Football Nation

Peter Kettner

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


In dem Film „Snatch“ von Guy Ritchie wird England wie folgt definiert: „Bad food, bad weather, Mary f***ing Poppins“. Das greift zu kurz. Wo bleibt der Fußball? David f***ing Beckham? 


Traditionell treten die britischen Mannschaften allesamt mit einem eigenen Nationalteam an: England, Schottland, Wales und Nordirland. Warum also wird in einem Heft über Großbritannien nur von England als Fußballnation die Rede sein? Schlicht deshalb, weil es die unendlich große Menge an Geschichten auf ein Viertel von unendlich eingrenzt. 


England als Mutterland des Fußballs stellt einen ganz besonderen Anspruch an sich und seine Wahrnehmung in der Welt. Als 1930 die erste Fußballweltmeisterschaft in Uruguay ausgetragen wurde, nahm England nicht teil: Man hielt den Rest der Welt für unwürdig, sich mit englischen Kickern zu messen. Aus dieser Zeit ist den Engländern bis heute ein erstauntes Entsetzen darüber geblieben, dass ihre Nationalmannschaft nur einen einzigen internationalen Titel gewinnen konnte – in Wembley 1966. Der Ball war nicht im Tor, nur um das mal zu sagen. In England hält sich seitdem das Gerücht, Deutsche reagierten auf dieses Spiel empfindlich: Don’t mention the goal! 


Es wäre allerdings unfair, Englands Beitrag zur Fußballgeschichte in schnöden Welt- oder Europameisterschaftstiteln zu messen – immerhin verdankt die Welt England auch die echten Fußballtitel: Die Queen hat Sir Bobby Robson, Sir Stanley Mathews, Sir Bobby Charlton und aus der aktuellen Riege auch Sir Alex Ferguson (einen Schotten!) wegen ihrer Verdienste um das Vaterland, sei es als Trainer oder Spieler, geadelt. Da kann keiner mithalten, weder Brasilien (fünf Weltmeistertitel) noch Italien (vier) und schon gar nicht wir Deutsche (drei).


Mitte der 1980er-Jahre galt der englische Fußball als so etwas wie der Gegenentwurf zur zivilisierten Lebensform, als menschengemachte Unkultur. Zu viele Katastrophen, zu viele Hooligans, die prügelnd über ganze Städte herfielen. Tiefpunkt dieser Entwicklung war der 29. Mai 1985, als vor dem Europapokal-Endspiel zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool im Brüsseler Heyselstadion englische Hooligans eine Massenpanik auslösten, in deren Folge 39 Juventus-Fans starben. 


Heute sind die englischen Stadien voller Mittelschicht, Väter mit ihren Söhnen und Softdrinks auf familientauglichen Sitztribünen und in wohltemperierten Lounges. Stadien sind eingebettet in Erlebnisparks. Yuppies im Stadion – das hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturelle Folgen, die sich ausdrücken in einer zunehmenden Verbürgerlichung des Fußballs. Diese fand ihren deutlichsten Ausdruck in dem Buch „Fever Pitch“, mit dem Nick Hornby seine Schriftstellerkarriere begründet hat. Es ist die Geschichte seiner Liebe zu Arsenal London. Der englische Autor bewies: Man kann samstags in Stadien gehen, grölen und fiese Lieder singen – und trotzdem ein zivilisiertes Leben führen, an Kultur interessiert sein und Steuern bezahlen. Hier zeigt sich im Übrigen auch die wunderbare Funktion von Kultur: Ein Roman schaffte Verständnis für eine Passion, die Menschen ohne Vorliebe für Fußball ansonsten fremd geblieben wäre. Danke, Nick Hornby! 


Das Besondere am deutsch-englischen Fußball-Verhältnis hat Gary Lineker, der ehemalige englische Weltklassestürmer, einmal mit dem Satz umschrieben: „Football is a simple game: 22 men chase a ball for 90 minutes and at the end, the Germans win.“ Zur deutsch-englischen Fußballkultur gehören auch eine Reihe deutscher Legionäre, die das Deutschlandbild in England nachhaltig prägten. Darunter ist neben Jürgen Klinsmann und Michael Ballack auch der in Deutschland wenig bekannte Bert Trautmann, der in englischer Kriegsgefangenschaft als Torwarttalent entdeckt wurde und 545 Mal für Manchester City spielte. Berühmtheit erlangte er vor allem deshalb, weil er sich im Cupfinale 1956 das Genick brach, fünf weitere Halswirbel ausrenkte – und weiterspielte. Sein Überleben gilt bis heute als Wunder – ebenso wie vielen der Cupgewinn von Manchester City. Bis heute hat sich in beiden Ländern eine Kultur des versteckten Bewunderns gehalten. Die Deutschen bewundern die Premier League, den direkten Fußball, das hohe Tempo, die Engländer die deutschen Stadien und den Erfolg deutscher Nationalmannschaften. Es gibt – aus deutscher Perspektive – wirklich unangenehmere Gegner als England, und das nicht nur, weil die so toll verlieren können, sondern auch weil Spiele gegen England meist wirklich unterhaltsam sind. 


Wie beendet man nun eine viel zu kurze Auswahl zum englischen Fußball? Der Schluss fällt fast noch schwerer als der Anfang. Vielleicht gelingt er am ehesten mit einem Zitat des langjährigen schottischen Trainers des FC Liverpool, Bill Shankly: „Some people think football is a matter of life and death. I assure you it’s much more serious than that.”



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