schlechter Sichtverhältnisse ab. Als sich drei Stunden später das Flugzeug näherte, in dem sich der polnische Präsident Lech Kaczyński sowie ranghohe polnische Offiziere und Parlamentarier befanden, hatte sich die Wetterlage nicht verbessert. Die Sichtweite aus dem Cockpit betrug nicht mehr als 400 Meter. Trotzdem wagte der Pilot das Landemanöver.

„Der Rest ist Geschichte“, könnte man nun sagen, um die Darstellung der Ereignisse rund um den Flugzeugabsturz bei Smolensk abzukürzen, bei dem 96 Menschen ums Leben kamen. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn mit der Geschichte ist das so eine Sache, seit in Polen die rechtskonservative Partei Prawo i Sprawiedliwość (Recht und Gerechtigkeit), kurz PiS, regiert.

Obwohl aus Expertensicht längst feststeht, dass es sich bei dem Absturz der Regierungsmaschine um einen tragischen Unfall handelte – in diesem Punkt stimmen die polnischen und russischen Untersuchungsberichte aus dem Jahr 2011 überein –, rollte die PiS den Fall vor Kurzem neu auf. Mitte November ließ sie die ersten Opfer der Tragödie unter dem Protest vieler Angehöriger exhumieren. Man wolle die „Ursachen und Mechanismen der Todesfälle“ untersuchen und einige Unstimmigkeiten abschließend aus dem Weg räumen, lautete die offizielle Begründung.

Doch für viele kritische Beobachter innerhalb und außerhalb Polens ist klar: Der PiS geht es gar nicht um eine möglichst akkurate Aufbereitung der Unfallgeschichte, sondern um ihre Umdeutung. Die von Lech Kaczyńskis Zwillingsbruder Jarosław angeführte Partei arbeite an der „historischen Sanierung“ des Landes, kritisiert die bekannte polnische Verlegerin Beata Stasińska im Gespräch: „Sie wollen Polen ihre eigene, nationalistische Interpretation der Geschichte aufzwingen.“

Vieles spricht dafür, dass Stasińska mit dieser Einschätzung richtig liegt. Schon seit der Veröffentlichung der ersten Untersuchungsberichte zur Tragödie von Smolensk kokettieren PiS-Politiker mit Verschwörungstheorien. Als Oppositionsführer warf Jarosław Kaczyński der ehemaligen polnischen Regierung vor, einen „Mord“ vertuschen zu wollen. Sein Parteikollege Antoni Macierewicz, heute der Verteidigungsminister des Landes, schlug in dieselbe Kerbe. Nach der Veröffentlichung eines Zeitungsartikels, der – wie sich später herausstellte fälschlicherweise – über den Fund von TNT-Spuren in dem Flugzeugwrack berichtete, stellte Macierewicz in Aussicht, „dass jetzt die Smolensk-Lüge in sich zusammenfällt“. Die implizite Botschaft dieser Aussagen: Der Absturz bei Smolensk war kein Unfall, sondern ein von Russland verübtes Attentat.

Polen in die Opferrolle rücken und die Schuld bei anderen suchen – das scheint das Grundprinzip der von der PiS betriebenen Geschichtspolitik zu sein. Und das nicht nur im Hinblick auf die Ereignisse von Smolensk: Die Pläne für das von der Vorgängerregierung konzipierte Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig torpedierte die Partei kurz nach der gewonnenen Parlamentswahl mit der Begründung, das vorläufige Ausstellungsprogramm des Museums gebe nicht „die polnische Wahrheit“ wieder, sondern induziere ein „Gefühl der Scham“. Das inhaltliche Konzept hatte vorgesehen, auch die von polnischen Staatsbürgern an polnischen Juden verübten Gräueltaten, etwa das Massaker von Jedwabne aus dem Jahr 1941, zu thematisieren. Für die PiS und Präsident Kaczyński Grund genug anzukündigen, man werde „das Konzept des Weltkriegsmuseums verändern, damit die Ausstellung den polnischen Standpunkt einnimmt“.

In diesem Bestreben macht die PiS auch nicht vor den Lehrplänen des Landes halt. Eine jüngst von der Regierung ausgearbeitete Schulreform sieht vor, den Informatik-, Naturwissenschafts- und Fremdsprachenunterricht zu kürzen, um zusätzliche Unterrichtsstunden für die Fächer Religion und Geschichte zu schaffen. Neue Schulbücher befinden sich bereits im Druck, und schon heute erhalten die Geschichtslehrer des Landes unaufgefordert sogenannte „historische Themenhefte“, die sie auf den neuen, von der PiS erdachten „patriotischen Schulunterricht“ einstimmen sollen.

Und noch eine Änderung soll es geben: Polnische Schulklassen sollen bald ins Kino gehen. Dort läuft nämlich seit November ein neuer Film des polnischen Regisseurs Antoni Krauze. In „Smolensk“ werden die Ereignisse rund um die Tragödie des 10. April 2010 nacherzählt – mit einem nennenswerten Unterschied zu den bekannten Ergebnissen der Expertenberichte: Kurz bevor das Flugzeug im Film abstürzt, wird es von einer Explosion erschüttert, die den linken Flügel abreißt.



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