Erste Worte

von Carolin Demuth

Ich und alle anderen (Ausgabe IV/2016)


In vielen nordeuropäischen Gesellschaften wird Wert darauf gelegt, einem Kind bei der Erziehung eigene Entscheidungen zuzugestehen und seine Selbstbestimmung zu fördern. Das war nicht immer so und ist in vielen Teilen der Welt anders. Die Bezugspersonen, mit denen Kinder kommunizieren, „rahmen“ deren Erleben. Sie weisen dem kindlichen Verhalten eine Bedeutung zu, schaffen einen Mikrokosmos sozialer Realität und vermitteln dem Kind bestimmte Vorstellungen über einen Zugang zur Welt, von sich selbst und von diesem Selbst in Bezug zu anderen.

In einer Studie untersuchte ich die Interaktionen von Müttern mit ihren drei Monate alten Säuglingen in Mittelschichtfamilien aus Münster und in Familien von Nso-Bauern in Kikaikelaki im Nordwesten Kameruns. In Münster spiegelten die Mütter das innere Erleben des Kindes, sie hielten engen Blickkontakt, griffen Signale des Kindes auf und erzählten Geschichten über das, was das Kind erlebt hatte. Oft wurde das Kind aufgefordert, selbst eine Geschichte zu erzählen, wie im folgenden Beispiel: Das Kind blickt die Mutter an und gibt einen Laut von sich. Die Mutter blickt das Kind an und sagt: „Ja! Ja, dann erzähl’s mir doch! Erzähl’s mir doch!“ Das Kind gibt erneut einen Laut von sich, die Mutter: „Tu’s doch! Ja. Kannst doch sonst so schön erzähl’n. Wollt’s heute Morgen nicht? Hm? Nein?“

Durch Frage-Antwort-Sequenzen, in denen die Mütter teilweise den Antwortteil des Kindes und Pausen mitliefern, initiieren sie ein sogenanntes Turn-Taking-Muster, also den Sprecherwechsel: Die Laute des Kindes werden von der Mutter mit einem „Ja“ bestätigt und somit als beabsichtigte Kommunikation interpretiert. In der Interaktion steht das Kind als scheinbar gleichberechtigter Partner im Mittelpunkt. Die Mütter nahmen häufig Bezug auf das individuelle und innerpsychische Erleben des Kindes.

In der Kikaikelaki-Gruppe zeigte sich ein anderes Muster. Es zeichnete sich durch aktive Strukturierung seitens der Mütter sowie durch rhythmische Lautmalerei und Sprechgesang aus, der mit rhythmischen Bewegungen einherging. Die Mütter forderten ihre Kinder nicht zur Spiegelung ihres „Innenlebens“ auf. Das herausstechende Merkmal der Interaktionen waren rhythmisch-musikalische Elemente wie Kehrreime und Wiederholungen der Lautmalerei. Das Kind wurde nicht unbedingt mit seinem Namen angeredet, sondern auch als „Junge“ oder „Mädchen“, als „Großmutter“ oder „Großvater“. Dies gilt in der Kultur der Nso als Zeichen von Respekt, da das Kind als von den Ahnen kommend angesehen wird.

Eine Nso-Mutter beginnt eine rhythmische Interaktion. Sie nennt den Sohn wiederholt beim Namen und beugt sich im gleichen Rhythmus zu ihm vor und zurück. Sie küsst den Jungen mehrmals und nennt ihn wiederholt bei seinem Namen: „Johnny, Johnny, Johnny.“ Dabei beugt sie sich zum Kind hin und wieder weg. Die Kommunikation wird zunehmend rhythmischer, indem sie beginnt, den Säugling nun im gleichen Rhythmus auf und ab zu heben. Die Mutter wiederholt dieses Muster und küsst das Kind erneut. Sie lehnt sich zurück und sagt „Grandpa boy“.

In diesen Mustern liegt der Fokus weniger auf dem individuellen Erleben des Kindes, sondern auf der Erhaltung des Rhythmus. Auf der metakommunikativen Ebene wird Aufmerksamkeit sowie enge emotionale Verbundenheit durch synchrone gemeinsame Erfahrung vermittelt. Die Mutter „gibt den Takt an“. Nach den ersten Lebensmonaten kümmern sich verstärkt auch ältere Geschwister um den Säugling oder auch weitere Bezugspersonen aus der Dorfgemeinschaft.

In westlichen Mittelschichtsfamilien werden also individuumsbezogene Erziehungsziele wie Individualität, Selbstverwirklichung und Ausdruck eigener Ideen und Wünsche geschätzt. Traditionell lebende Nso-Bauern halten vor allem die Integration in die hierarchisch strukturierte Gemeinschaft sowie Ehrlichkeit, Kooperation und soziale Verantwortung für wichtige Erziehungsziele. So stellen sie einen starken sozialen Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft sicher. In beiden Fällen stellen die Sozialisationspraktiken eine angemessene Vorbereitung für die Eingliederung in die jeweilige Gesellschaft dar.

Diese Beispiele machen deutlich, dass Erziehungspraktiken, mit denen wir in unserer jeweiligen Gesellschaft vertraut sind und die uns als richtig erscheinen, nicht ohne Weiteres auf andere Kulturen übertragen werden können. Gerade im Hinblick auf die wachsende Zahl migrierender Familien aus nichtwestlichen Gesellschaften sollten wir uns dessen bewusst sein und fremde Erziehungsformen nicht vorschnell verurteilen.



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