Hart, aber fair

Jeremy O‘Grady

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


„Mit ihm zu debattieren, macht keinen Spaß”, beschwerte sich einmal der frühere britische Premierminister Harold Wilson über einen politischen Gegner. „Sagt man etwas Beleidigendes, schaut er gleich wie ein verprügelter Hund.” Wilson war überzeugt davon, dass eine Meinungsverschiedenheit über selbst das ernsteste Thema sowohl Kampf als auch Vergnügen sein kann und sollte. Diese Ansicht teilen auch die Menschen, die heute an öffentlichen Debatten in London teilnehmen, wo sich während der letzten zehn Jahre der verbale Schlagabtausch zu einer beliebten Form der Unterhaltung entwickelt hat. Die Leute dort wissen – genau wie Wilson –, dass eine kunstfertige Beleidigung oder eine improvisierte Herabsetzung unabdingbare Bestandteile der Debattierpraxis sind. Das mag für Menschen, die nicht mit dieser britischen Tradition aufgewachsen sind, schwer zu begreifen sein.


Die britische Vorliebe, die Debatte als eine fein-wilde Form der Unterhaltung zu verstehen, hat tiefe Wurzeln. Teilweise beruht sie auf der langen Tradition des Zweiparteiensystems in Großbritannien, wodurch Sachverhalte bevorzugt in Ja-Nein-Kategorien definiert werden, sodass die Regierungsmehrheit parlamentarische Anträge ablehnen oder annehmen kann, anstatt über sie zu verhandeln. Sie kann auch auf den Kult um den britischen Gentleman zurückgeführt werden, der, selbst wenn er ein Schaukelpferd reitet, Haltung bewahren muss. Und er muss flexibel genug sein, um unter Umständen eine Meinung, die er selbst gar nicht teilt, nachdrücklich zu verteidigen. Die talentiertesten britischen Redner, darunter Winston Churchill, Charles Dickens, Oscar Wilde und ebenjener Harold Wilson, zeichneten sich dadurch aus, dass ihre leidenschaftliche Überzeugung von der Richtigkeit der eigenen Meinung mit einer Bereitschaft einherging, mit Humor anstelle von Empörung zu antworten, wenn diese Meinung herausgefordert wurde. 


Das britische Unterhaus und die Idee des Gentlemans haben die „Oxford Union“ und „Cambridge Union“, die Debattierklubs der berühmtesten britischen Universitäten, geprägt. Diese Klubs sind seit dem frühen 19. Jahrhundert Bastionen der Debattierkunst. Damals schlossen sich Studenten zusammen, um sich der Universitätsführung, die den freien Austausch von Ideen unterbinden wollte, zu widersetzen. Heute findet man Debattierklubs an den meisten führenden Universitäten und Schulen in Großbritannien, insbesondere an den großen Privatschulen, wo die Schüler die Fähigkeit entwickeln sollen, einen Standpunkt zu jedem beliebigen Thema anzugreifen oder zu verteidigen.


Am Ende des 20. Jahrhunderts war die Debattierkunst immer noch ein lebendiger Bestandteil der britischen Schüler- und Studentenkultur. Aber seltsamerweise war sie außerhalb davon, in der Erwachsenenwelt, fast erstarrt. Außer im Parlament hatten Erwachsene kaum Gelegenheit, diese Tradition zu verfolgen, die ein solch bestimmender Faktor ihrer Jugend war. Manchmal veranstaltete vielleicht eine Zeitung eine Debatte, aber das waren in der Regel gesittete Veranstaltungen in zugigen Sälen, zugeschnitten auf ein Expertenpublikum. Zu Beginn des neuen Jahrtausends veränderte sich auf einmal alles: Eine Anzahl von Einrichtungen wie das „Institute of Ideas” und das „Institute of Contemporary Arts“ begannen, regelmäßige Debatten abzuhalten. Im Jahr 2002 gründeten dann der Medienunternehmer John Gordon und ich die Organisation „Intelligence Squared“. 


Unser Ziel war ein neues, unabhängiges und hochkarätiges Diskussionsforum. Wir wollten einen Ort schaffen, wo die Öffentlichkeit das „intellektuelle Lanzenstechen“ nicht nur als Zuschauer verfolgen, sondern selbst am Wettstreit teilnehmen kann. Das Grundmuster von unseren Debatten ist das der Debattierklubs von Oxford und Cambridge: Zwei oder drei Redner auf jeder Seite wenden sich abwechselnd in rund zehnminütigen Plädoyers an das Publikum und verteidigen oder attackieren eine bestimmte These. Dann stellen sie sich den Fragen der Zuhörer, bevor sie einen letzten Einwand für ihre Seite vorbringen. Schließlich stimmt das Publikum ab, wer der beste Redner ist. Zu diesem Grundrezept geben wir aber einen Schuss Show und Spektakel, etwa absichtlich provokante Formulierungen der Thesen: „Obamas Außenpolitik ist ein Geschenk an seine Feinde“ „Alles, was ein Mann tut, tut er, um flachgelegt zu werden“ „Der Ärmelkanal ist breiter als der Atlantik“. Solche Thesen ziehen das Publikum viel eher an als die Aussicht, eine gesittete Diskussion zum Thema amerikanische Außenpolitik, Sozialdarwinismus oder Großbritanniens Beziehung zu Europa beizuwohnen. Wir machten auch Änderungen am Format der Debatten. Eine Schlüsselrolle spielt heute eine Abstimmung vor jeder Debatte. Während die Zuschauer den Saal füllen, werden sie gebeten, mit „für“, „gegen“ oder „weiß nicht“ ihre Meinung zum Thema auszudrücken, bevor sie die Argumente der Redner hören. Das Ergebnis der Abstimmung wird noch vor Eröffnung der Debatte bekannt gegeben. Normalerweise stimmt rund ein Drittel der Zuschauer mit „weiß nicht“. Um diese Wähler geht es den Rednern. Die Vorabstimmung ist daher ein nützliches Hilfsmittel, um zu messen, wie rhetorisch erfolgreich die Redner waren, die Unentschiedenen für ihre Sache zu gewinnen. Und die Dramatik des Abends liegt nicht darin, welche Seite die Mehrheit der Stimmen erhält, sondern hauptsächlich darin, welche die größte Anzahl Wechselwähler an sich binden kann. 


Die 750 Sitze bei unseren monatlichen Veranstaltungen im Ondaatje Theater der Royal Geographic Society sind regelmäßig ausverkauft. Wie kommt es zu dieser Renaissance der Debattenkultur? Teilweise liegt es daran, dass die Debatten Gelegenheit bieten, Menschen zu hören, die das Geschehen auf dieser Welt mitbestimmen – und ihre Meinungen infrage zu stellen. Da hört man, wie Richard Perle die neokonservative Agenda für den Irakkrieg verteidigt oder wie der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat erklärt, dass er seine Tochter liebend gern auf eine israelische Universität schicken würde. Die Zuschauer merken, dass sie aus erster Hand erfahren, was wirklich in der Welt vorgeht. Daher sind wohl die Debatten zur Außenpolitik so besonders gefragt.


Teilweise liegt der Erfolg der Debattierforen daran, dass die Veranstaltungen genauso viel mit Spaß und Glamour wie mit intellektuellem Ernst zu tun haben. Nach einem Kino- oder Theaterbesuch ist es schwer, mit einem Fremden ins Gespräch zu kommen. Eine Debatte dagegen ist ein natürlicher Eisbrecher. 


Aber der Hauptgrund für den Erfolg der neuen Debattenkultur in Großbritannien liegt vielleicht im intellektuellen Aufbau des Debattenformats selbst. Die vorherrschende Annahme vieler Zeitungen und Radiotalkshows ist, dass die Leute es im Grunde sehr gern haben, wenn sie in ihren Vorurteilen bestärkt werden. Und das stimmt. Gleichzeitig gefällt es den Menschen aber auch, wenn ihre Ansichten herausgefordert und sie vielleicht sogar von einer Meinung überzeugt werden, von der sie nicht gedacht hätten, dass sie sie vertreten könnten. Es ist das Vergnügen, freudig überrascht zu sein, nachdem man sich die Mühe gemacht hat, eine Sache ganz zu durchdenken. Dieses Bedürfnis befriedigt die Medien- und Unterhaltungsindustrie sehr selten.


Ist die britische Debattenkultur etwas, das nur auf britischem Boden gedeihen kann? Einmal erzählte uns der Leiter einer führenden schwedischen Stiftung, dass Veranstaltungen wie unsere in seinem Land niemals funktionieren würden: „Ihr versteht das nicht“, sagte er. „In Schweden können wir unsere intellektuellen Ansichten nicht von unseren Persönlichkeiten trennen. Wenn man jemanden gnadenlos aufgrund seiner Meinung angreift, ist das gleichbedeutend mit einem Angriff auf ihn oder sie selbst.”


Das mag stimmen. Aber in Großbritannien ist die Fähigkeit, Ernsthaftigkeit mit grausamem Witz zu durchsetzen, einen Spaß über sich ergehen zu lassen und den Unterschied zwischen Grobheit und rhetorischer Herabsetzung zu verstehen, hoch angesehen. Genau wie sich ein Judochampion nach einem Kampf vor seinem Gegner verbeugt, ganz gleich wer gewonnen hat, setzten sich die Redner nach jeder Debatte meist zu einem Essen zusammen. Denn das ist ja gerade der Spaß dabei.
 
 

Aus dem Englischen von Rosa Gosch



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