Zusammen frei

von Lee Shui Chuen

Ich und alle anderen (Ausgabe IV/2016)


Vor hundert Jahren konstatierte der amerikanische Philosoph John Dewey: „Ein Individuum ist immer ein Individuum innerhalb einer Gesellschaft und eine Gesellschaft besteht aus Individuen.“ Beide als Ganzes seien demnach nicht voneinander zu trennen. Bereits vor über 2.500 Jahren stellte Konfuzius fest, dass eine Person, die danach strebe ihren Charakter zu formen, zugleich auch anderen dabei helfe. Das Streben nach einem herausragenden Charakter würde auch bei anderen den Wunsch wecken, herausragend zu sein.

Konfuzius und Dewey weisen beide auf die enge Verbindung von Individuum und Gesellschaft hin. Der Konfuzianismus ist keine Form des Kollektivismus. Genauso  ist es eine falsche Behauptung, dass Konfuzianismus und Liberalität einander ausschließen. Damit will ich nicht sagen, dass der Konfuzianismus irgendwo dazwischen liegt, sondern dass es Individuen und Gesellschaft in einer moralischen Einheit miteinander verbindet.

Der Konfuzianismus schätzt jedes menschliche Leben, denn jeder besitzt „ren“, was auf Deutsch so viel wie „Menschlichkeit“ bedeutet. Es ist Moral und praktische Vernunft in einem. Ren äußert sich in Form von Mitgefühl zwischen Menschen, besonders wenn sie eng miteinander verwandt sind oder sich sehr nahe stehen. Wir erleben es als besonders schmerzhaft, wenn wir sehen, wie unser Kind verletzt wird. Oder wir empfinden große Freude, wenn wir unserem Kind dabei zusehen, wie es fröhlich spielt. Dabei schwingt auch eine Art praktische oder moralische Schlussfolgerung mit, dass im ersten Fall etwas Schlechtes oder Böses passiert, während im zweiten Fall alles gut und schön ist. Rationale Urteile spielen eine Rolle in den moralischen Gefühlen, die wir in bestimmten Situationen empfinden. Für Konfuzianer erstreckt sich diese Art des Ein- oder Mitfühlens auf alle fühlenden Lebewesen und letzten Endes auf das gesamte Universum.

Darüber hinaus fordert diese Erscheinungsform von ren bisweilen eine Art bedingungslose moralische Pflichterfüllung anderen gegenüber. Zum Beispiel, wenn wir plötzlich ein Kind sehen, das von einem Lastwagen überfahren zu werden droht. Wir empfinden Angst und Beunruhigung und fällen zur gleichen Zeit das Urteil, dass das Kind sterben wird. Wir fühlen sofort die selbstauferlegte Pflicht, das Kind zu retten, obgleich wir wissen, dass es bereits zu spät ist.

Die moralische Qualität des ren motiviert uns somit dazu, nach unserer Pflicht zu handeln. Ren kommt der Moralphilosophie von Immanuel Kant also sehr nah. Menzius, der Nachfolger des Konfuzius, nennt dies auch unser „liang-chi“, unser moralisches Bewusstsein, das nicht nur Ausdruck unserer moralischen Autonomie ist, sondern auch eines Reichtums an moralischen Gefühlen und der Motivation zu handeln. Dieses moralische Bewusstsein zeichnet uns als Menschen aus. Es ist jedoch nur eine Knospe, die kultiviert werden und aufblühen muss, damit dieses moralische Bewusstsein alle unsere täglichen Verrichtungen leitet. Dies macht uns schließlich zu einem Mann der Tugend, einem „chun-zi“ („Gentleman“, „anständiger Mann“), einem Mann, der ren besitzt und letztendlich Weisheit erlangen kann. Im Konfuzianismus ist diese Kultivierung der Moral die wichtigste Aufgabe eines Menschen.

Konfuzianer begrüßen die moralische Freiheit und Gleichheit demokratischer Politik, da sie den bestmöglichen Schutz menschlichen Lebens und menschlicher Freiheit bieten. Trotzdem wäre eine konfuzianische Welt keine individualistische. Stattdessen betont der Konfuzianismus die Wichtigkeit von Beziehungen zwischen Individuen, zwischen Bürgern, denn ren ist im Kern immer auf andere bezogen. Es beginnt mit der eigenen Familie und dehnt sich von dort auf die gesamte Gesellschaft aus. Die Familie ist die moralische Gemeinschaft, die uns während unseres gesamten Lebens am nächsten steht. In den Jahren des engen Zusammenlebens teilen wir nicht nur alles mit der Familie, sondern haben für gewöhnlich auch ein hohes Maß an gegenseitigem Mitgefühl.

Die Erfahrung, die Familienmitglieder miteinander teilen, ist der gemeinsame Kern unserer eigenen Identität und unseres Selbstverständnisses. In der Familie bestehen für Konfuzianer die fundamentalsten aller menschlichen Beziehungen. Sie bezeichnen sie als „lun-chang“ („andauernde ethische Verbindung“). In Taiwan sagen wir: „Wenn einer krank ist, dann ist die ganze Familie krank.“ Wenn ein Patient einen Arzt aufsucht, wird er für gewöhnlich von einem oder mehreren Familienmitgliedern begleitet. Oft konsultiert der Arzt diese, um sich ein besseres Bild von der Situation eines Patienten und seinen Bedürfnissen zu machen. Der Patient ist in der Regel dazu bereit, sich mit seiner Familie zu beraten und ihr die endgültige Entscheidung zu überlassen. Wir bezeichnen das als relationale ethische Autonomie im Gegensatz zur individuellen, die im Westen vorherrscht. Sie zieht sich durch die Gesamtheit unseres täglichen Umgangs mit anderen, weil wir uns immer so verhalten, als würden wir als Repräsentant unserer ganzen Familie handeln.

In der chinesischen Geschichte hatte die Familie schon immer eine wichtige Funktion in der politischen Struktur des Landes. Sie ist nach außen hin unabhängig und funktioniert nach innen hin harmonisch. Dieses Modell des gegenseitigen Wohlwollens wird auch auf die politische Ebene übertragen. Hier besteht die Forderung, dass der Machthaber Verantwortung für die Bürger übernimmt, wie ein Vater für seine Kinder. Dies ist einer der fundamentalen Unterschiede in der sozialen Struktur zwischen der chinesischen und der westlichen Tradition. In der heutigen westlichen Welt ist die Familie in die private Sphäre verdrängt worden und spielt kaum eine politische Rolle mehr. Im Zuge der Modernisierungswelle haben sich die Familienbande heutzutage auch in chinesischen Gesellschaften gelockert.

Das Individuum ist angreifbarer für Anfeindungen von außen und läuft leichter Gefahr, sich von der Gesellschaft zu entfremden. Menschen werden unabhängiger und wirkliche Nähe ist nur noch schwer herzustellen. Persönlicher Vorteil und Profit werden das Wichtigste und die Menschen bekommen einen sehr kurzsichtigen Blick, was ihre Lebensziele angeht. Dadurch wird die Gesellschaft in ihrer menschlichen Entwicklung behindert. Zwar ist die Familie in den meisten chinesischen Gesellschaften noch ein funktionierendes Modell, jedoch sollten wir unsere Augen nicht vor den erodierenden Kräften eines kapitalistischen globalen Marktes verschließen.

Dies sind die Werte und der Ethos, die der Konfuzianismus die Chinesen lehrt. Jeder steht mit jedem in einer engeren oder loseren Beziehung. Das Individuum wird in erster Instanz von der Familie und in der zweiten vom Staat geschützt. Der Staat ist eine Einheit aller und wird als große Familie von Familien betrachtet. Die Menschen sind untereinander verbunden, zeichnen sich durch gemeinsame Interessen und gegenseitiges Wohlwollen aus und sind in unterschiedlichem Maße füreinander verantwortlich. Der Staat ist für die Bürger da, die ihm im Gegenzug ihre Loyalität und ihr Vertrauen schenken. Besonders da in der Geschichte immer wieder Diktatoren die staatliche Macht missbraucht haben, begrüßen die Konfuzianer das demokratische Modell als die praktische Umsetzung ihres Ideals eines für alle offenen und gerechten Staates. Die Bürger sollen sich innerhalb und außerhalb der Familie zu Hause fühlen. Der Staat ist ein gemeinsames moralisches Abenteuer sozial verbundener Individuen. Alle sollen gleichermaßen davon profitieren. So überwindet der Konfuzianismus die Dichotomie zwischen Kollektivismus und Individualismus, sowohl in China als auch im Westen.

Der Konfuzianismus betrachtet alles unter dem Firmament als Einheit. Nationalstaaten sind nicht das Endstadium politischer Strukturen. Ethnizität und Nationalität sind nichts als ein Zwischenstadium auf dem Weg zu einem Weltstaat. Letztendlich sind wir alle Teil derselben Familie und sollten gemeinsam in Harmonie auf der Erde leben. Der Schlüssel, um Differenzen aufgrund von Politik, Rassenzugehörigkeit oder Religion zu überwinden, ist gegenseitiges, wohlwollendes Mitgefühl. Dies ist das grundlegende Element, das wir lehren, dass jeder Mensch im Herzen ausbildet und das wir auch in unsere sozialen und politischen Institutionen integrieren müssen. Es ist diese Lehre, die der Konfuzianismus uns auf den Weg gibt, damit wir gemeinsam unser Leben in Frieden und Wohlstand genießen können.
 

Aus dem Englischen von Stephanie Kirchner



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