Abschied auf Raten

Hanif Kureishi

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Die Fahrt in der U-Bahn war eine der schlimmsten überhaupt gewesen. Mike hatte sich darauf gefreut, die Haustür zum warmen Flur zu öffnen, die Stimmen von Frau und Kindern zu hören und die Katze zu sehen, die die Treppe hinabstrich, um sich an seinen Beinen zu reiben. 


Mike arbeitete mindestens zwölf Stunden pro Tag. So früh war er seit Wochen nicht mehr nach Hause gekommen. Das Au-pair-Mädchen sah mehr von seiner Familie und seinem Haus als er selbst.


Er erwog, sofort mit seiner Frau zu sprechen, doch Imogen lief im Flur mit einem Gin Tonic an ihm vorbei und sagte, sie wolle oben ein Bad nehmen. Mike holte ein Tiefkühlmenü aus dem Eisschrank und stellte es in die Mikrowelle. Dann schenkte er sich ein Glas Wein ein und trat vor die hohen Fenster zum Garten. 


Er hatte sich vorgenommen, mehr zu lesen und Weine zu sammeln. Imogen hatte stets behauptet, ein Hobby würde seine Rastlosigkeit lindern. Außerdem wäre Wein ein guter Ausgleich für das Rauchen, das er kürzlich aufgegeben hatte. 


Er glaubte, leicht mit allem brechen zu können. Im Gegensatz zu gewissen Freunden und Bekannten hatte er sich im Griff und war in keiner Weise süchtig. Doch angesichts des kollabierenden Finanzsystems und der Kündigung, die er heute erhalten hatte, erschien ihm der Gedanke, al-les auf-zugeben, darunter seine Vorstellung von der Zu-kunft,- in einem ganz neuen Licht.


Er schaltete die Gartenbeleuchtung an, betrachtete die neue Terrasse, auf der sie im Sommer zu Barbecues eingeladen hatten, und dachte: „Für all das habe ich mit meiner Zeit, meiner Intelligenz und der Ausbildung bezahlt, die ich vom Staat erhalten habe.“ Die Hütte hinten im Garten hatte er für seine Söhne errichten und mit Fernseher, Drum-Set und Soundsystem ausstatten lassen. Er hatte kaum begonnen, sie zu bezahlen, da hörten seine Kinder schon wieder auf, darin Musik zu machen. Jenseits der Hütte eröffneten sich Blicke in die Bäder und Schlafzimmer von Familien wie der seinen. 


Ihr Haus stand in einem der schicken Außenbezirke Londons. Es war schmal, hatte vier Etagen, einen eigenen Parkplatz und einen Blick ins Grüne. Seine Söhne wiesen gern darauf hin, dass manche Mitschüler in größeren Häusern wohnten die Väter waren Vorstände von Plattenfirmen oder Finanzberater von Fußballstars. Verglichen mit ihnen war Mike, der in der Finanzwirtschaft tätig war, ein relativ kleiner Fisch. 


Trotzdem hatte er mit Imogen ernsthaft weitere Projekte für Haus und Garten geplant. Sie schmiedeten gern gemeinsam Pläne, und bis vor Kurzem hatte es in diesem wohlhabenden Teil Londons Scharen von geschickten polnischen Arbeitern gegeben. Die meisten Freunde von Mike und Imogen hatten ständig in ihr Grundstück inves-tiert. Es war ein Naturgesetz: Ein Haus war eine sichere Geldanlage. Vielleicht hätte Mike aufmerken sollen, als die instinktsicheren Polen vor einem Jahr nach Hause zurückzukehren begannen. 


Mike stellte seinen Teller auf den hochglänzenden, eleganten Esstisch, an dem er gern zu Abend aß und mit Freunden plauderte. Imogen, die sich seit Jahren von Bioprodukten ernährte, hatte sicher schon mit den Kindern gegessen. Von seinem Platz aus hatte Mike die zwei Jungen im Blick, die am Fernseher der Familie ein brutales Videospiel spielten. 


Sein Essen war nur bedingt genießbar der Reis war trocken, die Garnelen schmeckten nach Gummi. Die drecki-gen Teller der Jungen standen noch da, der Tisch war halb von Schulbüchern, Federmappen und einem Rucksack bedeckt, aus dem Fußballsachen quollen. Außerdem hatte Imogen drei Zwanzig-Pfund-Scheine für die Putzfrau bereitgelegt. Mike starrte sie lange an. Wieso war ihm das sardonische Mona-Lisa-Lächeln der mit Juwelen geschmückten Monarchin noch nie aufgefallen? Sie wirkte fast spöttisch vielleicht hatte sie auch Mitleid mit der Eitelkeit und der Gier, die dieser Schein weckte. 


[...]


Das Wort der Ära, die mit dem Anschlag auf das World Trade Center begonnen hatte, das Wort, das Politiker und Psychologen ständig im Mund führten, lautete „Security“. Und je fester das Land im Griff von Polizisten war, deren fluoreszierende Jacken ebendieses Wort auf der Rückseite trugen, desto mehr Angst hatte Mike gehabt – aus gutem Grund, wie sich herausstellte. Nachdem er sich zum Leiter einer Abteilung mit vierzig Angestellten hochgearbeitet hatte, bestand sein Job jetzt darin, die von ihm eingestellten Leute innerhalb von zwei Wochen zu entlassen, seine Sachen zu packen und zu verschwinden. 
 „Spül deinen Teller ab“, rief er seinem 15-jährigen Sohn zu, der in das Spiel vertieft war. 
 „Ich war gestern dran“, erwiderte Tom. 
 „Es ist dein Teller“, sagte Mike. Der Junge überhörte ihn. „Und bitte stellt das Spiel aus. Lasst uns lieber Fußball oder eine Comedy gucken. Ich muss heute Abend ein bisschen aufgeheitert werden.“ 
 „Lass mich in Ruhe“, sagte der Junge. „Ich habe gerade erst angefangen. Wenn du zu Hause bist, darf ich gar nichts. Du bist ein Kontrollfreak.“ 
 „Noch zehn Minuten, dann ist Schluss.“ 
 „Nein.“ 
 „Dann vergeude dein Leben in deinem eigenen Zimmer.“ 
 „Mein Fernseher ist kaputt“, sagte Tom. „Warum hast du ihn nicht wie versprochen reparieren lassen? Was hast du je für mich getan?“ 
 „Ich habe dir alles gegeben, und so wird es immer sein.“ 
 „Willst du mich verarschen? Du hast nie etwas für mich getan.“ 
 Sein vier Jahre jüngerer Bruder, der sich angeblich am Fuß wehgetan hatte, hüpfte zu Mike und legte ihm den Kopf auf die Schulter. Mike nahm Billy in den Arm und gab ihm einen Kuss. Sein großer Bruder duldete keine Küsse mehr, weder vom Vater noch von der Mutter.


Mike hatte sich sehr amüsiert, als ein Kollege verkündete, die Zeit bis zum Ende der Rezession als Gärtner überbrücken zu wollen. Dazu brauchte man offenbar nur eine leere Birne und den brennenden Wunsch nach Muskelaufbau. Andere hatten die Befürchtung geäußert, als Lehrer arbeiten zu müssen. Der 45-jährige Mike wusste nicht, was er tun sollte. Zuerst musste er alles verlieren. Billy klopfte Mike auf den Rücken und sagte gönnerhaft: „Ich mag dich manchmal, Daddy. Aber ich will eine Gitarre und einen Verstärker, genau wie Tom.“ 


Familien mochten manchmal chaotisch wirken, doch ihre war genau organisiert, jede Stunde verplant. Mikes Söhne gingen nicht nur auf eine Privatschule, sondern spielten auch Tennis, machten Karate, lernten Spanisch und Klavier, schwammen und sangen. Außerdem gingen sie oft ins Kino, ins Theater und zu Fußballspielen. -Außer der Hypothek hatte Mike noch Schulden im Wert von zwei Jahreseinkommen, und vielen seiner Freunde und Bekannten ging es genauso. Doch er hatte sie – wenn er überhaupt daran dachte – immer nur als eine andere Form des Geldausgebens betrachtet. Seit der Mitte der 1980er-Jahre galten Schulden nicht mehr als Schande, und nach 1989 waren sie ganz normal: Im Kapitalismus lebte es sich am besten, wenn man das Geld sorglos und mit vollen Händen ausgab. 


[...]


Der Wunsch der Öffentlichkeit, Banker als diebische, gierige Philister zu sehen, entsprang vermutlich dem Bedürfnis, das Bankensystem vom Rest der Gesellschaft zu trennen beim Essen dachte man ja auch nicht an Schlachthöfe. Trotzdem hatte sich auch Mike gefragt, ob die jetzige Katastrophe eine Strafe für die vielen feisten und dekadenten Jahre war. War das die Schuld, für die man nun büßen musste? Aber das Vergehen seiner Familie bestand ja nur darin, sich ständig wachsenden materiellen Wohlstand gewünscht zu haben. Dafür konnte man sie schwerlich verachten, und eine Schuld an der Krise traf sie sowieso nicht. 


Mike schlenderte zum Geschirrspüler, legte einen Tab ein, schloss die Klappe und drückte auf den Startknopf. Die Welt wurde schwarz. Die Uhr am Herd blieb stehen vier Nullen blinkten im Dunkeln. Die Mikrowelle gab den Geist auf. Plötzlich war es totenstill nur ein Hund bellte in einem der Nachbargärten. Im Nichts dieses Augenblicks ertönte Billys Stimme: „Dad, Dad, Dad – tu doch was!“ 


Mike holte eine Taschenlampe aus der Schublade, ging in Strümpfen durchs Haus und dann, dem Lichtstrahl folgend, auf der wackeligen Treppe in den Keller. Auf einer der Stufen rutschte er aus. Einen Moment lang glaubte er, sich den Hals zu brechen. Wie leicht konnte man stürzen, und wie verlockend war der Tod! Vielleicht war er der bes-te Ausweg. Mike hielt sich am Geländer fest und atmete tief durch. Es roch nach Gas und vermodernder Pappe. Dann tastete er sich zum Betonfußboden hinunter und stand zwischen kaputten Spielzeugen und Farbdosen – Einkäufe, die den Gegenwert von Kreditkartenquittungen aus zehn Jahren bildeten. 


[...]


Schließlich fand er den kleinen Schalter, der alles wieder in Gang setzte. Ein lautes Sausen, und die ganze schreckliche Welt erwachte summend und vibrierend 
zum Leben. 


Bei seiner Rückkehr ins Licht fand er es unfassbar, dass Tom schon wieder dunkelhäutige Menschen vor dem Hintergrund irgendeiner Landschaft aus der Dritten Welt massakrierte. 
 „Abschalten!“, schrie er. „Sofort! Es reicht!“ 
 „Verpiss dich.“ 
 „Wirklich, Tom. Bitte. Mach endlich deine Hausaufgaben. Diese Welt ist brutal und schmutzig und wird von Schakalen und Mördern beherrscht. Du musst so gut wie möglich darauf vorbereitet sein.“ 
 „Lass mich in Ruhe! Sprich mich nie mehr an!“ 
 Mike zerrte den Jungen an seinem blauen Schulhemd vom Stuhl. „Du solltest mir ab und zu gehorchen!“ 
 „Lass mich, du alter Scheißkerl. Krepier doch! Ich habe mich den ganzen Tag auf darauf gefreut!“ 
 „So habe ich nie mit meinem Vater gesprochen.“ 
 „Mum erzählt da was anderes.“ 
 Tom war kräftiger und fitter als Mike. Er nahm seinen Vater manchmal zum Spaß in den Schwitzkasten und zog ihn durch das Zimmer. 
 „Ausschalten! Ausschalten! Ausschalten!“, brüllte Mike. Er entriss Tom die Fernbedienung und warf sie auf den Boden. Tom machte Anstalten, ihn mit dem Kopf umzurennen. Mike stieß ihn gegen die Brust, und Tom fiel auf den Rücken. Mike fluchte wieder und schaltete den Fernseher aus. 
 „Was ist hier los? Erzieht man so seine Kinder?“ Seine Frau, die stets Diamanten und Gold trug, wenn sie gemeinsam mit Freunden aßen, erschien in Jogginghose, altem T-Shirt und weißen Puschen, die sie aus einem Hotel entwendet hatte. Sie trug eine dicke Brille. „Alles okay? Was hat er jetzt schon wieder getan?“, fragte sie Tom. 
 „Ich glaube, er hat mir den Arm gebrochen“, sagte Tom und rieb seinen Ellbogen. 
 „Dein Vater ist verrückt“, sagte Imogen. 
 „Er wollte das Spiel nicht ausschalten“, sagte Mike. „Er zeigt mir weder Liebe noch Achtung.“ 
 „Wie auch?“, sagte sie. „Der Zug ist abgefahren! Du hast ihn verwöhnt und vernachlässigt, du Dummkopf. Und jetzt soll er dir gehorchen?“ 
 „Er hat mir einen Knopf abgerissen“, sagte Tom. 
 „Und wer näht ihn wieder an?“, fragte Imogen und starrte Mike an. 
 Sie arbeitete an drei Tagen in der Woche für eine Wohltätigkeitsorganisation. Natürlich bekam sie kaum Geld dafür, aber sie war das Gewissen der Familie, und Mike wusste, wie wichtig es war, nach außen großzügig zu wirken. Im Gegensatz zu manchen Freunden wollte er keine Frau, die so viel arbeitete wie er, eine Frau, die nie zu Hause war. 


Billy mischte sich wieder ein und sagte: „Hört auf zu streiten. Ich will wissen, ob ich am Samstag die Gitarre bekomme!“


[...] 


Du hast Billy Gitarre, Verstärker und Mikro versprochen“, sagte Imogen. „Also musst du dein Versprechen halten.“ 
 „Sicher. Natürlich. Nennt mich ab jetzt den ‚Dienstleis-ter‘“, sagte Mike. „Aber sogar ihr müsstet wissen, dass wir mitten in einer Finanzkrise stecken.“ 
 „Schöne Ausrede, um jemanden zu enttäuschen.“ 
 „Ach, so war ich doch schon immer“, sagte er sarkastisch. „Und du, Imogen? Was willst du als nächstes haben?“ 
 „Danke für die Nachfrage. Einen neuen Computer. Davon rede ich schon seit Wochen“, antwortete sie. 
 „Ich kaufe dir den neuesten Apple“, sagte er. „Einen Desktop samt Drucker und schickem iPod. Jeder Wunsch muss sofort erfüllt werden! Vielleicht sollte ich eine Liste anlegen, damit ich niemanden vergesse?“ 
 Sie schenkte sich noch einen Drink ein. „Endlich kommst du zur Vernunft! So kommen wir weiter.“ 

[...]

Mike und seine Frau hielten einander für ebenbürtig, und Imogen würde ganz sicher nie mehr die Küche wischen, die vier Klos putzen oder das Haus saugen. Da der Kapitalismus, wie von Marx prophezeit, unter dem Gewicht seiner eigenen Widersprüche zu kollabieren begann – und die Schuld daran traf weder Kommunisten noch Islamisten –, würde die Familie in eine kleinere Wohnung umziehen und sich wie alle Normalsterblichen selbst um den Haushalt kümmern müssen. Worin bestand der Trost des Kapitalismus, wenn es keinen Komfort mehr gab? Warum sollte er noch Anhänger finden, wenn es weder einen moralischen Wertzuwachs noch ein Leben nach dem 
 Tod gab? 
 „Komm“, sagte Imogen zu Tom. „Wir erledigen deine Französisch-Hausaufgaben in deinem Zimmer.“ 
 „Ich lese Billy etwas vor“, sagte Mike. „Bist du so weit, mein Kleiner?“ 
 Wenn Billy Zähne geputzt und den Schlafanzug angezogen hatte, machten sie es sich auf dem großen Bett gemütlich oder rangen miteinander manchmal las oder sang Mike seinem Sohn etwas vor. Meist schlief er dabei ein. Diesen Teil des Tages genoss er am meisten. 
 Bevor Imogen Toms Rucksack und das Französischbuch aufsammelte, strich sie Mike über den Kopf. 
 „Heute ist bei der Arbeit etwas richtig Beschissenes passiert, Liebling“, sagte Mike. 
 „Ist das so ungewöhnlich?“ 
 „Wir sollten nachher darüber reden.“ 
 „Hast du ein Aufmerksamkeitsdefizit?“, fragte sie. 
 Sie ging die Treppe hinauf, gefolgt von Tom, der über einen lustigen Vorfall in der Schule kicherte. 
 „Bitte, Imogen!“, rief Mike. 
 „Später“, sagte sie. „Falls ich noch wach bin. Sonst morgen.“ 
 „Am besten noch heute Abend.“ 
 „Vielleicht. Aber erst, wenn ich nicht mehr so gestresst bin.“
  Er sah ihr nach, bis sie oben verschwunden war. Dann sagte er resigniert zu sich selbst: „Wie Du meinst, mein Liebling. Gib einfach Bescheid.“ 

Aus dem Englischen von Henning Ahrens



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