„Alkohol ist ein angstlösendes Mittel“

Walter Zieglgänsberger

Rausch (Ausgabe I/2017)


Herr Zieglgänsberger, warum nehmen Menschen Drogen?

Das ist eine gute Frage. Psychotrope, also die menschliche Psyche beeinflussende Substanzen, sind nachweisbar, seit es Menschen gibt. Diese werden allerdings nur als schädlich angesehen, wenn sie von bestimmten Bevölkerungsgruppen oder moralischen Instanzen abgelehnt werden. Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen legalen und illegalen Drogen. Es sind schlicht bewusstseinserweiternde Substanzen, die ein angenehmes,  interessantes Gefühl erzeugen. Solange der Rausch kontrolliert ist und die dadurch ausgelösten Veränderungen im Verhalten noch akzeptabel sind, wird er von der Gesellschaft toleriert.

Was gesellschaftlich toleriert wird, hat sich in der Geschichte verändert?

Natürlich, das hat sich dramatisch verändert. Nikotin war zum Beispiel einmal heftig verboten ...

... und wird gerade wieder stärker kontrolliert. Warum?

Eine Substanz wird aus verschiedenen Gründen legalisiert oder verboten. Finanzielle Anreize spielen eine Rolle: Die Tabaksteuer hat enorm viel Geld in die Staatskasse gespült. Wenn man den Tabakkonsum jetzt zurückfahren möchte, geht es um die Frage, ob man die Folgekosten, die sich aus dem Rauchen ergeben, durch die Steuer wiederbekommt. Solange sich das ausgleicht, überlegt man sich schon: Soll ich den Leuten nicht den Spaß lassen? Im Moment sieht es so aus, als würde die Behandlung von erkrankten Rauchern einfach zu teuer werden.

Dennoch bedeuten Drogen für viele Entspannung, Freude oder Bewusstseinserweiterung?

Ja, in unserer aktuellen Gesellschaft ist es so, dass man etwas für sich selbst erzeugen möchte. Man sagt sich: Ich kann mich jetzt entspannen oder ich kann aus mir jetzt jemanden machen, der schweben kann, der in andere Welten taucht. Wenn jemand Kokain nimmt, dann ist er völlig anders, als wenn er LSD nimmt. Aber es sind Zustände, die man danach kennt und wieder erzeugen möchte. Doch die Substanz löst nicht immer den gleichen Effekt aus, das hängt auch vom Setting, also der Umgebung, in der sie genommen wird, ab.

In welchen Situationen nehmen Menschen Drogen?

Welche Substanzen Sie nehmen, hängt davon ab, in welcher Szene Sie sind. Wenn Sie in einer Umgebung sind, in der Kokain genommen wird – alle sind super drauf, potent, von einer scheinbar flirrenden Intelligenz und Aufgeschlossenheit –, dann sagen Sie sich, das probiere ich auch mal. Oder Sie nehmen Halluzinogene, diese modernen Substanzen, die sich aus der Cannabinoidszene ableiten, „legal highs“ genannt, die relativ einfach zu bekommen sind. Die sogenannten harten Drogen wie Heroin sind nicht so ideal: Man wird zu schläfrig davon, zu zurückgezogen. Heute sind daher Crystal Meth und Amphetamine wieder angesagt. Das passt wiederum zu unserer aktiven Gesellschaft, in der man Leistung bringen muss.

Drogen werden heutzutage hauptsächlich individuell konsumiert – warum?

Historisch betrachtet waren psychotrope Substanzen eher für rituelle Gebräuche gedacht. Das sehen Sie bei Alkohol noch. Er wird in der Kirche verwendet: das Blut Christi. Aber auch gesellschaftlich hat er noch eine gewisse rituelle Funktion: Wenn man etwas zu feiern hat, prostet man sich mit einem Glas Alkohol zu. Da darf man durchaus auch in eine positive Stimmung kommen, weil Alkohol in niedrigen Dosierungen leicht euphorisierend wirkt, es löst gewisse Spannungen auf, ein angenehmes Gefühl. Alkohol ist ein Anxiolytikum, ein angstlösendes Mittel, und wird im Sinne der Selbstmedikation benutzt. Schon Wilhelm Busch sagte: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“


Wann wird der Konsum von Alkohol problematisch?

Man muss unterscheiden zwischen Missbrauch und Abhängigkeit. Einen Alkoholmissbrauch begehen diejenigen, die mal laut sind, etwa auf dem Oktoberfest. Viele Alkoholabhängige wollen sich beim Trinken nicht zusehen lassen. Sie sitzen in dunklen Ecken und trinken aus Flachmännern. Sie sind in den Gasthäusern nicht beliebt, weil sie zeigen, wohin Alkohol führen kann. Eine Abhängigkeit besteht dann, wenn Sie ohne Alkohol nicht mehr leben können, wenn Sie nicht mehr gut funktionieren.

Wie kommt es zu solch einer Abhängigkeit?

Wenn Sie Jugendliche beobachten, die sich mit 14, 15 Jahren das ganze Wochenende betrinken und dann am Montag noch betrunken in die Schule gehen – das sind die gefährdeten Jugendlichen. Wenn nun aber einer mittrinkt und danach sagt: „Mensch, ich habe so einen Schädel, ich komme kaum noch durch die Tür“ – der ist sicher, dem passiert nichts. Denn der kann mit Alkohol nicht so gut umgehen wie der andere.

Was bedeutet es, wenn jemand „gut“ mit Alkohol umgehen kann?

Das heißt, dass er den Alkohol im Körper schneller abbauen kann und besser mit den typischen Nebenerscheinungen zurechtkommt: Er schwankt weniger, lallt weniger. Dieser Kontrollverlust ist der Moment, in dem ein Trinker die soziale Akzeptanz verliert. Das ist aber nicht unmittelbar von den Promillezahlen abhängig. Es gibt Menschen, die haben 1,2 Promille und funktionieren quasi normal, weil sie Routine haben in diesem Zustand.

Brauchen Menschen für ihre Entwicklung Rauscherfahrungen?

Ich finde, das gehört dazu. Die Diskussion gibt es ja immer wieder, ob man Jugendlichen in einer geschützten Umgebung Rauscherfahrungen ermöglichen sollte. Solange sie das im Geheimen machen und etwa nur über das Rauchen in eine Gruppe hineinkommen, wird der Gruppendruck so hoch, dass man die Übelkeit bei der ersten Zigarette in Kauf nimmt, um integriert zu werden. Wenn man in dieser Gruppe bleibt, ständig raucht und trinkt, kann sich eine Abhängigkeit entwickeln, die meines Erachtens in erster Linie eine psychische ist. Die Jugendlichen sind von der Wirkung abhängig, die der Stoff in einer bestimmten Umgebung auslöst. Duch das gemeinsame Rauchen und Trinken entsteht ein Erfahrungswert, der eine Erinnerung an diese Substanzen mit einer Menge Spaß verknüpft. Das wird von Jugendlichen besonders heftig erlebt, weil sie in einer Übergangsphase sind.

Welche Menschen sind für die Alkoholsucht prädestiniert?

Zum einen diejenigen, die Alkohol gut vertragen und nur die positiven Seiten des Trinkens bemerken. Zum anderen diejenigen, die ängstlich sind, sich nicht trauen, jemanden anzusprechen, dann aber plötzlich merken, dass sie mit Alkohol Angst und Scheu verlieren.

Ab wann ist der Gebrauch einer Droge schädlich?

Schädlich ist er immer. Wenn Sie nicht mehr aufhören können und alles daransetzen, um diese Substanz zu bekommen, ihren Beruf aufgeben oder sich prostituieren, dann ist die Sucht voll erblüht.

Welche aktuellen Therapiemethoden gibt es, um Sucht zu bekämpfen?

Zurzeit gibt es einen Paradigmenwechsel. Der Therapieansatz besteht darin, mit dem Alkoholabhängigen aus seiner gewohnten Umgebung herauszugehen – also nicht mehr in die Kneipe, nicht mehr unter die Brücke; wir bieten etwas anderes an: Du trinkst mal nur ein Glas Wein. Und zwar mit anderen Leuten. Wir bieten Konsum in einer sozialen, kontrollierten Umgebung. Ziel ist natürlich die Abstinenz, aber auf dem Weg dahin muss man kleine Schritte machen. Die Methode heißt Harm Reduction: Wenn ich nur noch ein Drittel trinke, wird meine Leber mir das verzeihen, die Entzugserscheinungen werden sich abschwächen und vielleicht wird das irgendwann zu einer Abstinenz führen.

Müssen wir, um das Suchtproblem in den Griff zu kriegen, vielleicht doch über eine Drogenfreigabe nachdenken?

Durch polizeiliche Maßnahmen werden wir Sucht jedenfalls nicht in den Griff bekommen. Wenn Kinder aufgeklärt werden und mit ihnen geredet wird, kann man den Dealern das Leben schwerer machen. Aber eine völlig drogenfreie Gesellschaft werden wir nie erreichen. Momentan sind wir sehr von der Drogenangst geprägt. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber für Maßnahmen, die greifen und auch nachhaltig sein sollen. Ein Beispiel ist die Heroinabgabe an Schwerstabhängige. Durch sie konnten Abhängige in Arbeit zurückkehren und heute ein durchaus reguliertes Leben führen. Wenn Sie sehen, wie viele Menschen so vor Tod durch Hepatitis C oder HIV bewahrt wurden, ist das schon ein gangbarer Weg.

Das Interview führte Timo Berger



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