Foreign Affairs

von Paul Carr

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Passenderweise saß ich gerade in einer Bar mitten in San Francisco und wartete auf ein Date, als die E-Mail bei mir eintraf. Ob ich über das Klischee schreiben könnte, dass Amerikanerinnen britische Männer bevorzugen? Die Anfrage war irgendwie einleuchtend: Schließlich bin ich Brite und vor Kurzem nach Kalifornien umgesiedelt, meine letzte Freundin war Amerikanerin, ihre Vorgängerin auch. Und deren fünf Vorgängerinnen ... Bereits in London hatte ich erstaunliches Glück bei fern ihrer Heimat lebenden Kalifornierinnen und Texanerinnen und Frauen aus Philadelphia. Dass diese Beziehungen allesamt in Gezeter, Brüllen und reichlich Tränen endeten, ändert nichts daran, dass mich diese Amerikanerinnen anfangs unwiderstehlich fanden: einen schreibenden Hobbyalkoholiker mit Kartoffelkopf und einer krankhaften Unfähigkeit, sich Geburtstage zu merken.

Wenn man mich fragt, wie diese Anziehungskraft zu erklären ist, macht man allerdings den Bock zum Gärtner. Um dem Mysterium auf den Grund zu kommen, schien es mir entsprechend sinnvoller, die Frauen zu fragen.

Direkt von der Bar aus leitete ich die Anfrage an alle Amerikanerinnen weiter, mit denen ich je Affären hatte – oder jedenfalls an diejenigen, die noch mit mir redeten –, und fragte, was mich und meine Landsmänner so unwiderstehlich macht. Die ersten Antworten kamen postwendend, und offen gestanden war ich froh, dass ich einen Drink zur Hand hatte. Die meisten würdigten unseren unwiderstehlichen Akzent – „der macht uns absolut schwach“, schrieb Megan aus Rhode Island – und unseren liebreizenden Gebrauch solcher Wörter wie „bloody“ und „darling“. Manche führten unsere viel gerühmten guten Manieren, unseren Stil und unsere literarische Bildung an. Alle aber schlossen mit dem gleichen Vorbehalt: „... das gilt natürlich nur für die Zeit, in der ich dich noch nicht richtig kannte.“ Volltreffer. Offenbar bestand Einigkeit darüber, dass der ganze „Britische-Männer-sind-besser“-Mythos genau das ist, ein – wenn auch verlockender – Mythos.

Die Wahrheit ist stattdessen, dass man uns britische Männer feiern sollte. Nicht, weil wir so weltläufig, charmant oder intelligent wären, sondern vielmehr, weil uns der grandioseste PR-Coup aller Zeiten gelungen ist. Wir haben den amerikanischen Mädels erfolgreich eingeredet, dass ein Produkt mit gravierenden Mängeln – dicklich, sozial unbeholfen, tollpatschig, blöde und mit Hang zum Alkohol – ein Spitzenartikel ist.

Als Wurzel dieser großen Briten-Lüge entpuppt sich Jane Austen. Megan formuliert es so: „Das Erste, was wir Amerikanerinnen über britische Männer erfahren, lernen wir in ‚Stolz und Vorurteil‘ von Mr. Darcy. Wir denken nicht: ‚Was für ein maulfauler Tölpel!‘, sondern wir denken: ‚Mr. Darcy! So britisch!‘“ Gestützt wird diese Theorie durch eine andere Exfreundin, die mir für den Fall, dass ich ihren Namen nenne, mit dem Tod gedroht hat: „Im ersten Monat unserer Beziehung habe ich, wenn du nachts um zwei betrunken bei mir zu Hause aufgekreuzt bist, gedacht, dass das britisch sei“.

Genauso war es auch, als man Hugh Grant mit einer Nutte auf dem Sunset Boulevard aufgegriffen und er sich anschließend im US-Fernsehen dafür entschuldigt hat. Jede Britin hätte ihn vernichtend ausgelacht und abserviert. Hier in Amerika musste er bloß ein bisschen herumstammeln und sich verschämt aufführen – „Ach du meine Güte! Herrje! Was hab ich da nur wieder Dummes gemacht... !“ – und alles war verziehen. Er hat nicht herumgehurt und seine Freundin betrogen – nein, er hat sich einfach nur britisch verhalten. Wahrscheinlich denken Sie jetzt, ich gehe ein enormes Risiko ein, indem ich dies alles so offen zugebe.

Was passiert, wenn eine Amerikanerin das hier liest und ihren Freundinnen weitererzählt? Aber genau das ist der geniale Clou dieser Masche: Wenn Sie eine Amerikanerin mit einer Schwäche für britische Männer sind und diesen Beitrag lesen, kann ich Ihnen auf den Kopf zusagen, was Sie gerade denken. Sie denken: „Oh, diese bezaubernde Selbstironie, die er da an den Tag legt! Typisch britisch! Und mit seinem Akzent hört sich das bestimmt noch entzückender an.“ Und wissen Sie was? Sie haben vielleicht sogar recht. Oder auch nicht. Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden: Rufen Sie mich an.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld



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