Die Spielmacher

Lyndsey Turner

Großbritannien (Ausgabe I/2010)


Seit Shakespeares Zeiten sind Autoren die treibende Kraft des britischen Theaters. Das alte englische Wort „audience“, Zuhörerschaft, stammt aus einer Epoche, als das Publikum ins Theater ging, um ein Stück zu „hören“. Ungeachtet des Austauschs mit anderen Kunstformen und dem Einsatz neuer Medien wird im britischen Theater immer noch dem Autor der kreativste Teil der Arbeit zugesprochen. Ein Kritiker in Großbritannien wird viel eher die Premiere des Erstlingswerks eines neuen Autors besprechen als die Neuinszenierung eines Klassikers.


Seit den 1990er-Jahren nimmt die Entdeckung und Aufführung von Stücken neuer Autoren an Bedeutung zu. Heute ist es schwierig, in Großbritannien ein Theater zu finden, das nicht mindestens zu 25 Prozent neue Werke auf dem Spielplan stehen hat. Die Kultur des Royal Court Theatre in London, gegründet 1956, liefert die Blaupause für diesen Boom neuer Theaterautoren. Am Royal Court arbeiten Autoren auch bei Rollenbesetzung und im Marketing mit. Bei der Wahl des Regisseurs und der Entscheidung über die Art und Weise, wie das Stück inszeniert werden soll, hat der Autor das letzte Wort. Ohne seine ausdrückliche Erlaubnis darf keine Zeile des Originaltextes entfernt oder geändert werden. Für sein Erscheinen bei den Proben erhält er eine Aufwandsentschädigung.


In den 1990er-Jahren mischten Autoren wie Mark Ravenhill, Sarah Kane, Anthony Neilson und Joe Penhall die Szene auf und schockten mit moralischen und sexuellen Tabus. Die heutige Generation junger Theatermacher hat neue Wege gefunden, Grenzen aufzulösen: Immer mehr klassische Theatergebäude werden zugunsten zufällig gefundener Orte, heruntergekommener Lagerhäuser und leer stehender öffentlicher Gebäude aufgegeben. Die neuen Werke befassen sich eher mit Tanz, Installationskunst und Rockmusik als mit traditionellen Begriffen von Form und Inhalt. Die Wurzeln des britischen Theaters greifen jedoch tief: Junge Theaterautoren sehen sich in der Tradition eines Theaters, das seine Besucher mit „Nachrichten“ von der Straße versorgt. Lucy Prebble, etwa, beleuchtet mit einem Stück über den US-Energiekonzern ENRON die Wirtschaftskrise, Mike Bartletts Arbeiten befassen sich mit der Gehirnwäsche durch Unternehmen oder der Kultur der Haushaltsverschuldung und Bola Agbajes Stücke handeln von jungen schwarzen Londonern, die versuchen, einen eigenen Weg zu gehen. Das Werk der drei ist offen politisch inhaltslose formelle Experimente betrachten sie als unnötigen Luxus.


Viele Theater im Land nutzen die Wandelbarkeit des Schauspiels, um auf gegenwärtige Probleme Antworten zu geben: In den vergangenen zehn Jahren war ein Boom beim Verbatim Theatre („Wörtliches Theater“) zu verzeichnen. Menschen strömen in die Theater, um sich „Reals“ – „Tatsachen“ anzuhören: Zeugenberichte eines Zug-unglücks oder einer Schießerei sowie Interviews mit Bankern und Politikern während der Finanzkrise haben alle ihren Weg auf die Bühnen in Großbritannien geschafft. Das Tricycle-Theatre in London ist sehr erfolgreich mit „tribunal plays“, einer Art von Schauspiel, in dem wichtige Gerichtsverhandlungen und Ausschusssitzun-gen der Regierung von Darstellern nachgesprochen werden.


Großbritanniens großer Wunsch nach neuen Stimmen im Theater verlangt nach ständig neuen Autoren. Diese werden aber nicht nur im Land selbst, sondern auch im Ausland gesucht: Seit 21 Jahren betreibt die internationale Abteilung des Royal Court ein Stipendienprogramm jeweils für die Dauer von einem Jahr. Unter der Leitung von Elyse Dodgson ist aus der einst experimentellen Sommer-schule ein renommiertes Programm geworden. In einem offenen Verfahren ausgewählte internationale Bewerber arbeiten über einen Monat lang mit Regisseuren, Schauspielern und Dramaturgen an einem ersten Entwurf für ein neues Stück zusammen. Das Theater erhält unaufgefordert Manuskripte aus der ganzen Welt: Ein Team freiberuflicher Lektoren liest diese Stücke in 30 Sprachen und berät bei der Auswahl von Stücken, die für das Royal Court Theatre geeignet sind.


Das Publikum in London ist gierig darauf, internationale Werke zu sehen. So widmet sich das Gate Theatre in der Hauptstadt ausschließlich der Inszenierung internationaler Stücke und das Soho Theatre zeigt Werke aus Polen, Korea, China und Japan. Zwar sieht das Publikum sehr gern Stücke aus anderen Ländern, jedoch am liebsten in britischer Inszenierung. Insbesondere das Londoner Publikum scheint eine Vorliebe für ausländische Werke zu haben, die ein Gefühl dafür vermitteln, wie das Leben in einem anderen Land ist, sozusagen eine „Postkarte aus der Fremde“ und keine Meditation über das Leben und den Menschen im Allgemeinen: Eine Geschichte über ein Callcenter in Indien wird eher ein Publikum finden als ein Stück über eine zerstörte Beziehung zweier Menschen Mitte 20 in Berlin. 
 

Aus dem Englischen von Silke Ballmann



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