Menschen in Schubladen

von Shereen El Feki

Ich und alle anderen (Ausgabe IV/2016)


Am Anfang meiner journalistischen Laufbahn besuchte ich eine hochkarätig besetzte politische Konferenz in Scharm el-Sheikh. In der einschüchternden Atmosphäre dieser Männerwelt wollte ich einen sehr berühmten Minister ansprechen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und bahnte mir einen Weg durch einen Pulk grauhaariger Funktionäre. Zufällig trugen der Minister und ich den gleichen Nachnamen. Ein Spießrutenlauf durch seine politischen Aufpasser brachte mich schließlich in seine Reichweite. „Ich bin Shereen El Feki“, rief ich nervös. Der Minister sah mich völlig fassungslos an: „Ja, aber warum?“

Noch bevor mich dieser Ausdruck in eine existenzielle Krise stürzen konnte, kam mir in den Sinn, dass er gar nicht mein Dasein infrage stellte und auch nicht meine Berechtigung auf der Konferenz zu sein: Es war meine Persönlichkeit, die ihm Rätsel aufgab. Wie konnte jemand, der so europäisch aussah wie ich, nur den gleichen Namen wie er tragen?

Diese Frage hatte mir bisher wenig Kopfzerbrechen bereitet. In dem kanadischen Schmelztiegel, in dem ich aufgewachsen war, war ich nur eine von Millionen Einwanderern mit Namen und Gesichtern aus aller Welt. Es war nichts besonders dabei, im Aussehen meiner britischen Mutter zu ähneln, aber den ägyptischen Namen meines Vaters zu tragen. Nicht so in Ägypten: Hier wurde dieser Umstand zum Eröffnungsspielzug jeder Begegnung, ob mit einem Taxi-fahrer oder den Granden der Politik.

Nach meiner Erfahrung sind die Menschen in Ägypten und anderswo in der arabischen Welt meist begierig darauf, Menschen in Schubladen zu stecken. Zufrieden sind sie erst, wenn sie wissen, wie man in die Scala naturae, die „große Kette des Seienden“, die alle Dinge in eine hierarchische Ordnung bringt, passt. Dieses Einordnen erfolgt jedoch weniger aufgrund individueller Eigenschaften als aufgrund kollektiver Muster: Land, Religion, ethnische Zugehörigkeit, Stamm oder Familie. Viele Studien zeigen, dass junge Menschen in der arabischen Welt sich immer noch an diesen Linien orientieren. Diese kollektive Identifikation wird durch einen erdrückenden Zwang zur Konformität untermauert. Individuelle Ansichten und Verhalten, das den sozialen Normen zuwiderläuft, müssen im Verborgenen bleiben. Eine riesige Kluft entsteht zwischen Schein und Sein.

All das hat bedeutende Auswirkungen bis hinein in die Welt der Schlafzimmer. Der Begriff „sexuelle Identität“ wird in dieser Region der Erde kaum verstanden. Angesichts des Stigmas, das mit der Verletzung der gesellschaftlichen Norm der heterosexuellen Beziehung und der Geschlechtereinteilung zwischen Mann und Frau verbunden ist, ist das wenig erstaunlich. Es gibt sicherlich Männer und Frauen, die sich selbst als LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) zugehörig sehen – zumindest im Privaten. Doch die Zahl derer, die gleichgeschlechtlichen Sex haben, ohne sich mit diesen Begriffen in Zusammenhang zu bringen, ist ungleich größer.

Einer von ihnen ist Hisham. Ich traf ihn in ­Kairo. Auf den ersten Blick ist er ein Paradebeispiel für den Anstand der Mittelklasse: verheiratet, zwei Kinder und ein sicherer Job im Bereich Klimatechnik. Doch er hat auch Sex mit Männern, in längeren Beziehungen über Monate oder Jahre. Für Hisham impliziert der Begriff „schwul sein“ eine Vollzeitbeschäftigung, bei der der Sex im Mittelpunkt steht, während er seine Beziehungen zu anderen Männern als „diese kleinen Winkel des Lebens“ sieht, „die man betreten kann oder auch nicht, die aber nichts Zwanghaftes haben.“ Er hält seine sozialen Welten strikt auseinander. „Meine Frau weiß nichts davon. Meine Nachbarn auch nicht. Auf der Arbeit oder zu Hause bin ich ein anderer Mensch, als wenn ich mit meinen männlichen Freunden zusammen bin.“ Zwar  versteht Hisham, was LGBT bedeutet, nur passen diese Begriffe nicht auf ihn. Ja, er führt ein Doppelleben, aber er findet das ganz normal und unerheblich, welches Geschlecht er bei seinen Seitensprüngen in sein Bett holt. Er richtet sich in einer nützlichen Stube ein, nicht in einer Abstellkammer.

Hisham und seinesgleichen stehen mit ihrer Selbstdefinition in einer langen Tradition in der arabisch-muslimischen Literatur. Seit mehr als einem Jahrtausend wird gleichgeschlechtlicher Sex oder das Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung als etwas beschrieben, das man tut, und nicht als etwas, das einen ausmacht. Dass sich die Bedeutung von Sexualität von Aktivität zu Identität gewandelt hat, wird als eine westliche Erfindung gesehen. Das löste eine hitzige Debatte aus, ob dieses neue Konzept eine Art neokoloniales Besetzen des arabischen Intimlebens darstellt. Die verbreitete Vorstellung, dass sexuelle Identität und alles, was damit verbunden ist, wie Schwulenparaden und gleichgeschlechtliche Ehen, mit der westlichen Welt zusammenhängt, wurde von religiösen Konservativen und ihren politischen Verbündeten ausgenutzt. In der gesamten arabischen Region werden die Rechte der LGBT als eine fremde Machenschaft angeprangert, mit der die „traditionellen“ Bräuche und Werte unterminiert werden sollen. Bequemerweise vergisst man dabei natürlich, dass der Islam, wenn schon nicht in der Theorie, so doch in der Praxis, eine lange Tradition der Toleranz gegenüber allen Schattierungen der Sexualität hat.

Selbst engagierte Fürsprecher für die Rechte der LGBT in der arabischen Welt haben Probleme mit dem Konzept einer sexuellen Identität. „Was bedeutet es schon, eine sexuelle Identität zu besitzen, wenn wir hier im Libanon noch so viele andere Identitäten haben?“, fragte mich eine queere weibliche Aktivistin in Beirut und bezog sich dabei auf die große Vielfalt an konfessionsgebundenen, ethnischen und familiären Zugehörigkeiten in ihrem Land. Die noch viel fundamentalere Herausforderung ist, die eigene individuelle Sexualität mit den Ansprüchen der Familie und den familiären Verpflichtungen in Einklang zu bringen.

„Bei uns ist die Bindung an die Familie viel stärker [als im Westen]. Das liegt nicht daran, dass wir unsere Familie mehr lieben, als irgendein Amerikaner seine Familie liebt, sondern daran, dass unsere Familien uns versorgen, nicht der Staat. Der Staat wird mir kein Geld geben, wenn ich arbeitslos bin; der Staat wird mich nicht schützen, wenn ich auf der Straße angegriffen werde“, erklärt sie. „Wir existieren als die Töchter und Söhne und Ehefrauen und Ehemänner von jemandem. Als Individuum habe ich keine Akte bei der libanesischen Regierung. Registriert bin ich in der Akte meines Vaters. Wenn ich heirate, schieben sie mich in die Akte meines Ehemanns.“ Diese Argumentation ist überzeugend: Wie kann man eine sexuelle Identität besitzen, wenn man nicht einmal eine Identität als Person hat?

Die kollektive Kontrolle über das Leben von Individuen ist in der arabischen Welt, trotz der strahlenden neuen Verfassungen, in denen Persönlichkeitsrechte verankert sind, innerhalb und außerhalb der Schlafzimmer Realität. Die große Hoffnung des Arabischen Frühlings, diese Rechte zu verwirklichen, verblasst. Die Frage der Identität zieht die Frage nach Individualität nach sich, und die hat das Potenzial, nicht nur das Leben einzelner Menschen zu verändern, sondern das ganze autoritäre, patriarchale System, das sie gegenwärtig beherrscht.

Aus dem Englischen von Karola Klatt
 

 



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