#starkes erbe

von Saba Khalid

Ich und alle anderen (Ausgabe IV/2016)


Als ich anfing, diesen Artikel über Qandeel Baloch, eine Berühmtheit in den sozialen Netzwerken in Pakistan, zu schreiben, wusste ich nicht, was ich den deutschen Lesern über diese Frau erzählen sollte.

Sollte ich das Bild beschreiben, an das ich glaubte, bevor sie starb? Das einer jungen, einsamen, gelangweilten Pakistanerin, die aus ihrem Zimmer in Karatschi regelmäßig provokante Videos online stellte und etwa der pakistanischen Cricket-Mannschaft beim Sieg gegen Indien einen Striptease versprach? Das Bild einer Witzfigur, das geifernde, geile pakistanische Männer anturnte? Oder sollte ich erzählen, was ich erfuhr, nachdem die junge Frau am 15. Juli 2016 im Alter von 26 Jahren von ihrem drogensüchtigen Bruder Waseem erwürgt worden war? Einem Mann, der „mutmaßlich“ von Mufti ­Ahmed Qawi angestachelt worden war, einem populären Islamgelehrten, dessen Lüsternheit Qandeel einige Wochen vor ihrem Tod in einem Internetvideo enthüllt hatte. Das Video hatte sich in den sozialen Medien rasend schnell verbreitet und die Gefühle vieler Gläubiger in Pakistan verletzt.

Diese Geschichte würde von einem missbrauchten Mädchen aus einer armen Gegend Pakistans handeln, das immer sehr hart gearbeitet hatte und das sein Unglück und sein Umfeld dazu benutzte, sich in eine mutige, liberale Feministin zu verwandeln. Es hatte den Kampf gegen die Heuchelei der pakistanischen  Gesellschaft und gegen die infamen Männer, die sich seit Jahrzehnten unter den Mänteln der „Muftis“ und „Mawlawis“, der islamischen Gelehrten, versteckt haben, aufgenommen.

Oder sollte ich erzählen, was ich noch später herausfand, nämlich dass Qandeels richtiger Name Fouzia Azeem war und sie im Alter von 17 Jahren zwangsverheiratet worden war? Dass ihr Mann sie in der kurzen Zeit ihrer Ehe fortwährend missbraucht, ihr den Sohn weggenommen und sie gar keine andere Wahl gehabt hatte, als wegzulaufen und nach Karatschi zu gehen?

Oder sollte ich berichten, was meine Familie und einige meiner engsten Freunde in Pakistan glauben? Dass Qandeel eine „Schlampe“ war, die Pakistan entehrt, den Islam diffamiert, ihre Familie missachtet, den Ehrenkodex der Gemeinschaft der Paschtunen oder der Sindhis oder der Punjabis oder einfach ganz Pakistans verletzt und ihren Bruder beschämt hatte und deshalb verdient hatte zu sterben? Dass sie einen schrecklicheren Tod verdient hätte als durch Strangulierung, bei der das Leben langsam, aber sicher entweicht?

Oder sollte ich schreiben, was ich von Freunden, Verwandten und Kollegen zu hören bekam? Dass ich selbst auch eine „Schlampe“ sei und „ehrlos“, wenn ich mich mit meinen Worten für sie einsetze – mit lauten am Esstisch und mit leisen bei Facebook? Und wie immer verstummten alle Seiten beim nächsten Bombeneinschlag, bei der nächsten Vergewaltigung, dem nächsten Ehrenmord, der nächsten Tötung, die noch so viel schrecklicher war, dass Qandeels Ehrenmord sich dagegen wie ein tiefer, friedvoller Schlaf ausnahm.
Das Schwierige an Qandeel Balochs Tod ist: Er lässt pakistanische Frauen wie mich ein bisschen wahnsinnig werden.

Je mehr ich von ihrer Geschichte erfuhr, umso mehr Ähnlichkeiten fand ich zwischen dieser „unehrenhaften“ Pakistanerin und mir. In dem Café des Fünfsternehotels, das ich täglich besuche, um zu schreiben, erzählten mir die Kellner, auch Qandeel hätte hier viel zu oft gesessen und sich mit verschiedenen Männern getroffen. Einige hätte sie mit auf ihre Zimmer genommen, andere hätten ihr Essen bezahlt. Bei meiner Recherche stieß ich auf Bilder, die sie in einem roten Bikini vor einem Schwimmbecken in Karatschi zeigen, in das ich selbst regelmäßig springe, wenn auch in einen sittsamen schwarzen Burkini gehüllt.

In einem Fernsehinterview offenbart sie, dass sie „die gleichen Dinge mag, die Jungs tun“. Sie könne nicht verstehen, warum manche Dinge für Männer okay seien, für Frauen aber nicht. In diesem Gespräch trägt sie einen frechen ­Badeanzug mit einem Schaltuch über der Brust, das sie, da bin ich mir sicher, nur auf Verlangen des Senders umgelegt hatte, damit die pakistanische Zensurbehörde nicht einschreitet. Sie unternimmt kaum etwas, um ihr Dekolleté bedeckt zu halten, nicht einmal als ein anderer Gast, ein dickbäuchiger älterer Herr, sie lüstern anstarrt und ihr vorwurfsvolle Fragen stellt.

„Ich fahre gern Fahrrad“, sagt sie in diesem Interview. „Was ist, bitteschön, an Fahrradfahren verkehrt?“ Das ist eine Frage, die ich selbst in Pakistan schon oft gestellt habe – in Worten und auf meinen eigenen Fahrradtouren. Abgesehen vom Schwimmen und Fahrradfahren waren Qandeel und ich beide zu einem der größten Events der Unterhaltungsbranche, den Lux Style Awards, eingeladen. Sie als Entertainerin auf der Bühne, ich als Journalistin davor. Unsere Wege kreuzten sich ständig, wir liebten dieselben Orte. Ist sie jetzt tot und ich am Leben, weil ich so „klug“ war, meine aufständische Haltung unter einem Schleier der Scheinheiligkeit zu verbergen?

Mein Glück ist, dass ich in den Wohlstand hineingeboren wurde und auf gute Schulen gehen konnte. Ich war nie gezwungen, meinen Körper zu verkaufen, um meine Familie zu ernähren. Ich lebe noch, weil mein Umfeld dafür sorgt, dass ich von vertrauenswürdigen männlichen Chauffeuren und Sicherheitsleuten in Fünfsternerestaurants, private Fitness-Clubs, Einkaufszentren und an Arbeitsplätze kutschiert werde. Aber zuallererst bin ich deshalb am Leben, weil ich glücklicherweise einen Vater habe, dessen „Ehre“ nicht von seiner Tochter geschützt werden muss.

Nähme man mir diese „Privilegien“, dann könnte ich auch zur Protagonistin einer solchen Tragödie werden. Würde ich es wagen, in Pakistan genauso draufgängerisch, ehrlich und mutig zu leben, wie Qandeel es tat? Wenn ich es täte, würde mich dann das gleiche Schicksal ereilen oder ein noch schlimmeres? Wer würde sich meinen Tod stolz ans Revers heften? Ein rasender Cousin oder eine Schwester, die von der Gesellschaft oder einem Ehemann zur Bösartigkeit getrieben wurde?

Qandeel war an Morddrohungen gewöhnt, die sie im echten Leben und in den sozialen Netzwerken wegen der Zurschaustellung ihrer Schenkel und ihres Dekolletés erhielt. Als sie das Hotelzimmer des Religionsgelehrten ­Mufti Ahmed Qawi betrat, der sie angeblich eingeladen hatte, um sich mit ihr eine schöne Zeit zu machen, geschah das, was sie unwiederbringlich von Gnade in Ungnade fallen ließ: Spottend setzte sie sich seine religiöse Kopfbedeckung auf, lief mit einem Selfie-Stick durch den Raum und verbreitete das Geschehen als Video im Netz.

Das Video beherrschte die pakistanischen Medien für Wochen. Die Religiösen zeterten, es sei eine Verschwörung gegen den Islam und seine Führer. Die Liberalen schrien, dass ­Qandeel etwas getan habe, was vor ihr noch niemand geschafft habe: die völlige Bloßstellung der Mullahs und Muftis. Und Feministinnen wie ich waren verwirrt und grübelten, in welche Schublade sie nun passte: War sie eine Revolutionärin oder hat sie den Kampf für Frauenrechte mit ihren entblößten Schenkeln untergraben? Bevor irgendjemand eine echte Antwort darauf wusste, weckte uns die Nachricht von Qandeels Ermordung.

Plötzlich wurde sie in den sozialen Netzwerken von Feministen, Künstlern, Liberalen und Kreativen zur bejubelten Heldin stilisiert. Es kursierten wunderschöne Darstellungen ihres herausfordernden Blickes. Wagemutige Frauen taten kund, dass auch sie sexuelle Wesen seien und dass sie stolz darauf wären. Andererseits Andererseits sei es auch beschämend, dass eine „Schlampe“ zu unserem „Vorbild“ aufsteige. Einige waren der Ansicht, sie hätte in einem sicheren anderen Land den Aufstand proben sollen. Aber was wäre das für ein Aufstand gewesen, den sie von einem behaglichen Ort außerhalb Pakistans ausgeführt hätte?

Dieser Mord hat mich daran erinnert, dass Menschen wie Qandeel in Pakistan von denen umgebracht werden, die ihnen am nächsten stehen. Sie werden mundtot gemacht, wenn sie über die Ketten der Gesellschaft stolpern und sie offenlegen oder jene religiösen Männer enttarnen, die uns Frauen auf ewig in Knechtschaft halten wollen. Qandeel könnte wie ich heute noch am Leben sein. Wenn ihre Geschichte nicht erzählt werden würde, bliebe die Heuchelei unentdeckt und die Mullahs behielten ihre Würde. Aber so war diese Frau nicht! Ich hoffe, dass ich so sein kann wie sie.

Der einzige Silberstreif am Horizont dieser Tragödie ist, dass die Regierung Artikel 311 des Strafgesetzbuches geltend gemacht hat und damit verhindert, dass Qandeels legale Nachkommen ihren Bruder begnadigen können. Die Scharia regelt, dass durch die Zahlung von sogenanntem Blutgeld, „diyya“, alle Sünden gesühnt werden können. Es gibt etliche religiöse Parteien in Pakistan, die als Sühneleistung für Qandeels Bruder eine große Summe zusammenbringen würden.

Die Frauenrechtsaktivistin und Dokumentarfilmerin Sharmeen Obaid Chinoy sieht dies als einen wichtigen Schritt hin zu stärkeren Rechten und mehr Schutz von Frauen in ­Pakistan: „Jahrzehntelang kamen die Täter von Ehrenmorden ungeschoren davon, weil das Gesetz den Ehrenmord als Angriff auf das Individuum sah statt als Angriff gegen den Staat. In Qandeels Fall hat die Polizei den seltenen Schritt getan, sich selbst zum Kläger zu machen, und damit dem Bruder die Möglichkeit genommen, ungestraft davonzukommen. Genau das haben wir Frauen uns von der pakistanischen Polizei seit Langem gewünscht.“ Diese Worte geben mir die Hoffnung, dass Qandeels tragische Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, ihr Bruder nicht derjenige sein wird, der am Ende Vergebung findet, und ihr schwacher Vater nicht der, der umkippt.

Aus dem Englischen von Karola Klatt
 



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