Die letzte Kolonie

von Mayra Santos-Febres

Rausch (Ausgabe I/2017)


Der Triumph von Donald Trump in den USA hat noch vor seinem Amtsantritt Auswirkungen auf den Alltag der Puerto Ricaner. Viele von denen, die in den vergangenen Monaten erwogen haben, in die USA zu gehen, um der erdrückenden Wirtschaftskrise auf der Insel zu entfliehen, fragen sich, ob sie in den Vereinigten Staaten unter Trump nicht wie gerade angekommene lateinamerikanische Immigranten empfangen werden. Denn obwohl wir nord­amerikanische Pässe besitzen, werden wir Puerto Ricaner in den USA meist als „Latinos“ angesehen: Ausländer und Bürger zweiter Klasse. Der gewöhnliche Nordamerikaner (besonders, wenn er Anhänger der Republikaner ist) macht zwischen einem Mexikaner und einem Puerto Ricaner keinen großen Unterschied, obwohl wir dieselben bürgerlichen (wenn auch nicht die gleichen politischen) Rechte wie US-Bürger haben.

Die einstige spanische Kolonie Puerto Rico wurde 1898 ein „Territorium“ der Vereinigten Staaten. Durch den Jones-Shafroth-Erlass erhielten Puerto Ricaner 1917 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Dieser Erlass beinhaltete jedoch auch, dass wir Boricuas (wie wir uns selbst nennen) uns nicht international vertreten können, dass wir in den kriegerischen Konflikten kämpfen müssen, in die sich die USA einmischen, und dass wir nicht an den Präsidentschaftswahlen teilnehmen dürfen.

Auch bei der Wahl im vergangenen November, aus der Donald Trump als Gewinner hervorging, hatte mein Land nicht eine einzige Stimme. Wirtschaftlich sind wir ebenfalls abhängig von den USA: Wir können nichts selbstständig importieren oder exportieren. Obwohl wir 1952 zu einem Assoziierten Freistaat erklärt wurden, sind wir eine Kolonie geblieben. Donald Trump hat sich nachdrücklich dafür ausgesprochen, dass sich an unserem Status auch künftig nichts ändert. Man muss allerdings zugeben, dass die von den USA übernommene Gesetzgebung im Bereich der Bürgerrechte auf der Insel eine Atmosphäre der Gleichheit geschaffen hat, wie sie nirgendwo sonst in Amerika herrscht. In Puerto Rico ist die Diskriminierung aufgrund von Rasse, Klasse oder Geschlecht gesetzlich verboten. Es gibt staatliche Hilfen und Bildungsprogramme gegen Diskriminierung. Die Mehrheit der Arbeitenden und der Fachleute ist heute weiblich.

Ich glaube nicht, dass ich als Schwarze ohne diese Gesetzgebung und dieses zivile Klima Schriftstellerin mit Abschlüssen nordamerikanischer Elite-Universitäten geworden wäre und mich auch nicht sieben Jahre als Direktorin des wichtigsten Literaturfestivals meines Landes gehalten hätte.

Jetzt herrscht in Puerto Rico eine schwere Wirtschaftskrise. Die Gründe dafür sind in der fehlenden Erfahrung mit Finanzen und der Verwaltung eines Volkes zu suchen, dem nie erlaubt worden war, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Politiker aller Parteien haben im Zusammenspiel mit ausländischen Anlegern das Land in den Bankrott geführt. Bis heute ist nicht geklärt, welche der im Namen des Volkes getätigten Finanztransaktionen die Insel letzlich in den Ruin getrieben haben. Klar ist nur, dass sie uns Schulden in Höhe von 73 Milliarden US-Dollar hinterlassen haben. Das Schicksal Puerto Ricos war bis vor Kurzem weitgehend verborgen vor den Augen der Weltöffentlichkeit, was unsere Probleme noch verschärft hat: Jährlich wandern mehr als 50.000 Puerto Ricaner aus. Ich habe mich entschieden, zu bleiben und die Trümmer einzusammeln, um mit dem, was übrig geblieben ist, ein neues Land aufzubauen.

Als Schriftstellerin bin ich mir bewusst, dass jede Erzählung ihre Krise beinhaltet, dass diese „Krise“ die antreibende Kraft für die notwendige Veränderung ist. Sicher werden wir mit Donald Trump an der Spitze der nordamerikanischen Nation den Höhepunkt der Krise erreichen: Sehr wahrscheinlich werden wir Versuche erleben, die in der Obama-Administration erzielten Fortschritte rückgängig zu machen, werden sehen, dass die Spannungen zwischen den Rassen sich wieder verschärfen, dass Gesetze für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transgender aufgehoben werden, Mittel für öffentliche Gesundheit, Bildung und Kultur gekürzt und Maßnahmen für mehr Gendergerechtigkeit an Schulen und Universitäten gestoppt werden; auch, dass einwanderungsfeindliche Gesetze erlassen und sich die Fälle von Abschiebungen und Misshandlungen von Immigranten vervielfachen werden. Alles deutet darauf hin, dass dies die Blaupause ist, der Donald Trump in seiner Amtszeit folgen wird.

Uns bleibt nur, Widerstand dagegen zu leis-ten und für die erreichten Errungenschaften zu kämpfen. Ich vertraue darauf, dass aus diesem riesigen sich abzeichnenden Konflikt eine Lösung entspringen wird für das hundertjährige Problem, das Puerto Rico in der Welt darstellt: die letzte Kolonie zu sein.

Aus dem Spanischen von Timo Berger



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