Soldaten sind Künstler

von Nicholas J. Saunders

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Kriegserinnerungen sind vage, halten dafür aber lange. Meist geht es in ihnen um Heldengeschichten, um Geschichten des Elends, um Geschichten von Begeisterung und Verzweiflung. Für uns, die wir am Anfang des 21. Jahrhunderts stehen, bildet der Erste Weltkrieg die Grenze der lebendigen Erinnerung. Noch leben diese Ereignisse von vor 90 Jahren in der Geschichte, der Archäologie, der Kunst und der Anthropologie fort noch lässt sich ein ungeheures Vorkommen an Objekten anfassen und begutachten, das den „großen Krieg der Zivilisationen“, den Krieg der Kriege, den man führte, „um nie wieder Krieg führen zu müssen“, überlebt hat.

Das Interesse an Objekten aus dem Ersten Weltkrieg ist in den letzten Jahren erheblich größer geworden. Auch haben die Objekte eine neue Wertschätzung erfahren niemand wird sie mehr leichtfertig als „Opas Kriegssouvenir“ oder als „Weltkriegskram“ bezeichnen. Im Gegenteil. Sie werden als Erinnerungsträger geschätzt als besondere Objekte, die bislang verborgene Geschichten menschlicher Erfahrung und der kulturellen, psychologischen und technischen Dimensionen des Krieges erzählen. Finden konnte man sie auf Dachstühlen oder dank der archäologischen Ausgrabungen auf historischen Schlachtplätzen inzwischen befinden sich viele von ihnen in Museen, in Kunstgalerien und auf Auktionsseiten im Internet. Die Besonderheit dieser Objekte besteht darin, dass sie Kriegserfahrungen widerspiegeln und somit neue Perspektiven auf die Behandlung dieser großen Auseinandersetzung eröffnen können. Schließlich ist es wichtig, jungen Menschen heute die Bedeutung der modernen Kriege zu vermitteln. Denn so kann erklärt werden, warum unsere Welt heute ist, wie sie ist.

Die „Trench Art“, wie diese „Kunst aus den Schützengräben“ des 1. Weltkriegs mittlerweile gern genannt wird, zeigt gewissermaßen Relikte der Menschlichkeit, entstanden in den Wirren dieses totalen Krieges. Entstanden ist diese Kunst aus vielerlei Materialien. Die Objekte können aus Metall sein, aus Holz, Kleidern, Knochen oder Steinen. Angefertigt wurden sie von Soldaten und Zivilisten, nicht nur zwischen 1914 und 1918, sondern auch noch in den Zwischenkriegsjahren bis 1939. Es gibt dekorierte Munitionskisten, Kruzifixe aus Patronen, Brieföffner, Feuerzeuge und Stifte, die aus Kugeln und Schrapnellen angefertigt wurden, oder Flugzeug- und Panzermodellbauten. Weitere Beispiele für Trench Art sind Perlenstickereien sowie Holzschnitzereien. Oftmals diente die Kunst dem Tauschhandel, als Nebenverdienst oder therapeutischen Zwecken etwa zur Bewältigung von Explosionstraumata. Die offensichtlichste Spielart dieser Kunst bestand in der Anfertigung von Talismanen. Schmuck, wie Ringe, Armbänder, Broschen, der von den Soldaten für ihre Liebsten zu Hause kreiert wurde.

In der reichhaltigen Literatur, die sich mit dem Ersten Weltkrieg befasst, hat es nur wenige Erwähnungen der Trench Art gegeben. Den Soldaten und ihren Familien war sie während des Kriegs aber genauso vertraut wie danach. Heutzutage ist die Trench Art als kulturelle Quelle menschlichen Verhaltens im Kriegsfalle erschlossen. Die „Kunst der Schützengräben“ erzählt vom Krieg. Dabei handelt es sich nicht um Erzählungen auf Papier, sondern um Gravuren und Inschriften, und damit um einzigartige, Material gewordene Biografiengewöhnlicher Menschen, die in außergewöhnlichen Zeiten leben mussten.

Die Anfänge der Trench Art liegen nicht im Ersten Weltkrieg. Schon in früheren Zeiten haben Soldaten Holz geschnitzt, haben Botschaften und Muster in Steine und Knochen geritzt. Getreu dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ haben sie Kriegsmaterial für friedliche Zwecke benutzt. Bis zu den alten Griechen lassen sich Beispiele finden. Man denke nur an die Schlangensäule, eine Skulptur dreier, ineinander verflochtener Schlangen, die in Istanbul steht. Diese Siegessäule wurde aus den eingeschmolzenen Bronzewaffen der in der Schlacht von Platää besiegten Perser im Jahre 479 v. Chr. gegossen. Oder nehmen wir die Kunst der französischen Soldaten, die während des englischen Kriegs gegen Napoleon gefangen genommen und eingekerkert worden sind. Sie stellten wunderschöne Kriegsschiffmodelle her, und zwar aus Holz, Papier, Knochen und Haaren. Der Sarg des großen Helden von Trafalgar, Horatio Nelson, wurde aus dem Mast eines der bei der Schlacht am Nil von 1798 erbeuteten französischen Kriegsschiffe gezimmert. Trotzdem bleibt der Begriff „Trench Art“ weitgehend der Kunst aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs vorbehalten.

Das Aufkommen der Trench Art war die Folge eines bislang so noch nicht da gewesenen Ereignisses – dem industrialisierten, neuartigen, weltweiten Krieg. Um die Bandbreite aller Ideen, die sich in diesen Objekten verbergen, erfassen zu können, ist nicht nur eine Katalogisierung, sondern vor allen Dingen eine Klassifizierung notwendig. Neuere Studien haben sich mit Rohmaterial, Dekorationsstil und Technik befasst. Die entscheidende Rolle spielt aber immer noch der künstlerische Ausdruck. Besonders hierzu hat es in jüngster Zeit viele Studien gegeben.

Die Objekte der Trench Art sind von ganz unterschiedlicher Bedeutung. Für die Soldaten waren sie eng mit dem eigenen Schicksal verknüpft in schwierigen Zeiten dienten sie als Trost und Begleiter. Für die Hinterbliebenen repräsentierten dieselben Objekte den Schmerz über den Verlust ihrer Liebsten. Die wahre Bedeutung dieser Kunst liegt also nicht allein in der Qualität der Anfertigung, sondern in ihrem fortwährenden soziokulturellen Wert. Die Kunst der Schützengräben sollte also nicht nur als Kunst, sondern auch als soziale Dokumentation des Krieges wahrgenommen werden.

In der Untersuchung dieser Kunst geht es heutzutage weniger um die Frage der Erfassung. Es geht längst nicht mehr darum, Sammlerlisten zu führen. Wichtiger ist herauszufinden, unter welchen Umständen wer was wann und warum hergestellt hat.

Nehmen wir das Beispiel der bekannten Streichholzschachteln aus Metall. Sie wurden von verschiedenen Gruppierungen angefertigt, von Frontsoldaten, von der Reserve, von Kriegsgefangenen wie von Zivilisten. Jede Gruppe hat den Motiven der Streichholzschachteln ihre eigene Bedeutung beigemessen. Eine Waise würde mit der Waffe des Vaters ja auch anders umgehen als ein ehemaliger Soldat, eine Kriegswitwe oder ein Flüchtling. Die oder der Waise würde die Waffe vielleicht stolz auf dem Kaminsims drapieren, der Flüchtling wäre schon froh, wenn er sie an der ehemaligen Westfront losgeworden wäre. Dieselben Dinge können also von grundverschiedener Bedeutung für ihre Besitzer sein.

Die Kunst aus den Schützengräben hat vielerlei Formen, besonders, wenn sie von Soldaten gemacht wurde. Das reicht von selbstgemachter Ausrüstung bis zu Gewehrkugeln, auf denen die Namen befreundeter Soldaten eingraviert wurden, was ihnen Glück bringen sollte. Wie man in alter Feldpost nachlesen kann, haben französische und englische Soldaten einen Tauschhandel von Zigaretten und Schokolade gegen Werkzeuge und Muster für leere Patronenhülsen oder Ringe aufgezogen. Auch scheuten sich die Engländer nicht, Liedzeilen gegen gefertigten Schmuck aus Aluminium anzubieten. Die meiste Kunst wurde getauscht oder verkauft. Dinge wie die Kugelkruzifixe galten allerdings als so einzigartig, dass sie behalten wurden. Schließlich drückten sich in ihnen die Kriegserfahrungen ihrer Erschaffer aus.

Leider sind die meisten Berichte über die Hintergründe der Anfertigung mittlerweile verschwunden. Eine Ausnahme bildet die Geschichte des Australiers Stanley Pearl. Er ist Besitzer einer Armbanduhr, die aus Kriegsmaterial hergestellt wurde. Das Grundgerüst der Uhr besteht aus zwei Haubitzehülsen von jeweils 4,5 Zoll (also jeweils zirka 10 cm). Die Hülsen wurden Weihnachten 1917 in Armentières gefunden. Im belgischen Ypres wurde die Uhr dann angefertigt die Armbänder sind aus Gewehrgranatzündern und Artillerieverschlüssen gemacht. Im März 1918 wurde der Uhr schließlich der Knopf des eigenen Wintermantels aufgesetzt, dekoriert wurde sie mit dem Abzeichen eines in Noreuil gefallenen Kameraden. Diese Uhr stellt die Geschichte des Kriegs da, wie sie Stanley Pearl am eigenen Leib erfahren musste. Diese Uhr ist ein Zeitzeuge der Geschichte.

Die Kunst aus den Schützengräben blieb aber nicht nur den Soldaten vorbehalten, auch Zivilisten haben sich auf diesem Feld betätigt. Der Handel mit Kriegskunst blühte nicht zuletzt durch den leichten Zugang zu Kriegsschrott, der einfach auf den Schlachtfeldern herumlag, und die materiellen Nöte der Flüchtlinge auf. Kennzeichnend für die Arbeit der Zivilisten war deren bis nach dem Krieg kontinuierlich gleichbleibende Arbeit am Material. Der entscheidende Unterschied lag nicht in der Ausfertigung, sondern bei der Käuferschicht. Bestand diese während des Kriegs aus Soldaten, waren es nach dem Krieg hauptsächlich Kriegswitwen, die diese Objekte auf den zahlreichen Pilgerfahrten zu den Schlachtplätzen des 1. Weltkriegs erwarben. Wieder zeigte sich, dass dieselben Objekte unterschiedlich wichtig sein konnten, für manche waren sie von tragischer Bedeutsamkeit.

In den zwanziger Jahren konnte man also viele Objekte in den Fluren, Schlafzimmern und auf den Kaminsimsen dieser Kriegswitwen finden. Erinnerungsstücke, die das Gedenken an den gefallenen Gatten oder Bruder zu bewahren halfen. Für die Hinterbliebenen diente diese Kunst also therapeutischen Zwecken. Mitunter wurden die Objekte derart gepflegt, dass die Gravuren und Dekorationen Schäden davontrugen oder ganz verschwanden.Entscheidend ist die Widerspiegelung der Erfahrungen, wie sie in der Entstehungszeit dieser Objekte gemacht worden sind. Jeder dieser fürchterlichen Kriege im 20. Jahrhundert hat seine eigene Trench Art erschaffen. Die Ausfertigungen mögen verschiedene sein, die jeweiligen Bedeutungen bleiben dieselben.

Im Ungarn des Zweiten Weltkriegs hat man Patronenhülsen mit Dekorationen geschmückt, wie man sie schon aus dem Ersten Weltkrieg kannte. In England wurden die so genannten Siegesglocken aus den Resten deutscher Luftwaffenwracks gegossen. Die im Lager Oflag 79 bei Braunschweig festgehaltenen englischen Freimaurer haben Kunstwerkzeug aus dem Holz ihrer Schlafstätten und Teedosen angefertigt. Im Luftwaffenstützpunkt Maffin Bay/Neu Guinea stellte der amerikanische Infanteriesoldat Clinton Wilson vom 167. Regiment das Modell eines doppelschwänzigen Kampfbombers her, und zwar aus Kugeln und Hülsen der Artillerie. Schließlich gravierte er Datum und Namen ein und verschaffte sich und seinem Modell eine Form von Unsterblichkeit.

Es lassen sich unzählige weitere Beispiele für Trench Art aufzählen, aus Korea, Vietnam oder aus dem Kalten Krieg. Sie wurde während erbitterter Auseinandersetzungen in Afrika, Afghanistan und in Bosnien erschaffen. Aus jedem Konflikt wurden eigene Formen und Inhalte gewonnen. So gibt es ein aus einer AK-47 und einer Panzerfaust hergestelltes Saxofon aus Mosambik. Auch während der Belagerung Sarajewos wurde Trench Art hergestellt. Muslimische Schmiede entdeckten alte Fertigkeiten wieder, als sie Werkzeuge aus leeren Patronenhülsen herstellten.

Das Kunsthandwerk in Sarajewo hat gezeigt, wie Mordinstrumente, wie Waffen zu Objekten des Friedens und der Versöhnung umgewandelt werden konnten. Kunstobjekte wurden mit Blumen verziert oder mit Bildern historischer Stätten wie der zerstörten Brücke von Mostar versehen. Um es mit den Worten eines der Meisterkunsthandwerker dieser Stadt zu sagen: „Jeder Mensch sollte etwas schaffen, das mindestens zehnmal so lange hält wie das eigene Leben. So kann er der Welt etwas eigenes hinterlassen.“

Trench Art kann also Brücken schaffen, Brücken, die über den Strom der Zeit führen. Brücken zwischen den Individuen und ihren Nationen. Erinnerungen an die Erfahrungen, an die Konflikte und Trümmerhaufen der Geschichte. Diese Kunst kann in ihrer Vielfältigkeit Zeugnis ablegen, Zeugnis von den Widersprüchen des Kriegs. Zeugnis von den Wirren, vom Stolz und vom Schmerz, den so viele durch den Krieg erleiden mussten. Und sie zeigt, was es bedeutet, in Kriegszeiten Mensch zu sein. Und wie stark die beiden typischsten Handlungen des Menschen, nämlich Krieg zu führen und Kunst zu machen, miteinander zusammenhängen.

Aus dem Englischen von René Hamann



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