Die Vielfalt der Mikrowelten

Sasha Marianna Salzmann

Rausch (Ausgabe I/2017)


Wenn man von Kunst als einem Spiegel der Gesellschaft spricht, funktioniert dieses Bild nur in seiner Dreidimensionalität, in der Komplexität, die eine Gesellschaft ausmacht. Kunstschaffende sind aber bei Weitem nicht in ihrer möglichen Bandbreite sichtbar, um die Gesellschaft, über die sie berichten sollen, abzubilden.

Während meiner Tätigkeit als Leiterin einer Theaterbühne in Berlin verstand ich die Sichtbarmachung marginalisierter Stimmen als den Schwerpunkt meiner Arbeit. Wir als Studio ? vom Maxim-Gorki-Theater in Berlin wollten eine maximal diverse Gesellschaft abbilden, ihre unterschiedlichen Lebenskonzepte und ihre Interpretationen. Wir suchten nach Metaphern von Welt, wie wir sie verstehen: eine Gesellschaft, die keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern macht, eine, die Platz für so viele kulturell vielfältige Stimmen hat, wie in der Stadt laut werden wollen. Wir hielten die Eintrittspreise so gering wie möglich und erleichterten den Weg zu uns für die ohne Papiere. Was ich dabei lernte und immer noch lerne, ist: Nichts ist natürlich an den Begegnungen in diesen Räumen und mitnichten sind wir alle gleich. Wir haben nicht die gleichen (Entwicklungs-)Chancen genossen, nicht die gleichen Zugangsmöglichkeiten gehabt und stecken in sehr unterschiedlichen Vorstellungen von Kunst. Wie also den Menschen einerseits Raum geben, ihre eigenen Positionen zu formen und zu formulieren, andererseits eine Öffentlichkeit dazuholen, die ihnen bereits mit vorgefertigten Erwartungen begegnet?

Als Kuratorin und Jurymitglied fällt mir immer wieder auf, wie sehr Kunstförderung durch vorgefertigte Vorstellungen davon bestimmt wird, was eine kunstschaffende Person aus einem bestimmten Interessenkreis zu repräsentieren hat. Anders gesagt: Rassismus, Homofeindlichkeit und andere Formen der Diskriminierung greifen nicht erst auf der Premierenfeier, bei der eine Person of color für ihre Ethnizität/Authentizität gelobt wird. Die Schieflage in der Schaffung von gleichberechtigten Räumen beginnt bei der Homogenität der Auswahljurys, die mit ihrer singulären Erfahrung Mutmaßungen darüber anstellen, wie der Rest der Welt funktioniert. Dies gilt für alle Zusammenschlüsse: je weniger Diversity, desto weniger Welt. Je weniger praktisches Wissen um gelebtes Leben, desto weniger Verständnis dafür, dass kultureller Hintergrund immer ein Vielfaches ist, welches immer neu betrachtet und in den Kontext gesetzt werden muss. Wir finden meistens Jurys vor, die nur bestimmte Konstellationen von Thema und Mensch nachvollziehbar, also auch förderungswürdig finden. Um es konkret zu machen: Würde ich als Jüdin eine Performance zur Ming-Dynastie vorbereiten, stünden meine Chancen auf eine Förderung weniger gut, als wenn ich zu den während der Schoah ermordeten Verwandten forschen wollte. Unterkomplexe Vorstellungen von Kultur kreieren eine bestimmte Erwartung von dem, in welche Richtung ihr Ausdruck gerichtet werden soll. Um diese Erwartung zu brechen, braucht es nicht nur Mut, es braucht Zugänge zu Strukturen. Der Weg in diese Strukturen führt über Gremien mit bestimmten Erwartungen an die Künstlerinnen und Künstler.

Es ist wichtig beide Seiten, also auch die der Kunstschaffenden, anzuschauen, um zu verstehen, wie Selbstbilder und Fremdbilder, wie Repräsentanz von Kultur vonstatten geht. Aus der Perspektive der Kunst weiß ich zu genau um die Selbstzensur in der Antragsprosa, um das Anpassen an die Vorstellung der jeweiligen Stiftungen und Institute. Was heißt das für uns? Was ist der Weg der Emanzipation? Um Fremdbilder ablegen zu können, müssen wir sie benennen und analysieren. Das Schreiben der eigenen Geschichten ist das, was Kunst verlangt. Widersprüche und Varianten machen Welthaltigkeit aus. Wenn Gegenbilder zum Altbekannten entworfen werden, dann entfaltet sich Kunst und trifft auf die Öffentlichkeit, die sich so tatsächlich im Spiegel betrachten kann. Sonst sieht sie auf eine zweidimensionale Zeichnung, gezeichnet von wenigen für wenige.

Die Ausschreibungen der Goethe-Institute, Bundesstiftungen und anderer Fördertöpfe müssen so gestaltet werden, dass eine Vielfalt der Mikrowelten performt werden kann. Diese Vielfalt ist die Prämisse unserer demokratischen Grundwerte. Auch wenn Gleichberechtigung nach wie vor keine gelebte Praxis in unseren öffentlichen Räumen ist, so kann sie trotzdem immer wieder als klar definiertes Ziel angestrebt werden. Kunst kann diesen utopischen Raum behaupten, in dem Menschenrechte für alle gelten.



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