Links im Urwald

von José Gil Olmos

Ich und alle anderen (Ausgabe IV/2016)


Seit mehr als zwanzig Jahren existiert im Süden Mexikos ein de facto autonomes Gebiet: 38 indigene Gemeinden im Bundesstaat Chiapas regieren sich selbst, der Staat und politische Parteien bleiben außen vor. Diese besondere Form der Selbstverwaltung ist das Ergebnis eines bis heute offenen militärischen Konflikts: 1994 erklärte die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) dem mexikanischen Staat den Krieg, weil dieser die traditionellen Rechte der indigenen Bevölkerung wie die Selbstregierung nicht anerkannte. Seitdem haben die in den autonomen Gemeinden lebenden Mayas, die sich Zapatistas nennen, eigene Gesetze geschaffen und verwalten sich selbst.

Die Zapatisten haben die Waffen bis heute jedoch nicht niedergelegt. Truppen stehen bereit, um jedwede Agression der mexikanischen Armee zurückzuschlagen, die ihre Militärlager in der Nähe der Gemeinden eingerichtet hat. Dennoch hat sich die zapatistische Bewegung im Lauf der Jahre von einer Guerillabewegung zu einer sozialen Gemeinschaft entwickelt.

Die indigenen zapatistischen Dörfer organisieren sich hauptsächlich mithilfe politischer Versammlungen. Bei diesen Zusammenkünften diskutieren sie anstehende soziale, politische und wirtschaftliche Angelegenheiten, einigen sich auf Lösungen und wählen diejenigen, die sie für die Dauer von zwei Jahren anführen. Entscheidungen werden kollektiv, nicht individuell gefällt. Diese Form der Selbstverwaltung ist eine ursprüngliche Version der Demokratie, in der das Volk auf direkte Weise teilhat, ohne die Einmischung politischer Parteien oder staatlicher Institutionen.

Seit 2003 sind auf dem Gebiet der Zapatisten, das ein Drittel der Fläche des  Bundesstaates Chiapas umfasst, die sogenannten „Juntas der guten Regierungen“ (JBG) entstanden. Diese Räte bestehen aus einem Dutzend Indigenen – zur Hälfte Männer und zur Hälfte Frauen – und werden in lokalen Versammlungen gewählt. In den 38 autonomen Gemeinden stellen sie die höchste Autorität dar.

In den zapatistischen Dörfern existiert das Privateigentum neben dem Kollektiveigentum, Erträge aus gemeinsam bewirtschafteten Feldern werden geteilt. In der Gemeinde Roberto Barrios etwa bauen die Zapatisten Kaffee an und verkaufen ihn nach Spanien und Italien. In der Gemeinde Ernesto Che Guevara werden Mais und Kaffee gemeinsam angepflanzt, Kühe, Hühner und Kaninchen gehalten. Die Indigenen nehmen weder Hilfe der mexikanischen Bundesregierung, noch Zuwendungen der Parteien an. Kinder und Jugendliche gehen auf Schulen, die von ihnen selbst gebaut wurden. Die Lehrer dieser Schulen stammen aus den zapatstischen Gemeinden und unterrichten die Fächer Demokratie, Geschichte, Bürgersinn und Ökologie. Auch existiert eine medizinische Grundversorgung in kleinen Krankenhäusern, die die Indigenen ebenfalls selbst errichtet haben, und in einigen der Gemeinden haben die Zapatisten „Banken“ gegründet, die Geld ohne Zinsen leihen.

Dennoch leben die Zapatisten in keinem Paradies, sondern in einem rigiden System, in dem diejenigen, die mit den Entscheidungen des Kollektivs nicht einverstanden sind, aus den Gemeinschaften verstoßen werden. Aber auch von den Behörden werden die Zapatisten ausgegrenzt und immer wieder werden sie von Paramilitärs und Kokainhändlern bedroht. Für die Jüngeren erscheinen die Verlockungen der Konsumgesellschaft groß. Die Zapatisten kämpfen dafür, die Einheit und den inneren Zusammenhalt zu bewahren. Die junge Generation folgt den traditierten Regeln und selbst geschaffenen Gesetzen. Zwar steigen auch einige von ihnen aus und gehen in die Städte – es gibt aber keine Zahlen. Man hat zwar das Recht, anders zu leben, muss dann aber die Dörfer verlassen. Andere junge Zapatisten gehen in die Städte, um zu studieren, und dann, etwa als Ärzte, zurückzukommen.

Über die Jahre hat das Beispiel der Zapatisten auf die Region ausgestrahlt. Andere indigene Gemeinschaften haben sich nach ihrem Vorbild organisiert: etwa die Pueblos de la Montana de Guerrero oder die Coordenadora Cherán im Bundesstaat Michoacán, die sich seit 2011 selbst verwalten. Die zapatistischen Dörfer haben bis heute überlebt – mit einer Idee, die sie seit Jahren verbreiten: Eine andere Welt ist möglich.

Aus dem Spanischen von Timo Berger



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