Landratten und Seeleute

von Volker Kaminski

Breaking News (Ausgabe II/2017)


In der Liste der ausgestorbenen Berufe rangiert der Schiffsheizer, was seine Attraktivität betrifft, vermutlich im unteren Drittel, gleich neben Leinenweber und Fellgerber. Doch im Unterschied zu Letzteren besitzt der Heizer den Vorteil, dass er mit dem Schiff die heimische Enge verlässt und in die weite Welt fährt. Von solch beschwerlichen, doch lehrreichen Schiffsfahrten berichtet Harry Martinsons Reisebuch, das im Jahr 1932 zum ersten Mal auf Schwedisch, 1949 auf Deutsch erschien und jetzt in einer erweiterten Neuübersetzung vorliegt.

Der „Weltnomade“ Martinson, der 1974 den Literaturnobelpreis erhielt, ist nicht nur ein Phänomen auf dem Gebiet der Literatur. Als seine Mutter nach Amerika aufbricht, lässt sie den sechsjährigen Halbwaisen in Schweden zurück (der Vater war davor gestorben), der Junge muss sich auf Bauernhöfen verdingen, ehe er mit 16 Matrose wird, um die nächsten sieben Jahre die Kohlen in die Heizkessel unterschiedlicher Handelsschiffe zu schaufeln.

Diese steinige Existenz lässt ihn jedoch nicht abstumpfen, sondern im Gegenteil poetisch geradezu aufblühen. Ohne eine höhere Schulbildung genossen zu haben, entdeckt Martinson die Liebe zur Literatur und beschreibt in einem höchst eigenwilligen Stil, was er zu Wasser und Land erlebt. Er gibt uns bewegende Einblicke in die Einsamkeit seines Kesselraums wie in die pralle Exotik einer „sonnenrauchdurchzitternden Palmenfront“ im brasilianischen Urwald, er vergleicht im sachlichen Tonfall das Sexualleben von Landmännern mit dem von Seeleuten und schildert metaphernreich seine Überwältigung angesichts des wuseligen Bombay, „über das alle Schulweisheit gelogen hat“.

Martinson ist ein kritischer, wachsamer Beobachter seiner Umwelt, der die Entwicklung der „Seeindustrie“ und ihre Kommerzialisierung nach dem Ersten Weltkrieg beklagt, sodass sich die Seefahrt nun in ein „seelenloses“ Geschäft auf „bloody wrecks“ verwandelt habe. Dennoch haben seine Betrachtungen mitunter einen romantischen Unterton, etwa wenn er als gut gekleideter Fremdling in Schuhen „aus weißem Segeltuch“ durch Bahia wandelt, der „Stadt der Papageien“. Oder wenn er uns vom Bau einer Brücke über den Rio Negrito in Uruguay erzählt, wo sie schwitzend die „Ochsenhämmer“ schwingen und „zehnzöllige Pflöcke ins Holz“ treiben, bis eines Tages einer der Arbeiter abstürzt und sich das Genick bricht.

Allen staunenden Landratten empfiehlt Martinson es so zu machen wie er, der „innersten Vagantensehnsucht“ nachzugeben, sich von der heimischen „Ackerfurche“ zu lösen und das „irrlichternde Reisen“ in Angriff zu nehmen. Reisen ist für ihn die große „Weltaufgabe aller Kommunikation“, er glaubt an die „weltsoziale Aufgabe unserer Füße“ und sieht auch eine Heilungschance der kranken Psyche des abgestumpften Schollenbewohners, der sich doch immer nach „Wahrheit und Weitblick“ sehne. Von diesem anarchisch-freiheitsliebenden Impuls sind die Kapitel des Buches erfüllt, was den Großteil seiner Attraktivität ausmacht.

In unserer Gegenwart, in der neue Mauern gebaut werden, das Einreisen überall erschwert, ja das Reisen überhaupt durch Terror und Nationalismen bedroht wird, wirkt Martinsons intellektuelles Nomadenleben schon beinahe wie eine ferne Utopie. Es ist daher ein Glücksfall, dass der Guggolz Verlag die Neuübersetzung gerade jetzt herausbringt. Großes Lob gebührt dem Übersetzer Klaus-Jürgen Liedtke, der sich auf die Übertragung von 1949 stützte, jedoch Kürzungen rückgängig machte und sich um größere Genauigkeit in Martinsons kraftvoller Sprache bemühte.

Reisen ohne Ziel. Von Harry Martinson. Guggolz, Berlin, 2017.



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