Britain, Goodbye

David Carter

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


In den Jahren nach Australiens 200. Jahrestag 1988 zeigte ich meinen Studenten gerne das Fernsehspektakel zur Eröffnung der Jubiläumsfeier. Das Programm springt zwischen Orten – Canberra, Sydney, Antarktis, den Städten im tropischen Norden und Uluru – und Menschen, – vom Premierminister über lokale Persönlichkeiten bis zu Durchschnittsaustraliern. Dann, nach ungefähr 20 Minuten, zeigt es eine offizielle Verlautbarung Ihrer Hoheit der Königin. Jedes Jahr, ohne Ausnahme, brachen meine Studenten in dem Moment, in dem Elisabeth II. anfing zu sprechen, in spontanes Gelächter aus. Es war teilweise wegen des Akzents, eines bei einer australischen Feierlichkeit unangebrachten, weil zur Oberschicht gehörenden Tons. Vor allem aber wirkte die Königin als solche nicht mehr zeitgemäß, sondern zu einem älteren Australien gehörig, das die Studenten nicht mehr anerkennen und ernst nehmen konnten.


Australienbesucher reden manchmal immer noch von der scheinbaren „Britishness” Australiens, doch diese Wahrnehmung beruht auf einer Missdeutung der gegenwärtigen Beziehungen beider Gesellschaften. Außenwelt und Architektur, Geschichte und Positionierung in der Welt, sogar die Gesichter auf der Straße lassen in Australien viele verschiedene Kulturen erkennen. Wie der britische Blick auf Australien, so ist auch Australiens Wahrnehmung von Großbritannien ein oder zwei Jahrzehnte veraltet. Wenn Großbritannien heute in Australien irgendetwas symbolisiert, dann ist es die Vergangenheit. Australier werden in der Zukunft nach Asien schauen, nach Amerika und manche vielleicht nach Europa, aber nur wenige werden dabei an Großbritannien denken.


Dennoch stimmten vor zehn Jahren die Australier in einem Volksentscheid gegen eine Verfassungsänderung, die ihr Land zu einer unabhängigen Bundesrepublik gemacht hätte. Sie entschieden sich dafür, eine an die britische Krone gebundene konstitutionelle Monarchie zu bleiben. Langwierige politische Verhandlungen hatten ein republikanisches Kompromissmodell hervorgebracht, welches dem Volk nicht erlaubt hätte, den Präsidenten direkt zu wählen. Viele Wähler fühlten sich von dem Reformprozess ausgeschlossen. Das Nein war ein Votum gegen einen unpopulären Republikentwurf, keine Stimme für ein Fortführen der Bindung an Großbritannien und die Monarchie. 


Australiens traditionelle Bindungen an Großbritannien spielten in der Debatte vor dem Referendum eine sehr geringe Rolle. Das Argument der Gegner der Republik war, dass das gegenwärtige System, mit einem lediglich symbolischen Staatsoberhaupt außerhalb und jenseits der nationalen politischen Strukturen, eine stabile und verlässliche Demokratie hervorgebracht habe. Es sei ein Vorteil, dass die Königin keine wirkliche Macht habe, und die bestehenden konstitutionellen Regelungen hätten Australien nicht davon abgehalten, in der Praxis eine unabhängige Nation zu werden. Warum Dinge nun aus dem Gleichgewicht bringen? Seltsamerweise basierten also sogar die Argumente der Republikgegner teilweise auf der Irrelevanz Großbritanniens und der Krone für das heutige Australien. Es war ebendiese Bedeutungslosigkeit, die das Nein möglich machte. Australier empfinden die Bindung an Großbritannien weder als ein belastendes Gewicht, das in einem Akt der Unabhängigkeitserklärung abgeschüttelt werden muss, noch als etwas Positives, dem sie sich verbunden fühlen. 


Seit dem Zusammenschluß zum Staatenbund 1900 bis in die 1960er-Jahre verstand sich Australien als eine Nation, die nicht nur weiß und britisch war, sondern auch die Pflicht hatte, weiß und britisch zu bleiben. Mit der berüchtigten „White Australian Policy” beschränkte man Einwanderung lange Zeit auf den englisch-keltischen Raum. Hin und wieder wurde sogar damit geprahlt, dass Australien weißer und britischer sei als Großbritannien selbst. Innerhalb etwa eines Jahrzehnts, von den 1960ern bis in die 1970er-Jahre, einer erstaunlich kurzen Zeitspanne geschichtlich gesehen, war diese Idee beinahe vollständig verschwunden. An ihre Stelle trat eine neue politische, kulturelle und geografische Vision von Australien als unabhängiger, multikultureller Nation im asiatisch-pazifischen Raum.


Imperien sterben, wie wir wissen, nicht über Nacht, sondern leben lange nach dem formalen Ende imperialer Amtsführung in Institutionen und Mentalitäten fort. Australien bleibt ein hervorragender Schauplatz, auf dem wir das kulturelle Nachwirken von Kolonialismus betrachten können. Es ist eine postkoloniale Siedlernation, die den traumatischen Auswirkungen von Kolonialismus nicht entkommen kann. Dies zeigt sich am heftigsten im Rahmen der internen Beziehungen zwischen australischen Siedlern und der indogenen Bevölkerung und nicht etwa im Rahmen der externen Beziehung zwischen Australien und Großbritannien.


Bemerkenswert innerhalb dieses postkolonialistischen Kontexts ist die Gründlichkeit und Plötzlichkeit, mit der Großbritannien und „Britishness” als wichtige Referenzpunkte für die australische Kultur, für deren Produzenten und Konsumenten, verschwunden sind. Sogar für diejenigen, die aggressiv einen kulturellen Nationalismus vertreten, ist der Antagonist heutzutage nicht mehr Großbritannien, sondern viel eher sind es die USA. Großbritannien ist so ziemlich der letzte Ort, der für das breite Spektrum australischer Kunst und Alltagskultur eine Rolle spielt. Für die zeitgenössische Beschreibung australischer Identität hat es nur geringe Bedeutung.


Ausschlaggebend war Großbritanniens Entscheidung 1961, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beizutreten. Auf der Handels- und Diplomatieebene bestätigte dies lediglich das Auseinanderlaufen australischer und britischer Interessen, das sich seit dem Krieg herausgebildet hatte. Australiens Sicherheit und seine wirtschaftlichen Interessen waren zunehmend an Asien und die USA gekoppelt. Die kulturellen Auswirkungen dieser britischen Entscheidung für Europa waren schwerwiegender. Nicht der Zusammenbruch des Empires in der Nachkriegszeit und Großbritanniens schwindende Bedeutung auf der Weltbühne hatten Australiens Enthusiasmus für die britische Bindung geschmälert. Das Gefühl, dass es eine weltweite „Familie der britischen Völker” gab, zu der Australien als eines der loyalsten Mitglieder gehörte – dieser lang gehegte Mythos zerbrach mit Großbritanniens Hinwendung zu Europa. Imperiale Vorstellungen wurden quasi über Nacht hinfällig und es mussten neue Ideen für ein unabhängiges, national orientiertes Australien gefunden werden.


Australien fand sich in einer Region wieder, die nicht mehr von europäischen Mächten, sondern von vielfältigen, neuerdings unabhängigen Nationen kontrolliert wurde – sowie durch das wirtschaftliche Wachstum Asiens. Wie in vielen anderen Teilen der Welt waren die 1950er- und 1960er-Jahre eine Zeit zunehmenden Wohlstands, Bevölkerungswachstums und Bildungszuwachses: Mitte der 1960er-Jahre gab es mehr junge Menschen mit mehr Geld und besserer Bildung als jemals zuvor. Die Bevölkerung Australiens wuchs durch ein Massenimmigrationsprogramm nicht nur in Zahlen, sondern auch in Vielfalt: Griechische, italienische, slawische, türkische, libanesische und vietnamesische sowie in jüngster Zeit chinesische und indische Immigranten veränderten die australische Bevölkerung. Nur in Israel leben prozentual gesehen mehr in Übersee Geborene als in Australien. Mit über 25 Prozent lässt Australien die USA oder Kanada hinter sich. Die großen Städte im Osten Australiens sind heute in beachtlichem Maße asiatische Städte.


Nicht weniger wichtig war die zunehmende Präsenz politischer und kultureller Forderungen der australischen Aboriginies, die von einer außergewöhnlichen kulturellen Renaissance begleitet wurde. Das international bestbekannte Beispiel sind die „Punktmalereien” der Einwohner der Zentralwüste, aber dies ist lediglich ein Stil einer bemerkenswerten Reihe neuer Kunstbewegungen, die neben neuen Entwicklungen in Literatur, Tanz, Theater und, in jüngerer Zeit, im Kino aufkamen. Entscheidend ist, dass dies zeitgenössische Kunstbewegungen sind, auch wenn sie tief liegende Beziehungen zur Tradition ausdrücken, wie die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Sydney demonstrierte es sind keine folkloristischen Darbietungen verlorener Kulturen.


Die Auswirkungen der Globalisierung mit ihrer doppelten Dynamik von Simultanität und Dezentralisierung haben jeden kulturellen Austausch gewandelt und Märkte, Netzwerke und kulturelle Begegnungen vervielfacht. Als eine mittelgroße englischsprachige Kultur ist Australien klein genug, um einer Vielzahl internationaler Einflüsse gegenüber offen zu sein, aber groß genug, um ein bedeutender Akteur im kulturellen Austausch zu sein, sowohl als Importeur als auch als Exporteur. London ist höchs-tens ein Knoten innerhalb dieses internationalen Netzwerks. Natürlich besitzt die britische Metropole weiterhin ein gewisses kulturelles Prestige und die gemeinsame Sprache begünstigt berufliche Beziehungen. Australier entscheiden sich immer noch häufig dafür, ihre Karriere in London voranzutreiben, obwohl es heutzutage ebenso New York, Tokio, Singapur oder Peking sein kann. Großbritannien ist nach wie vor der zweitgrößte Produzent englischsprachiger Kulturprodukte nach den USA und wie Konsumenten überall auf der Welt lieben auch wir das bisschen englische Nostalgie, das die britische Kultur unerschütterlich vermarktet.

Aus dem Englischen von Sebastian Kubitschko



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