Libellenfangen

von Toshiyuki Miyazaki

Rausch (Ausgabe I/2017)

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Libelle. Illustration: N.N.


Schon im Kojiki, einem der ältesten Schriftstücke Japans, spielt die Libelle eine besondere Rolle. In der aus dem 7. Jahrhundert überlieferten „Aufzeichnung alter Geschehnisse“ heißt es: „Als Kaiser Y ryaku auf der Jagd von einer Stechfliege gestochen wurde, tauchte eine Libelle auf und aß die Fliege.“ Der Kaiser ließ daraufhin Helme mit Libellen-Emblem für seine Soldaten anfertigen. Das Wappen sollte für Loyalität und Erfolg stehen, Japan selbst wurde als „Akitsu-shima“, die „Insel der Libellen“, bekannt.

Doch ihr Ruf eilte der Libelle nicht nur am kaiserlichen Hof, sondern auch unter der Landbevölkerung voraus. Da die rote Libelle, die „Aka-tombo“, ihre Eier besonders gerne in den Reisfeldern ablegt, gilt sie für viele Bauern bis heute als Botschafterin einer reichen Ernte. Ihr Nachwuchs schlüpft genau dann, wenn die Reispflanzen im Herbst reif sind. Zwar hat das Tier in der Neuzeit an kultureller Bedeutung verloren, hier und da zehrt es trotzdem noch von seiner alten Popularität: Eines der bekanntesten japanischen Kinderlieder trägt den Titel „Aka-tombo“ – auf dem Rücken einer Libelle fliegt der Protagonist des Liedes in den Sonnenuntergang. Ihr guter Ruf schadet der Libelle jedoch bisweilen auch.

Bis heute ist das Libellenfangen in Japan ein beliebtes Spiel. Dabei bindet man zwei Kieselsteine an die Enden eines Fadens und wirft ihn in die Luft. Die Libelle hält die Kieselsteine für kleine Insekten, wird bei dem Versuch sie anzugreifen von dem Faden umschlungen und zu Boden gerissen. Das Ziel ist es meist, ein besonders großes Exemplar zu fangen. Eine echte Bedrohung für die Libelle stellt dieser Volkssport allerdings nicht dar. Vielmehr tragen neuartige Pestizide und die voranschreitende Urbanisierung Japans dazu bei, dass viele Arten langsam aus ihren Lebensräumen verdrängt werden.



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