Mittelsmänner

Alan P. Dobson

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


George Bernhard Shaw beobachtete einst treffend, dass England und Amerika zwei Länder seien, die von einer gemeinsamen Sprache getrennt würden. Man stelle sich folgende Szene in einem englischen Pub vor. Ein amerikanischer Tourist fragt den Barmann: „Könnte ich eine Portion Pommes Frites haben?“ Der Barmann sagt: „Entschuldigen Sie, mein Herr, ich glaube nicht, dass wir Pommes Frites haben.“ „Ah“, seufzt der Tourist, „ich denke, dann bleibe ich besser bei Kartoffelchips.“ „Gut“, sagt der Barmann und verlässt zur Überraschung des Touristen die Bar. Einige Minuten später kommt er mit einem Tablett in der Hand zurück. Der Amerikaner schaut auf das Tablett und sagt: „Aber ich dachte, Sie hätten keine Pommes Frites?“ Darauf antwortet der Barmann: „Nein, aber wir haben Chips.“ „Aber das sind keine Chips“, sagt der zunehmend verärgerte Amerikaner, „das sind Pommes Frites. Die Kartoffelchips sind in der Tüte auf dem Regal hinter Ihnen.“ Der Barmann dreht sich herum: „Nein, mein Herr, das sind keine Chips, das sind Crisps.“ Der Tourist ruft: „Verdammt, ich dachte, hier spricht man Englisch!“
 Trotz gelegentlicher sprachlicher Verwirrungen, wie sie in der eben beschriebenen Pubszene anklingen, bildet Großbritannien eine Brücke, die Europa und Amerika verbindet und beiden Seiten hilft, sich zu verstehen. Großbritannien ist Mitglied der Europäischen Union, aber unterhält auch eine spezielle Beziehung zu den USA. Das britische System ist selbst gewissermaßen zwischen der freien Marktwirtschaft der USA und dem europäischen Sozialstaatsmodell angesiedelt.


1944 beschwor der große Angloamerikaner Winston Churchill diese besondere Beziehung zwischen den USA und Großbritannien. Der spätere britische Premierminis-ter James Callaghan stimmte ihm zwar zu, unterstrich aber einmal in einem persönlichen Gespräch mit mir, dass der Zweite Weltkrieg bereits der Höhepunkt dieser besonderen Beziehung gewesen sei. Tatsächlich lagen die Dinge im Kalten Krieg schon anders. Der US-Botschafter in London, Lew Douglas, setzte sich dafür ein, die enge Beziehung fortzuführen – aufgrund der weltweiten Präsenz Großbritanniens, die sich im Commonwealth, dem Pfund als internationaler Währungseinheit und im militärischen Einfluss manifestierte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war das Commonwealth größtenteils Vergangenheit, das Pfund hatte an Einfluss verloren und jenseits des Sueskanals gab es keine britischen Truppen mehr. Großbritannien war Mitglied der Europäischen Union und die militärische Macht des Landes war, verglichen mit den USA, auf ein unbedeutendes Maß geschrumpft. 2003 verkündete US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, die USA könnten den Irak auch ohne britische Truppen befreien. Eine Behauptung, die zwar umgehend von Präsident George W. Bush widerrufen wurde, aber nichtsdesto-trotz die Beziehungen beschädigte. 


Um als Brücke zu funktionieren, braucht Großbritannien starke Bindungen an die USA wie auch an Europa. Britische Politiker, einschließlich Margaret Thatcher, haben in den letzten 50 Jahren erkannt, dass die Zukunft Großbritanniens zu einem wesentlichen Teil in Europa liegt. Dabei waren sich britische Politiker darin einig, dass zwischen einem nachdrücklichen Bekenntnis zu den USA und einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union kein Widerspruch besteht. 


Zwei britische Premierminister wollten zwischen den USA und Europa vermitteln. James Callaghan versuchte in den 1970er-Jahren, bei Spannungen zwischen Helmut Schmidt und Präsident Jimmy Carter zu schlichten. Und Tony Blair versuchte im Vorfeld des Irakkriegs, Deutschland und Frankreich für die Allianz gegen Saddam Hussein anzuwerben. Blair scheiterte, war aber in anderer Hinsicht erfolgreich. Bei seinem ersten Treffen mit Präsident Bush im Februar 2001 erreichte Blair, dass die Amerikaner die 1988 von ihm und dem französischen Präsidenten Jacques Chirac in St. Malo beschlossene gemeinsame europäische Verteidigungspolitik anerkannten – soweit diese nicht im Widerspruch zu Entscheidungen der NATO stand. Im Gegenzug erklärte sich Großbritannien dazu bereit, das US-Raketenabwehrprogramm zu unterstützen. Doch die Dinge waren kompliziert: Frank-reich beabsichtigte, die europäischen Militärkräfte zu verstärken, und wusste, dass dies ohne die Zusammenarbeit mit Großbritannien unmöglich war. Gleichzeitig strebten die Europäer nach größerer Unabhängigkeit von den USA. Großbritannien setzte sich in dieser Situation für Frankreich ein, aber auch für eine Stärkung der trans-atlantischen Beziehungen und der NATO. Die Europäische Verteidigungsagentur wurde geschaffen und die europäische Militärpolitik wurde in ein Alliiertes Hauptquartier (SHAPE) eingebettet. Insbesondere im Hinblick auf Frankreichs Wiedereingliederung in die militärischen Strukturen der NATO diente Großbritannien hier erfolgreich als Brücke zwischen den Bedürfnissen der USA und jenen Europas. Auch ein vereintes Europa profitiert von der besonderen Beziehung der Briten zu Amerika. 


Ein zentraler Aspekt des britisch-amerikanischen Verhältnisses ist die breit gefächerte Zusammenarbeit der Geheimdienste, die auf den Zweiten Weltkrieg und das Geheimdienstabkommen zwischen den USA und Großbritannien 1948 zurückgeht. Erkenntnisse über Kooperationen vor der Irak-Invasion 2003 unterstreichen dies. Allerdings bedeutet Letzteres nicht, dass es keine Differenzen zwischen den beiden Ländern gegeben hätte. Die USA beharrten auf der Bedrohung durch Schurkenstaaten, Terrorismus und Massenvernichtungswaffen, während Europa Terrorismus eher durch konstruktiven Dialog und die Verschärfung nationaler Gesetze bekämpfen wollte als mit einem Krieg. Bis heute hat der Krieg gegen den Terror keinen Eingang in das Vokabular der europäischen Politik gefunden. Trotzdem unternahmen beide Seiten unermüdlich Anstrengungen, die sicherheitspolitische Zusammenarbeit zu verbessern, wenn es darum ging, Gesetze zu verschärfen, Auslieferungsverfahren zu beschleunigen sowie den geheimdienstlichen Austausch zu intensivieren. 


Die nukleare Zusammenarbeit ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der angloamerikanischen Beziehungen. Sie zeigt sich besonders in der Versorgung Großbritanniens mit Transportfahrzeugen für die atomare -Abschreckung, die bereits 1958 durch ein gegenseitiges Verteidigungsabkommen ermöglicht und 2004 erneuert wurde. Viele Briten waren enttäuscht von Tony Blairs scheinbarer Unterordnung unter Bush im Vorfeld und Nachklang des Irakkriegs 2003. Allerdings musste sich Blair gar nicht dazu überreden lassen, in den Irak einzumarschieren, wenngleich es Differenzen über die Vorgehensweise gab. Manch einer in Großbritannien hält Blairs politische Haltung gegenüber den USA noch immer für unterwürfig. 


Der Handel und die gegenseitigen Investitionen zwischen den USA und Großbritannien sind wichtiger als alle anderen bilateralen Beziehungen zwischen den USA und Europa. Großbritannien beheimatet mehr als 5.500 amerikanische Unternehmen. Im März 2009, als Premierminister Gordon Brown sich nach der Wahl Barack Obamas noch vor seinen Kollegen aus Frankreich und Deutschland zum Antrittsbesuch ins Weiße Haus begab, schrieb Anne McElvoy, die Kolumnistin des London Evening Standard, dass Brown und Obama sich in ihrem Umgang mit wirtschaftlichen Problemen ähnlicher seien als alle anderen Staatsoberhäupter. 


In der Sicherheitspolitik wie in der Wirtschaft gibt es unzählige informelle Bande zwischen London und Washington. Ein gutes Beispiel ist der Einfluss der Rhodes Stipendiaten, jener amerikanischen Studenten, die ihre Ausbildung an britischen Eliteuniversitäten erhalten. Clintons enger Berater George Stephanopoulos, CIA Direktor James Woolsey, Arbeitsminister Robert Reich, der stellvertretende Außenminister Strobe Talbot und viele andere gehören zu diesem Kreis.


Zudem ermöglichen Tourismus, Bildungsaustausch und eine gemeinsame Sprache den Zugang zur Kultur des jeweils anderen, zu Literatur, Fernseh- und Kinoproduktionen. Diese Gemeinsamkeiten wirken sich in politisch und wirtschaftlich problematischen Zeiten positiv aus. Dabei bedeutet die enge Bindung nie, dass Großbritannien mit den Vereinigten Staaten im Gleichschritt marschieren würde. Der wesentliche Unterschied zwischen Europa, inklusive Großbritannien, und den USA liegt in der militärischen Stärke. Dies mag dazu verführen, Robert -Kagans Unterscheidung zwischen einem harmoniesüchtigen Europa und den kriegssüchtigen Vereinigten Staaten heraufzubeschwören. Zwischen Amerikanern und Europäern gibt es tatsächlich Unterschiede in der Herangehensweise an internationale Krisen etwa im Nahen Osten, in Russland oder in China. 


Viele Brücken führen also von Europa in die USA: Einige sind sicherheits- oder verteidigungspolitische, andere wirtschaftliche, kulturelle oder ethnische Brücken. Das vielleicht Wichtigste dabei ist, diese Brücken offenzuhalten und so viel Austausch wie möglich zu haben. Dann sind selbst bei sensiblen Themen wie dem Klimawandel – einem Bereich, in dem die US-Wirtschaft Schwierigkeiten hat, sich von kohlendioxidlastigen Produktionsverfahren zu lösen – effektive Kompromisse möglich.
 

Aus dem Englischen von Angela Dreßler



Ähnliche Artikel

Das Deutsche in der Welt (Themenschwerpunkt)

„Wir sind in England wieder anerkannt“

Thomas Hitzlsperger

Der Fußballer Thomas Hitzlsperger erzählt, wie es ist, als Deutscher im Ausland zu spielen

mehr


Großbritannien (Themenschwerpunkt)

Hart, aber fair

Jeremy O‘Grady

Im Geburtsland der Debattierkunst haben viele Menschen Spaß am öffentlichen Schlagabtausch

mehr


Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Bücher)

Der 11. September und die Folgen

Gudrun Czekalla

Eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Anschlägen des 11. September 2001 fand in den Vereinigten Staaten zunächst nicht statt. Erst seit 2005 lässt sich ... mehr


Was vom Krieg übrig bleibt (Themenschwerpunkt)

Truppenbewegungen

Mark Stevens

Die Aggressivität von Kriegsstrategien dient Wirtschaftsunternehmen als Vorbild

mehr


Unterwegs. Wie wir reisen (Forum)

„Verbände können den Staat entlasten“

Peter Lösche

Schadet Lobbyismus der Demokratie?

mehr


Körper (In Europa)

„Künstler müssen sich mehr beteiligen“

Karl-Erik Norrman

Im Kulturparlament diskutieren Künstler Ideen für die Zukunft. Ein Gespräch mit dem Generalsekretär Karl-Erik Norrman über die Rolle der Intellektuellen in Europa 

mehr