„Don’t mention the war!“

von Roger Boyes

Was vom Krieg übrig bleibt (Ausgabe I/2007)


Einmal hob der Journalist Jeremy Clarkson – eine Kultfigur im englischen Fernsehen – seinen Arm zum Hitlergruß. Das Publikum im Studio lachte sich fast tot. Der Witz war: Der Hitlergruß sollte den Verlauf der Heckflosse an einem deutschen Wagen demonstrieren. Nicht alle fanden das komisch. Weder die BBC noch Jeremy Clarkson entschuldigten sich. Stattdessen schrieb der Fernsehstar einen Artikel, der die deutsche Effizienz, den Widerstand gegen den Irakkrieg, und die Liebe zu Maschinen lobte. Die Schlüsselpassage ging so: „Ich kenne mich nicht gut mit Fußball aus, aber ich weiß, dass Wembley 1966 und das 5:1 in München 2002 unnormal waren. Normalerweise schaffen es deutsche Spieler, dass unsere wie behindert aussehen.

Dasselbe gilt im Tennis, beim Autorennen, beim Segeln, beim Einmarsch in Polen und beim Skifahren.“ Aus dieser Geschichte kann man zweierlei lernen. Erstens: Man ändert eine Witzkultur nicht, indem man sich über sie beschwert. Nazi-Witze, Karikaturen von Deutschen, die Strände auf Mallorca besetzen, Hitler-Imitationen, Stechschritt enthalten ein Körnchen Wahrheit. Sonst würde niemand lachen: Die Effizienz, mit der Deutschland überall in Europa einmarschiert ist, gibt es – wenn auch in einer anderen, friedlichen Form – im heutigen Deutschland immer noch. Wirklich? Nun, nicht wirklich. Die Briten denken, dass Karikaturen eine verborgene Wahrheit enthalten und weigern sich, sie zu hinterfragen. Dass die Deutschen nicht über diese Witze lachen, bestätigt den Briten nur ein anderes Klischee: dass Deutsche keinen Humor haben. Dieses Vorurteil wird von einer postkolonialen Arroganz untermauert, nach der die Briten bestimmen, was in der Welt lustig zu sein hat.Zweitens: Der Zweite Weltkrieg bleibt ein Bezugspunkt in der Beziehung Großbritanniens zu Deutschland.

Solange das so ist, wird der „Hitler-Witz“ zum Humor-Repertoire gehören. Die Nachkriegs-Situation mischte die Karten von Gewinnern und Verlierern neu. England hatte den Krieg gewonnen, aber ein Empire verloren. Es wurde ärmer. Deutschland hatte den Krieg verloren, aber erlebte ein Wirtschaftswunder. Also setzte sich der Krieg in Karikaturen und Comedy-Sendungen fort. Deutschland war nicht der Grund für unsere gesellschaftliche Krise, aber erinnerte uns ständig daran, dass wir schlecht regiert wurden. Als Margaret Thatcher 1979 an die Macht kam, wurde das verzerrte Deutschlandbild zur offiziellen Deutschlandpolitik.

Britische Witze über die Deutschen waren bis dahin nur albern. In der Thatcher-Ära wurden sie unterschwellig aggressiv. Als Deutschland sich wiedervereinigte, rief Thatcher eine Notfall-Sitzung mit Deutschlandexperten zusammen. Das Ergebnis war ein A bis Z, dass mit „Angst“ anfing. Die Liste sickerte an die Öffentlichkeit, und eine Karikatur im „Daily Mirror“ im Juli 1990 zeigte deutsche Touristen in Lederhosen, mit Monokel, Gefechtsnarben und Tiroler Hut neben englischen Feriengästen auf Liegestühlen. Ein Brite liest in einer Zeitung, dass Deutsche „aggressiv, grob, sentimental“ sind, „geliebt werden wollen und einen Minderwertigkeitskomplex haben“. Über ihm ragt ein riesiger Hunne, der fragt: „Vell, Englander, answer ze kvestion! Vy do you not like us?“

Die berühmte Episode „Don’t mention the war“ aus der englischen Comedy-Serie „Fawlty Towers“ ist übrigens nicht antideutsch – auch wenn viele Deutsche das denken. Sie macht sich im Gegenteil über die englische Kriegs-Obsession lustig. Ein Hoteldirektor weist seine Angestellten darauf hin, zu den Deutschen besonders nett zu sein und „nicht den Krieg zu erwähnen“. Natürlich enthält dann jede seiner Bemerkungen einen unbeabsichtigten Verweis auf die Nazis. Dieser Humor ist einer über Peinlichkeiten, vergleichbar mit der deutschen Serie „Stromberg“. Irgendwann kann Humor auch eine Brücke zwischen zwei ehemaligen Kriegsgegnern werden.

Witze über den Krieg helfen, die Gegenwart zu verarbeiten. Saddam Hussein wird mit Hitler verglichen, Darfur mit Auschwitz, Polizeigewalt mit der Gestapo. Immer, wenn der „Spiegel“ Hitler auf der Titelseite hat, steigt die Auflage um zehn Prozent. Der große Quotenkönig ist Guido Knopp, der sich auf Nazi-Trivialitäten wie „Hitlers Frauen“ spezialisiert hat. Sowohl Deutsche als auch Engländer wollen den Krieg verstehen, der nicht nur eine Generation geformt hat, sondern drei. Langsam verlieren die Deutschen ihr selbst auferlegtes Tabu, über Nazis zu lachen. Im Januar 2007 kommt in Deutschland der Film „Mein Führer“ von Dani Levi in die Kinos. Er zeigt Hitler als bettnässenden, impotenten Verlierer. Hoffentlich gibt es was zu lachen: Denn Lachen hilft, sich selbst zu verstehen.

Aus dem Englischen von Nikola Richter



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