Mind the Gap

Diane Reay

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Das Gefühl der Klassenzugehörigkeit ist in Großbritannien heute verworren. Eine landesweite Untersuchung, in der die Menschen danach befragt wurden, mit welcher Gesellschaftsschicht sie sich identifizierten, hat vor Kurzem sehr widersprüchliche Ergebnisse geliefert. 33 Prozent der hoch qualifizierten Berufstätigen gaben an, zur Arbeiterklasse zu gehören, während sich 31 Prozent der Facharbeiter und angelernten Arbeiter zur Mittelklasse zählten. Die Idee von durchlässigen Klassengrenzen, welche die Umfrage nahelegt, wird allerdings nicht bestätigt, wenn man sich das britische Bildungssystem ansieht. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass wir in Großbritannien heute klassenlos sind und dass Klasse innerhalb des Bildungssys-tems keine Rolle mehr spielt. Aber ein Bericht der London School of Economics von 2007 kam zu der Feststellung, dass sich die Durchlässigkeit des britischen Bildungssys-tems in den letzten 30 Jahren nicht verbessert hat. Und alle Erkenntnisse im Jahr 2009 belegen schlüssig, dass das soziale Milieu, in das ein Kind hineingeboren wird, immer noch die beste Vorhersage dafür ist, wie erfolgreich es in der Schule und im späteren Leben sein wird. In einer Vergleichsstudie, die in 35 Ländern den Einfluss der sozialen Herkunft auf den schulischen Erfolg untersuchte, landete Großbritannien kürzlich auf Position 31. Es schnitt damit schlechter als andere Länder, in denen das Bildungssystem von Klassenunterschieden besonders geprägt ist, wie beispielsweise die Vereinigten Staaten, ab. In den meisten Ländern gibt es große Erfolgsunterschiede zwischen den Schulen – wie in Deutschland – oder innerhalb der Schulen, das heißt im Gesamtschulbereich. In Großbritannien gibt es beides. 


Der Grund dafür liegt teilweise in der Geschichte des Schulunterrichts in Großbritannien. Als im 19. Jahrhundert die ersten staatlichen Schulen gegründet wurden, geschah dies mit dem Ziel, die Menschen zu kontrollieren und zu besänftigen, anstatt zu bilden und zu befreien. Tatsächlich wurden die Bildungseinrichtungen für Kinder der Arbeiterklasse größtenteils als Instrument begriffen, um soziale Kontrolle auszuüben, nicht um die Zukunfts-chancen der Schüler zu erhöhen. Die Arbeiterklasse wurde als das minderwertige „Andere“ im britischen Bildungssystem begriffen und der elitäre Status der Privatschulen als Spitze der schulischen Leistungen hat diese Sichtweise noch verstärkt. Die Unterscheidung hält sich bis zum heutigen Tag.


Dieses Erbe verfolgt die Bildungseinrichtungen in Großbritannien immer noch, obwohl die jüngste Dezentralisierung dazu geführt hat, dass Schottland und Wales eigenständige Bildungssysteme entwickelt haben, die demokratischer und gerechter als die Systeme in England und Nordirland sind. So gibt es im britischen Bildungssys-tem heute unterschiedliche Entwicklungen: Während in Wales und Schottland soziale Gerechtigkeit und Fairness den Schwerpunkt bilden, wird das englische System zunehmend diskriminierender. Die jüngsten Reformen in England haben dort zwar die Chancen für Kinder aus der Arbeiterklasse vergrößert und ihre schulischen Erfolge gefördert, aber das Abschneiden der Arbeiterklasse in England insgesamt bleibt weiterhin deutlich hinter dem der Mittelklasse zurück, trotz über einhundert Jahren allgemeiner staatlicher Bildungsversorgung. Obwohl Großbritannien also seit Langem als Leistungsgesellschaft gilt, bedeutet Bildung hier heute immer noch eine Festigung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung. 


Teilweise sind die Gründe dafür wirtschaftlicher Natur. Es bleibt eine Frage materieller und kultureller Ressourcen, wie viel Familien in die Schulbildung ihrer Kinder investieren. Armut ist in Großbritannien weit verbreitet: 21 Prozent der Familien und 23 Prozent der Kinder gelten heute als arm. Eine bedeutende Anzahl dieser Familien und Kinder sind erst vor kurzer Zeit eingewandert oder gehören ethnischen Minderheiten an. Viele von ihnen haben das Bildungssystem erfolgreich durchlaufen, aber die farbigen, aus der Karibik stammenden Migranten, die seit Langem zu den ethnischen Minderheiten in Großbritannien zählen, sowie die weiße Arbeiterklasse scheitern weiterhin. Für die beiden letztgenannten Gruppen sind die Chancen des sozialen Aufstiegs aufgrund ihrer generationenlangen Erfahrungen im Bildungsbereich minimal und im Falle der farbigen Kinder aus der Karibik wird dies noch durch Rassismus verstärkt. 


An diesem Zustand haben alle Bildungsinitiativen und politischen Maßnahmen nichts geändert. Diese geben vor, Gleichheit, Freiheit und Wahlmöglichkeit zu fördern. Der „Dritte Weg“ von Tony Blair (und jetzt Gordon Brown) hat im Bildungsbereich eine Überfülle an Gesetzesvorlagen, politischen Initiativen und Ausbildungsvorschriften hervorgebracht. Aber die wenigsten haben irgendeine Wirkung auf die sozialen Ungleichheiten zwischen den Klassen oder Ethnien gezeigt. Darüber hinaus haben sie auch die schulische und gesellschaftliche Ausgrenzung von vielen jungen Menschen nicht verringert. Neun Prozent der britischen 16- bis 18-Jährigen sind heute ohne jegliche Form von Ausbildung, Schulung oder Beschäftigung – nahezu alle stammen aus der Arbeiterklasse. 


Die Leitlinien der Bildungspolitik der Labour-Partei entsprechen eher dem traditionellen Liberalismus als dem Sozialismus. Die vorherrschenden Themen sind Wahlmöglichkeit, Vielfalt und Privatisierung. Vielfalt mag theoretisch auf die Wichtigkeit von gesellschaftlichem Reichtum und Respekt für Rassen- und Klassenunterschiede hin-deuten, aber in der Praxis hieß das, dass eine große Anzahl unterschiedlicher Schulformen gefördert wurde. Die Labour-Politik war in den letzten zwölf Jahren an eine ent-schiedene Abkehr von der Gesamtschule hin zu einem viel differenzierteren System geknüpft. Heute gibt es über ein Dutzend höherer Schulformen in Großbritannien. 


Diese Vielfalt ging mit der zunehmenden Privatisierung der Bildung in England einher, sodass heute eine wachsende Zahl Schulen von privaten Unternehmern und Firmen finanziert und geleitet werden. 


Als Tony Blair 1997 an die Macht kam, war sein Mantra „Bildung, Bildung, Bildung“. Obwohl dies den Vorrang von Bildung ja eigentlich zu betonen scheint, haben wir seitdem in Wirklichkeit gesehen, wie sehr wirtschaftliche Erwägungen die Politik gestalten und die soziale Rolle der Bildung vernachlässigt wird. Die Labour-Regierung wollte den Wettbewerb unter den Schulen erhöhen, um mehr Effizienz innerhalb des Bildungssektors und der Wirtschaft als Ganzer zu erzielen. Während es heute immer noch nur wenige Belege für eine kausale Verbindung von schulischem Erfolg und erhöhtem Wettbewerb und Angebot gibt, hat dieser Prozess dazu geführt, dass sich die Klassen- und Rassengrenzen im britischen Schulsys-tem verhärtet haben. Rund acht Prozent der Schüler in England stammen aus ethnischen Minderheiten, eine steigende Zahl von Schulen in London hat allerdings heute über 80 Prozent Schüler aus diesen Gruppen. Der erhöhte Wettbewerb und die Wahlmöglichkeiten haben auch zu mehr Konflikten an den Schulen geführt. 2007 stellte ein Bericht von Unicef über die Gesundheit von Kindern in reichen Ländern fest, dass Großbritannien von den 19 untersuchten Ländern das höchste Vorkommen an Prügeleien, Mobbing und Feindschaften unter Mitschülern aufweist.


Im Gegensatz zum deutschen Bildungssystem genießt die Berufsausbildung in Großbritannien ein sehr geringes Ansehen und wird als zweite Wahl zum akademischen Werdegang betrachtet. Diese schon lange bestehende Hierarchie hat sich insbesondere auf die Schüler aus der Arbeiterklasse ausgewirkt und darauf, welche Beachtung ihnen innerhalb des Systems entgegengebracht wird. 


Wenn wir uns also das britische Bildungssystem ansehen, fällt die Kontinuität mehr auf als der Wandel. Der Leistungsunterschied zwischen den Klassen ist heute in der Bildung genauso groß wie vor 50 Jahren und spiegelt die wachsende materielle Kluft zwischen den Reichen und Armen in der britischen Gesellschaft wider. 1985 verdiente der am besten Bezahlte in Großbritannien 42-mal mehr als der am schlechtesten Bezahlte. 2009 verdiente er 480-mal soviel. Die Art und Weise, in der das Bildungssystem soziale Ungleichheiten – besonders zwischen den gesellschaftlichen Klassen – hervorbringt, mögen sich vom Gymnasialsystem der 1950er- und 1960er-Jahre bis zur Mischwirtschaft der unterschiedlichen Schultypen im 21. Jahrhundert verändert haben, aber das Muster ist immer noch das gleiche. Der Bildungsbereich ist wie im 20. Jahrhundert ein Ort des Scheiterns für die Arbeiterklasse und bleibt damit der Zombie in britischen Klassenzimmern. Und das wird sich wohl auch nicht ändern, ganz gleich ob die nächsten Wahlen eine konservative oder sozialdemokratische Partei an die Regierung bringen. Unsere beiden Parteien, die Tories und die Labour-Partei, mögen sich darin unterscheiden, wie sie die Rolle des Staats im Bildungsbereich bewerten, aber sie teilen die Sorge um Wahlmöglichkeit und Privatisierung sowie die nur rhetorische statt reale Verpflichtung zur Vielfalt.

Aus dem Englischen von Rosa Gosch



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