Der Niedergang der Stublers

von Doris Akrap

Breaking News (Ausgabe II/2017)


Man muss nicht zu Homers Götterepen greifen, wenn man einen Ort sucht, an dem Unglück, Trauer, Gewalt und moralische Abgründe auf einem Haufen liegen. Es reicht oft ein Blick in das eigene Familienalbum. Und trotzdem sind die meisten Familiengeschichten unerzählt. Denn der Erzähler muss schon außerordentlich talentiert sein, damit man den Versatzstücken einer Familiensaga zuhört.

Auch Miljenko Jergovićs Roman „Die unerhörte Geschichte meiner Familie“ wartet schon auf den ersten Seiten mit zehn sehr unterschiedlichen Familienmitgliedern und ihrer Herkunft aus winzigsten Ecken Europas auf. Und es werden noch Dutzende mehr. Bei dem kroatisch-bosnischen Autor jedoch ist das kein mangelndes Erzählvermögen. Der Schriftsteller und Essayist hat seinen Roman sorgfältig komponiert. Sein elliptisches, die zentralen Figuren, vor allem die Mutter, immer wieder umkreisendes, Details wiederholendes Erzählen folgt den Erinnerungsspuren, Imaginationen und Selbstvergewisserungen des Ich-Erzählers, des letzten Sprosses der Familie Stubler aus Sarajevo.

Die meisten Familienmitglieder der Stublers waren weder gläubig noch kommunistisch. Und auch mit der nationalen Identität hatten sie nicht viel am Hut. Urgroßvater Karlo Stubler, ein Eisenbahner und Deutscher aus dem Banat und seine Familien waren als „Kuferaschen“ nach Bosnien gekommen, als Kofferkinder. So nannte man in Bosnien Leute, die sich unter Kaiser Franz Joseph aus allen Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie auf dem Balkan ansiedelten, weil sie dort Arbeit und Steuererleichterungen bekamen. Diese Einwanderer, die vermeintlich aus Koffern lebten, schufen eine ganz eigene Identität jenseits der Nationalität. Aus den ständig wechselnden Herrschaften und ideologischen Umschwüngen von Monarchie über Sozialismus zu Nationalismus auf dem Balkan hielten sie sich raus – dass der älteste Sohn der Großmutter sich der Wehrmacht anschloss, wurde als Unfall interpretiert.

Die große Erzählung unterbricht der Autor immer wieder durch kurze Notizen, Abschweifungen und Skizzen. Denn, so betont der Erzähler, die eigene Verortung innerhalb des Familienstammbaums, „das, was ich bin“, ist genauso theoretisch, imaginär und von Zufällen geprägt wie die Verortung in einem nationalen oder religiösen Verbund, weil jede Familie so „wie jede kulturelle, verwandtschaftliche oder häusliche Gemeinschaft auf einer Illusion gründet“.

Der Roman beginnt trotzdem mit der Feststellung einer Kontinuität: „Vater, zwei Onkel und ich haben dasselbe Sarajever Gymnasium besucht“, lautet der erste Satz. Was Jergović auf den folgenden 1118 Seiten über die Familie Stubler erzählt, weist aber vor allem eine Kontinuität auf: die des Verlustes. Tote, Vergessene, Ausgestoßene: Jergović schreibt die Geschichte vom „Niedergang der Stublers“ – eines von vielen Hinweisen darauf, dass sich zumindest der Ich-Erzähler für den Thomas Mann des ehemaligen Jugoslawiens hält.

Der Autor hat mit seinem Familienroman aber kein chronologisches Epos verfasst. Das Buch ist ein Tableau, das aus den verwandtschaftlichen, sozialen und politischen Verbindungen ein gesellschaftliches Familien- und Stadtporträt schafft, das in seiner Disparität nicht nur den psychologischen Spuren des Erzählers, sondern auch den Spuren des 20. Jahrhunderts folgt. Denn das 20. Jahrhundert, von dem der Roman handelt, hat sich das Gebiet, auf dem der Roman spielt, vor allem als Kriegsschauplatz ausgesucht. Jergović erzählt aber anhand seiner eigenen Sarajever Familie – auch wenn man selbstverständlich nicht genau weiß, wo die Recherche aufhört und die Phantasie beginnt – am allerwenigsten eine persönliche Geschichte.

Mit seiner akribisch genauen Beschreibung der Viertel, Straßen, Gebäude, Nachbarn und Freunde der Familie Stubler schafft er so etwas wie eine intime Historiografie der bosnischen Hauptstadt Sarajevo seit Ende des 19. Jahrhunderts. Ständig legt man das Buch zur Seite, um im Internet nach alten und neuen Stadtplänen und historischen Darstellungen Sarajevos zu suchen, um sich zu orientieren. Weil man genau wissen will, wo das Viertel und die Straße ist, in dem das Sommerhaus des armenischen Istanbulers Balijan stand, und wo das Haus, aus dem die jüdische Nachbarin deportiert wurde und in dem der kroatische Ustasa, der sich später als Spion der Partisanen herausstellte, wohnte.

Ob Lübeck und die „Buddenbrooks. Verfall einer Familie“ sein jugoslawisches Pendant in Jergovićs Roman rund um die Stublers in Sarajevo gefunden hat, sei den Literaturwissenschaftlern überlassen. Die Schichten, aus denen der Autor seinen Roman gebaut hat, sind aber mindestens so raffiniert wie die Blätterteigschnecke des bosnischen Bureks.

Die unerhörte Geschichte meiner Familie. Von Miljenko Jergović. Schöffling & Co, Frankfurt am Main, 2017.



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