Tödlicher Exorzismus

von Karl Arvin Hapal

Rausch (Ausgabe I/2017)


Die violett angelaufene Leiche von Arnold wurde in einer Kiste am Ufer eines Flusses nördlich von Manila gefunden. Wie die Autopsie ergab, hatten die Täter ihn erst geschlagen, dann erstochen und nachher seine Augen entfernt. Um seinen kalten Hals hing ein Pappschild, auf dem in schwarzen Lettern eine wohlbekannte Nachricht prangte: „Drug pusher ako, huwag tularan“,  das heißt „Ich bin ein Drogenhändler. Sei nicht wie ich.“ Arnold ist „gerettet“ worden.

„Rettungsaktion“, das ist auf den Philippinen nicht erst seit der Amtsübernahme von Präsident Rodrigo Duterte im Mai 2016 ein Euphemismus für Morde auf offener Straße, Hinrichtungen auf Marktplätzen und alle anderen Arten der Selbstjustiz. Schon unter der Diktatur von Ferdinand Marcos machte das Wort in den 1970er-Jahren die Runde, als man Lynchmorde und die Folter politischer Gegner damit rechtfertigte, das Land vor dem Kommunismus „retten“ zu müssen.

Doch Duterte macht den Begriff nun wieder salonfähig. Auch er will einen Krieg zur „Rettung“ der Philippinen führen, allerdings nicht gegen Kommunisten, sondern gegen eine andere vermeintliche Bedrohung: die Drogendealer und Drogenabhängigen. Schon zu Beginn seiner Präsidentschaftskandidatur setzte Duterte das Thema Drogen ganz oben auf seine politische Agenda. Drei Millionen Menschen auf den Philippinen konsumierten illegale Substanzen, behauptete er Anfang 2016, obwohl offizielle Statistiken von weniger als der Hälfte, rund 1,3 Millionen Konsumenten, ausgingen. Um markige Worte nicht verlegen, kündigte Duterte an, man müsse „die nächste Generation vor dem Verderben bewahren“ und diejenigen, die sich der Verbreitung und des Konsums illegaler Stoffe schuldig machten, falls nötig „abschlachten“.Es war ein politisches Spiel, das Duterte spielte. Zwar war der Drogenhandel auf den Philippinen stets ein wichtiges politisches Thema gewesen – schon 2002 wurden mit dem „Umfassenden Drogengesetz“ drakonische Strafen, von lebenslanger Haft bis zur Todesstrafe, für den Drogenbesitz eingeführt –, doch  stellte dieser zum Zeitpunkt des Wahlkampfes kein größeres oder kleineres Problem dar als in den Jahren zuvor. Ohne eine wirklich stichhaltige Begründung erklärte Duterte die Menschen, die mit illegalen Drogen in Kontakt kamen, zu „Staatsfeinden“ – und gewann mit dieser Schwarz-Weiß-Zeichnung die Wahl.

Zum neuen Präsidenten gekürt, hielt Duterte dann auch Wort: Seit seinem Amtsantritt sind auf den Philippinen laut offizieller Statistik 4.883 Personen getötet worden. 1.882 kamen im Zuge von Polizeieinsätzen und Drogenrazzien um, fast doppelt so viele, 3.001 Menschen, fielen den Lynchmorden selbst ernannter Gesetzeshüter zum Opfer. Und das Morden geht täglich weiter. Bürgerliche Todesschwadronen folgen dem Aufruf, den Duterte ganz zu Anfang seiner Amtszeit ausgab, aufs Wort: „Wenn Sie einen Abhängigen sehen, zögern Sie nicht, ihn zu töten. Es wäre zu schmerzhaft, wenn die Eltern es selbst tun müssten.“

Politisch ist Duterte mit seiner kompromisslosen Drogenpolitik äußerst erfolgreich. Die Einteilung der Gesellschaft in Gut und Böse, in die gesetzestreuen Bürger und das Gesetz brechenden Junkies, ist so simpel, dass sie jene Menschen anzieht, die sich um die Zukunft des Landes sorgen. Die stagnierende Wirtschaftslage, die um sich greifende Armut, all die echten Probleme, die die Philippinen plagen, geraten im vermeintlichen Ausnahmezustand in Vergessenheit. Die Regierung geriert sich als heilige Rächerin, als Schutzpatronin des einfachen Volkes. Der Drogendealer wird zum Symbol allen Übels in der Gesellschaft, Suchtkranke müssen einem tödlichen Exorzismus unterworfen statt therapiert werden.

Während die ganze Welt verzweifelt nach Manila schaut, regt sich auf den Philippinen erschreckend wenig Protest. Die Menschen hoffen weiterhin auf den gesellschaftlichen und politischen Wandel, den sie dem rüpelhaften Duterte eher zutrauen als seinen stromlinienförmigen Gegnern aus dem politischen Establishment. Das tägliche Morden ist da nur eine Randnotiz, ein notwendiges Übel. Die Drogendealer sind in der öffentlichen Wahrnehmung keine unschuldigen Opfer, sondern Kriminelle. Wird ein Journalist getötet, ist der Aufschrei groß. Stirbt ein Junkie wie Arnold, schweigt das Land.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter



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