„Die Wüste war unsere Musikschule“

ein Interview mit Ahmed Ag Kaedi

Rausch (Ausgabe I/2017)


Sie kommen aus dem Norden Malis und gehören dem Volk der Tuareg an. Warum haben Sie Ihre Heimatstadt Kidal verlassen?

Als die salafistischen Dschihadisten der Gruppe Ansar Dine um den Tuareg-Rebellen Iyad Ag Ghali im Frühjahr 2012 in unsere Stadt kamen, zerstörten sie mein Equipment und meine Gitarre. Sie drohten damit, mir die Finger abzuschneiden; sie seien zum Beten da, nicht zum Musikmachen. Mittlerweile wohne ich in Bamako im Süden. Dort verdiene ich ein bisschen Geld mit Konzerten, und bald fahre ich für ein paar Tage nach Kidal, um meiner Familie Geld zu bringen.

Und das geht einfach so?

Jedes Mal werde ich an den Checkpoints angehalten. Wenn ich in den Norden fahre, fragen mich die Dschihadisten: „Ah, bist du ein Rebell?“ Wenn ich vom Norden wieder nach Bamako fahre, werfen sie mir vor: „Ah, du bist nicht auf unserer Seite, du bist für Mali.“ Seit 2012 gibt es keine öffentliche Musik mehr in Kidal, sie ist verboten. Finden die Dschihadisten auf einem Handy Musik, zerstören sie es. Ich habe zwar eine Gitarre in Kidal, aber ich spiele nur ganz leise und versteckt zu Hause. Auch wenn die Islamisten jetzt weg sind, gibt es immer noch Attentate und Minen.

Wie sind Sie zum Gitarrespielen gekommen?

Ich bin noch zur Schule gegangen, als im Norden Malis die zweite Tuareg-Rebellion anfing (ein bewaffneter Tuareg-Aufstand gegen die damaligen Regierungen von Mali und Niger von 1990–1995, Anm. der Red.). Wir jungen Männer waren wie im Rausch und wollten für die Unabhängigkeit der Tuareg kämpfen. Ich brach die Schule ab und ging nach Libyen zur Militärausbildung. Dort sah ich zum ersten Mal eine Gitarre. Ich fing an, Musiker mit dem Schlagzeug zu begleiten. Irgendwann probierte ich eine Gitarre aus und vor der Rückreise kaufte ich mir dann eine.

Wo und wie machten Sie früher in Kidal Musik?

Meine Freunde und ich wurden für Hochzeiten oder Festessen angerufen. Wir spielten,  und es wurde getanzt. Wenn keine Konzerte anstanden, fuhren wir in den Busch, setzten uns in die Dünen, unter freiem Himmel, tranken Tee. Wir musizierten und diskutierten die ganze Nacht, oft bis vier Uhr morgens. Das war unsere Musikschule. Das fehlt mir sehr.

Man nennt diese Musik auch „Tuareg-Blues“.

Ich kenne den Begriff. Aber es ist unsere normale, traditionelle Musik, mit Gesang, Basstönen, Rhythmus, die wir mit einer E-Gitarre ergänzt haben. Wir haben nicht gesagt: „Jetzt spielen wir mal den amerikanischen oder den europäischen Blues.“ Nein. Die erste Band, die unsere traditionelle Musik mit E-Gitarre verstärkt hat, war Tinariwen in den 1980er-Jahren.

Worüber singen Sie in Ihren Liedern?

Früher sang ich vor allem über Bildung. Ich wollte, dass die Menschen den Analphabetismus bekämpfen, denn bei uns ist er normal. Die Menschen, die im Busch leben, sind entweder draußen bei den Tieren oder im Haus bei den Kindern und mit Essenszubereitung beschäftigt. Wenn du zwei Kinder hast, hütet eines die Tiere, das andere holt Wasser. Ich habe gesungen: „Wenn du zwei Kinder hast, schicke eines zur Schule. Wenn du willst, dass der Junge mitarbeitet, schick das Mädchen.“ Ich selbst kann jetzt nur mit Ihnen reden, weil ich einige Jahre in der Schule Französisch gelernt habe. Ich wollte, dass die Leute verstehen, wer unsere wahren Feinde sind: Trockenheit, Wassermangel und zu wenig Bildung.

Sie treten auch mit Musikern auf, die keine Tuareg sind. Kann das etwas verändern?

Gemeinsame Konzerte verbreiten in dieser Zeit der gewaltsamen Konflikte Hoffnung: „Der Hund sieht, wie die Karawane vorankommt.“ Wenn Menschen verschiedene Sprachen wie Tuareg, Songhaï, Bambara auf der Bühne sprechen und nicht feindselig zueinander sind, versteht das Publikum es als Beispiel. Nur die Bevölkerung kann die Regierung dazu bringen, etwas zu verändern.

Das Interview führte Nikola Richter



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