Der Dealer von nebenan

Élmer Mendoza

Rausch (Ausgabe I/2017)


In dem einen Park gibt es keine Dealer.

Der andere Park ist klein, ein Hektar Bäume und gewundene Pfade. Er liegt neben einer Oberstufenschule. An sechs Tagen in der Woche treffen sich dort die gleichen Leute: der Herr, der viel joggt, die Dame, die so herrlich mit den Hüften schwingt, der Mann, der alle grüßt, die Frau, die ein Baby bekommen hat, und noch rund vierzig andere. Wir sind das Paar, zu dem eine besonders hübsche Frau gehört. Am schrillsten ist die Dame mit dem Papagei, die einen bunten weiten Rock, topaktuelle Turnschuhe und auf der Schulter ihren grünen Vogel spazieren trägt. Wie die meisten muss auch sie um die achtzig sein. Die Tage dämmern pfirsichfarben herauf.

Gegen sieben Uhr früh durchqueren einige Jugendliche den Park auf dem Weg zur Schule, und da entdeckten wir ihn. Kaum hatte das Halbjahr begonnen, hatte der Park einen Dealer. Er war jung, weiß, muskulös und erledigte alles mit dem Fahrrad. Schwarzer Rucksack. Als die Teenager ihn bemerkten, gingen sie sofort zu ihm. Eine Woche später erzählte der Mann, der alle grüßt, dass der Kerl sich 24 Stunden im Park aufhalte und seinen Stoff nur an Schüler verkaufe; aber das stimmte nicht, wir sahen auch einen Straßenbahnfahrer und einen jungen Arzt, die ein paar Gramm Kokain kauften und weiter zur Arbeit fuhren.

In der ersten Woche rackerte der junge Dealer unermüdlich, dann hatte er eine dunkelhäutige Freundin, der er vor aller Augen den Hintern tätschelte. Die Dame mit dem Papagei nahm es gleichgültig zur Kenntnis, aber der Herr, der viel joggt, joggte weniger. Mit achtzig sind Erinnerungen ein Hauch, der alle Empörung dämpft. Nur die Dame, die so herrlich mit den Hüften wackelt, protestierte, wies mit flammensprühendem Finger auf das Paar, doch die beiden beachteten sie nicht im Geringsten. Die Dame mit dem Papagei hielt sich von den beiden fern, weil das Tier ihnen zuschrie: „Fick sie, steck ihn ihr rein bis zum Anschlag.“ Der junge Dealer grinste und bediente eine Klientel, die sich wenig um Diskretion schert. „Das ist doch die Höhe“, protestierte eines Tages die Dame, die Vitamine verkauft, „wie können wir es zulassen, dass ein Krimineller hierher kommt und die Schüler vergiftet? Ich werde ihn anzeigen!“, sagte sie. Aber die Dame mit dem Papagei machte ihr klar, dass es gefährlich sei, er könnte ja mit der Polizei unter einer Decke stecken, neulich Nacht habe sie ihn mit einigen Streifenbeamten plaudern sehen; womöglich gehöre er einer Bande an, die kein Erbarmen mit ihren Feinden kenne; wenn sie ihn anzeige, werde sie automatisch zur Feindin.

In der zweiten Woche blieb alles wie gehabt. Am Mittwoch erschien der Dealer mit einem neuen Fahrrad und trieb es noch frecher mit seinem Mädchen, die ihrem glücklichen Gesicht nach fasziniert war von dieser Erfahrung. In diesen Tagen drückten alle ihre Abscheu aus, wenn sie an dem Kerl vorbeikamen, aber dem war das egal, sein Markt wuchs, und wie wir hörten, würde er sich bald einen Neuwagen kaufen. Am Samstag war die Nachbarschaft ihm endgültig feindlich gesinnt, der Jungspund aber auch dreister denn je.

Am Montag der dritten Woche hatte die Zahl seiner Kunden derartig zugenommen, dass er nun zwei Rucksäcke hatte; aber auch die Parkbenutzer beschwerten sich lautstärker, allen voran die Dame mit den Vitaminen, die zu der hübschen Dame sagte: „Wenn die Polizei sich nicht traut, wieso holt Gott dann nicht dieses Schwein?“ Am Mittwochmorgen war der Dealer tot. Schuss in die Stirn. Ein Krankenwagen, der mit der Polizei eintraf, nahm die Leiche mit, die Streifenbeamten beschuldigten die Freundin, die sich die Augen ausheulte. An diesem Tag ging kaum jemand spazieren. Eine Woche später sprach niemand mehr über die Angelegenheit, außer dem Papagei, der rief: „Das wirst du mir büßen, du Arschloch, peng, das wirst du mir büßen.“ Am nächsten Tag trug die Dame mit dem Papagei einen ganz neuen Rock und ganz neue Turnschuhe und drehte ihre Runde mit einem niedlichen Chihuahua.

Auch in dem anderen Park gibt es keine Dealer.

Aus dem Spanischen von Matthias Strobel

 



Ähnliche Artikel

Rausch (Themenschwerpunkt)

Das Hyperhormon

Brian B. Hoffman

Adrenalin hat den Ruf, in Sekundenschnelle Hochgefühle auszulösen.
Doch so einfach ist das nicht

mehr


Rausch (Themenschwerpunkt)

Besessen von der Macht

Serhij Zhadan

Wie sich Menschen verändern, wenn sie über andere herrschen dürfen

mehr


Großbritannien (Köpfe)

Erster Prozess

Seitdem der Oppositionelle Rosendo Radilla vor 35 Jahren an einem militärischen Checkpoint verschleppt wurde, kämpft seine Tochter Tita dafür, das Verschwinden ... mehr


Neuland (Kulturleben)

Mexiko: Totenwächter und Schönheitskönig

Francisco Méndez

 

mehr


Rausch (Editorial)

Editorial

Jenny Friedrich-Freksa

Je größer die echten Krisen, so scheint es, umso wichtiger werden Momente der Entspannung, Freude oder Abwesenheit. Je größer der Leistungsdruck moderner Gesellschaften oder der zermürbende Alltag all jener, für die jeder Tag ein Kampf ums Überleben ist, desto größer der Wunsch, der Ohnmacht zu entfliehen. Ein paar Bier, ein Joint oder eine Pille - und schon sieht die Realität ein bisschen angenehmer aus, oder anders gesagt: Schon rückt die Wirklichkeit etwas weiter weg. Ein Trinker sucht die Flucht, schreibt der schottische Schriftsteller John Burnside, nicht nur "aus ermüdender öffentlicher Rolle, sondern gleich aus dem ganzen weltlichen Reich, um in einem authentischen innerlichen, ekstatischen Zustand zu verweilen".

mehr


Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben (Themenschwerpunkt)

Straßenkampf

Wendy Call

Zuerst war die Autobahn nur ein Gerücht, dann kamen die Landvermesser. Wie sich die Bewohner eines mexikanischen Dorfes gegen Bevormundung wehrten

mehr