Am Robbenkap

Robin Robertson

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Man erkannte ihr Haus an den zugezogenen Vorhängen,
den auf der Begrenzungsmauer platzierten Kormoranen,
den schwarzen Kreuzen ihrer Flügel, aufgehängt zum Trocknen.
Man fand es dank der Eberesche und der Kiefer, die es
vorm Meer und dem kurzen Licht der Sonne verbargen,
und dank Aonghas, dem Collie, der vor der Tür lag,
wo er starb: Ein Gestell aus Knochen wie eine zugeschnappte Falle.

Eine Gabel von Nonnengänsen flog vorbei mit diesem langsamen
Quietschen rostiger Sägen. Des bitteren Meeres vorwurfsvolles Zerren
und Wogen ein Gurren von Tauben, die aus dem Wald aufstiegen.

Sie hatte vier Söhne, das wußte ich sehr wohl,
jeder mit Makel. Allesamt blind geboren, heißt es,
mit offenem Mund und einfach, mit Schwimmfüßen,
klapprig wie Stöcke. Schöne Gesichter, versichert man mir,
aber ausdruckslos wie die Luft.
Einmal sah sie jemand draußen, wie sie zum Strand
humpelten, dabei wie die Ratten zwitscherten,
und sagte, sie wären hervorragende Schwimmer,
aber das hätte ich mir denken können.

Ihr Mann verließ sie: Sagte,
sie könnten nicht von ihm sein, sie wären
mehr Fisch als Mensch,
sagte, sie wären verzaubert
und suchte ihre Haut nach den untrüglichen Malen ab.

Jahrelang hegte sie jede dieser schwierigen Flammen:
Ihre straffen, flackernden Körper.
Jede Nacht schloß sie die Schuppen
ihrer Augen, um das Feuer zu ersticken.

Bis er wiederkam,
ein letztes Mal,
schwerfällig vom Schnaps, sagte,
er habe genug davon gehabt,
all die Hexerei,
und ließ sie in einer Reihe
vor ihren Betten stehen
und zucken. Ihre Hände
flatterten Heringsaugen
rollten in ihren Köpfen.
Er ging die Reihe ab,
ließ einen nach dem anderen
mit einem kleinen Messer
erschlaffen.

Man sagt, sie gehe jede Nacht hinaus und lege
Decken auf die Gräber, um sie warm zu halten.
Das Ausmaß ihrer Trauer sei erschreckend.

Ein Otter raschelte in den Blättern, ein Reiher
schritt langsam übers Wasser hin, als ich bei Anbruch
des Tages zu ihrer Tür zurückkehrte.

Sie hatte vier Steine in eine Halskette gefaßt, trug
vier Ringe an der Hand, die mich am Zimmer vorbeiführte,
in dem vier kleine Kerzen brannten,
und das sie das „Regenzimmer“ nannte.
Milchiger Rauch stieg vom Kaminrost auf
wie ein Wasserfall rückwärts
und sie nannte meinen Namen
und es war das Einzige
und das Letzte, was sie sagte.

Sie gab mir das auf Frost gebettete Ei einer Feldlerche
gab mir Locken vom Haar meiner vier Söhne gab mir
den Kopf ihres Manns in einer hölzernen Kiste.
Dann gab sie mir das Seehundfell und ich streifte es über.

Aus dem Englischen von Jan Wagner



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