Die sardischen Zirkel

von Paola Soriga

Das neue Italien (Ausgabe III/2016)


An einem Aprilmorgen in Rom, der Stadt, in der ich seit zwölf Jahren lebe, nehme ich die Tram Nummer 14 und fahre vom Pigneto bis zur Stazione Termini. Im Straßenbahnwagen sitzen dicht neben mir ein paar Studenten und mehrere Arbeiter: aus Bangladesch, Ägypten, Peru und China. Über Kopfhörer höre ich das neue Album von Iosonouncane, einem jungen sardischen Musiker, der landesweit erfolgreich ist. Das Album heißt „Die“ – ein Wort, das ganz unterschiedliche Bedeutungen hat: Im Deutschen ist es ein bestimmter Artikel, auf Englisch heißt es „sterben“, auf Sardisch „Tag“.

Zwischen Porta Maggiore und Piazza Vittorio dringt elektronische Musik an meine Ohren, die mit Gitarrenklängen, vielstimmigen sardischen Chorälen und Kuhglocken durchsetzt ist. Eine schrille Stimme singt auf Italienisch vom Meer, von Wind und Sonne, von Feldern, Mühlen und einem Mann im Boot, der zu kentern droht, von einer Frau, die auf ihn wartet und die um sein Leben fürchtet. Das Gefühl von einer bevorstehenden Katastrophe steigt in mir auf, ich denke an die Migranten und all die Schiffsuntergänge. Mitten im Stadtverkehr von Rom hole ich über die Musik meine Insel zu mir: Sardinien, das immer schon hin- und hergerissen war zwischen Stillstand und Wandel, zwischen unveränderlichen Dingen und tiefgreifenden Veränderungen.

Immer schon geschüttelt vom Wind, gebadet von Sonne und Meer. Aber da ist auch noch meine Innenwelt, die sich zusammensetzt aus Menschen, die in Bewegung sind, die auf Reisen gehen, die Meere überqueren und die wissen, wie schwer das ist. Aus Menschen, die wissen, dass es im Leben notwendiger- oder gewollterweise, was oft auf dasselbe hinausläuft, „nicht nur die Wurzeln gibt, sondern auch die Veredelungen“. Dieser Satz stammt von Joyce Lassu, und er begleitet mich, seit ich mit 19 Jahren über das Meer fuhr.

Da ich auf einer Insel geboren wurde, auf der Sardisch und Italienisch, also zwei Sprachen gesprochen werden, war das Thema Identität für mich immer schon präsent – im täglichen Leben, beim Studium, in meinen Gedanken. Und dennoch ist es nicht gerade leicht zu sagen, was es damit auf sich hat, es in Worte zu fassen.
Die Tatsache, Schritt für Schritt die eigene Sprache zu verlieren, die in der Schule versäumte Geschichte der Insel, Poesie auf Sardisch, Romane auf Italienisch, die Atmosphäre, die Militärstützpunkte und Ölraffinerien. Und auf der einen Seite die vielen Diskussionen über Separatismen, Unabhängigkeitsbewegungen, über das Meer, verstanden als trennende Grenze, und  auf der anderen diejenigen über Fusionen und Einigungen und das Meer als Tor zur Welt. Letztere sind mir lieber.

Ich höre das Album „Die“ in einer Endlosschleife bis zum Flughafen, bis das Flugzeug abhebt, das mich nach Berlin bringt, wohin mich der sardische Zirkel eingeladen hat. Die sardischen Zirkel sind zu Hunderten über die ganze Welt verstreut, seit der Migrationswelle in den 1950er- und 1960er-Jahren. Mit der neuen Migrationswelle erleben sie gerade einen neuen Aufschwung, so wie in Berlin, wo er von einer Gruppe Dreißigjähriger gepflegt wird – junge Menschen, die im Ausland studieren oder studiert haben, die in Berlin leben oder in London, in Barcelona oder in Turin.

Tatsächlich sind die Sarden nicht die Einzigen, die Zirkel gegründet haben, um sich mit anderen Landesgenossen zu treffen. Es gibt unzählige Zirkel von Leuten aus dem Veneto, Apulien, Kalabrien, Sizilien.
Ein italienisches Paar, das auch in Berlin lebt – er aus Apulien, sie Römerin –, organisiert jeden Sonntag in einem der vielen italienischen Restaurants in Neukölln einen Brunch, wobei die beiden sich jedes Mal eine andere Region vornehmen. Sie sind eine Art Brennpunkt für die jungen Italiener geworden, die sich entschieden haben, in der deutschen Hauptstadt zu leben.

Regionale Mikrogemeinschaften gibt es auch unter den in Italien lebenden Ausländern. Oft wird man in den Jahren an der Universität das erste Mal mit anderen Formen von Identität konfrontiert, was dazu führt, dass man auch die eigene besser kennenlernt. Der offensichtlichste Teil an diesem Vergleich sind die unterschiedlichen Varianten des Italienischen, die sie jeweils sprechen, was ihnen mehr oder weniger auch bewusst ist. Ein anderer Aspekt betrifft natürlich die Essgewohnheiten. Ein weiterer die Musik, die man hört, sei es nun Reggae in venezianischem oder salentinischem Dialekt, sei es Rap auf Neapolitanisch. Ich habe mein Auswärtsstudium in Pavia verbracht, von wo ich nach und nach die anderen Regionen mit ihren jeweiligen Lebensgewohnheiten entdeckte. Ich gehöre zu der Generation von Sarden, die weniger isoliert leben müssen, die trotz der Insellage nicht mehr so kategorisch abgeschnitten sind von allem, dank der Billigflieger. Die im Ausland studieren und leben können. Und die ihre Insel ständig im Kopf haben, die immer mit dem Gedanken spielen, eines Tages zurückzukehren oder vielleicht doch zu bleiben beziehungsweise noch einmal ganz woanders hinzugehen. Denn Arbeit gibt es nicht in Sardinien.

Im Laufe der Jahre habe ich viele Sarden, die weggegangen sind, kennengelernt, und sie alle treffe ich im Sommer auf Sardinien wieder, im August, wenn die Literatur- und Musikfestivals die Insel füllen und die Strände und Restaurants von Cagliari voller Menschen sind. Wir finden uns alle wieder und fragen einander, wie es uns in London, Barcelona oder Chicago ergeht, oder natürlich auch in Padua, Rom, Mailand, Turin und Bologna, zwischen Ehrgeiz und Notwendigkeit, zwischen einem Praktikum in einer Kunstgalerie und der Arbeit in einer Bar, in der man sich als Kellner etwas dazuverdient. In Berlin habe ich sechs sardische Freunde. Während ich mit ein paar von ihnen zu Abend esse, fällt das Gespräch an einem bestimmten Punkt unweigerlich auf das Thema Arbeit: ob man eine hat oder nicht, welche Perspektiven und Erwartungen man mit sich herumträgt, die Entfernung und das Wegsein von zu Hause. Ob man zurückkehren wolle? Ja sicher, aber was dann? Dabei lässt es sich so gut leben in Cagliari.
Die vielen jungen Italiener in Berlin haben oft einen Universitätsabschluss, finden jedoch keine Arbeit in Italien. Viele gehen ins Ausland oder vom Süden in den Norden, wie schon damals, in den 1950er-Jahren, als das Thema Immigration auf der Tagesordnung stand und die Identität zur Untermauerung der eigenen Überlegenheit diente, wenn man etwa an den Türen der Städte in Norditalien Schilder mit der Aufschrift lesen konnte: „Keine Vermietung an Süditaliener“. Und dann kam die Lega Nord, die dazu beigetragen hat, diesen inneren Rassismus, den es meiner Ansicht nach nirgendwo sonst so in Europa gibt wie in Italien, noch zu verfestigen.

Heute, wo es in Italien eine sehr hohe Einwanderungssrate und eine ebenso hohe Auswanderungsrate gibt, hat die Lega Nord ihren Hass gegen die Süditaliener vergessen, um ihn stattdessen gegen die neuen Einwanderer zu richten, diejenigen, die von der anderen Seite des Meeres kommen. Heute lese ich auf Facebook Posts von Bekannten aus dem Norden wie aus dem Süden: Die Einwanderer auf ihren Booten sollen doch am besten alle im Meer ertrinken oder wenigstens nach Hause zurückkehren.

Am nächsten Tag fahre ich nach Turin zu einer Freundin, die aus demselben Dorf kommt wie ich. Wir werden mit ein paar sardischen Freunden ausgehen, die aus einem Ort namens Seneghe stammen. Inzwischen gehe ich zum Aperitivo, eine sehr norditalienische Gepflogenheit, in ein Buch-Café, in dem ein Freund von mir arbeitet, der aus einem Dorf kommt, das Decimomannu heißt. Unter meinen Freunden sind noch zwei andere Sarden, ein Sizilianer, jemand aus Triest, ein paar aus Rom, einer aus den Abruzzen, zwei Kalabrier. Von den Sarden heißt es seit der Zeit der spanischen Herrschaft (von 1420 bis 1713), sie seien „spärlich, nicht gerade schlau und nicht gut miteinander verbunden“. Auf Sardinien selbst wird ein Mensch vor allem mit dem Dorf oder der Stadt identifiziert, aus dem oder der er kommt.

Für alle Außenstehenden hingegen sind wir einfach nur Sarden. Ich denke an den berühmten Satz, den Grazia Deledda über die Sarden gesagt hat: „Wir sind Spanier, Afrikaner, Phönizier, Karthager, Araber, Pisaner, Byzantiner, Piemonteser.“ Ich glaube, dass wir morgen auch Chinesen, Indianer, Rumänen und Ukrainer sein werden. Und natürlich Sarden, Italiener, Europäer.

Aus dem Italienischen von Antje Peter



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